Archive for April, 2009

Sonntag, April 12th, 2009

April is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain.
Winter kept us warm, covering
Earth in forgetful snow, feeding
A little life with dried tubers.

Die Stadt endet nicht und endet nicht: Ich gehe nach Osten, nicht nach Norden, im Norden würde es wohl ein Ende geben. Die Ringautobahn kann nicht weit sein: ein McDonalds-Schild, ein Aral-Schild und blaue Zeichen. Was immer zuerst auffällt: Daß der Horizont wieder da ist. In der Stadt existiert er nicht, monatelang ist er abwesend, aber schon beim Unsteigen am Elsterwerdaer Platz ist er wieder da, wo das von zu viel Platz erschöpfte Biesdorf Center (#) mit ausbleichenden Schildern (Takko etc.) auf dem Parkplatz kauert. Der Horizont ist da, alle Bewegungen langsamer, und alles wartet bestimmungslos darauf, daß Zeit vergeht.

Die Stadt hört nicht auf in Hönow: Siedlungsgebiet, Reihenhäuser, Gartenstadt. Rentner, Hunde, kleine Gruppen von Mittzwanzigern. Die Gemeinde hat Parks zwischen die Häuser geplant, Spielplätze, kleine Hügel, Schilf, Brücken. Ich gehe über eine der kleinen Holzbrücken, mir entgegen kommt eine junge Frau, die sich für unansehnlich hält, mit einem kleinen Hund. Die sieht nicht auf, nicht einmal, als unter mir eine Ente aufflattert: Ich bin ein Fremder, die Männer hier sehen anders aus. Sie tragen keine weißen Hemden, wer weiß, was das hier bedeutet, sondern gestreifte Poloshirts und Dreiviertelhosen. Sie sitzen entweder mit der Familie auf einer Bank, oder gehen in Zweiergruppen: Vater um die Fünfzig, Sohn um die fünfundzwanzig, beide mit großem Hund.

Auf einem der Hügel sitzen zwei Freundinnen in der Sonne und unterhalten sich. Ich stelle mir vor, wie weit sich die niedrigen Häuser zu ihren Füßen erstrecken, ich stelle mir vor, wie die Sonntagnachmittage auf diesem Hügel sie ihr Leben lang zusammenbinden werden, ganz gleich, ob die Gemeinde Hönow ihn damals vorgefunden hat, oder mit einer Caterpillar-Baumaschine in zwei Stunden zusammengeschoben.

Die Stadt hört immer noch nicht auf, die Häuser werden etwas teurer, auch die Autos. Die Straßen sind nach süddeutschen Städten benannt. In den Wohnzimmern hängen die Lampen, die es eben bei Höffner und in den Baumärkten gibt: Welche sonst? Osterschmuck. Vor einem der niedrigen Reihenhäuser zwei Frauen und ein Kind: Geh mal klingeln beim Herrn Hagebrecht. Die Kleine traut sich aber nicht so recht, oder weiß nicht, was man von ihr will. Ich solidarisiere mich insgeheim, das habe ich gehasst, Klingelnsollen bei irgendwelchen Herren Hagebrecht. Am Wasser, das sich durch die Grünanlage zieht, steht ein Zehnjähriger mit einem Netz und macht keinen Mucks.

Dann hört die Stadt doch auf, oder jedenfalls sieht es kurz so aus — eine Wiese, ein kleiner, nicht von der Gemeinde Hönow erdachter Bach, Büsche. Ich gehe am Bach entlang und suche eine Stelle für einen Sprung, um mich in den Schatten auf der anderen Seite zu setzen. Als ich die Stelle finde, wo ein vergrabenes Betonrohr eine primitive Brücke bildet, bemerke ich, daß der Hang auf der anderen Seite keine Wiese ist, sondern ein Feld: Wintergetreide. Es gibt einen sandigen Weg durch das Feld, auf den Hügel hinauf, oben: Häuser.

Ich bin mir nicht sicher, was östlich von Hönow kommt, aber mich interessiert, ob es ein Dorf ist oder noch mehr Siedlungsgebiet. Ich gehe also los, durch das Feld, über das der Wind zottelt, hügelan. Zwei alte Leute auf Fahrrädern kommen mir entgegen: Na, die schieben doch, wenn die da wieder hoch wollen. Auf halbem Weg bleibe ich stehen, der Wind nimmt Sand vom Feld vor mir auf, macht eine Kapriole über dem dunkelgrünen Getreide damit und setzt ihn sanft wieder ab. Rechts von mir ist noch eine Bewegung: Ein weißes Pferd auf einem entfernten Weg. Als ich oben ankomme, stellt sich schnell heraus, daß die Häuser neu sind und teuer waren. Besonders geschmackvoll sind die meisten nicht, es gibt Schloßzitate, und bei mehr als einem ist dem Bauherrn auf halbem Weg die Puste ausgegangen: Da hatte jemand eine Idee von einem Haus und auch genug Geld, aber nicht genug Geduld und Zeit und Vorstellungskraft für die Details. Eins mit schwarzem Holz und Glas könnte mir gefallen, denke ich von weitem, aber beim Näherkommen: Lamellenvorhänge und Nippkram darinnen (Nippkram mit Schlips, aber Nippkram). Ehemals Besitzer einer drittklassigen kleinen Werbeagentur, denke ich, oder Zahnarzt. Die Leute, die ich in den Gärten sehe, sind älter und leuchten rötlich. An der Straße: Mercedes und Zweitwagen, Audi und Zweitwagen, einmal ein BMW-Coupé. Eine Kleingruppe auf einer der langen geraden Straßenfluchten ist offenbar eine Familie beim Spaziergang: ein paar Mittvierziger, eine alte Frau im Rollstuhl, ihr Mann, und zwei Siebzehnjährige, die Arm in Arm gehen.

(Man sollte, denke ich, davon ausgehen, daß es eine dumme Idee ist, Leuten erzählen zu wollen, wie sie leben sollen. Das alles hier ist fremd, viel fremder noch als die kahle Brutalität von Lichtenberg, aber wer könnte diesen Menschen sagen, daß sie sich irren, diesen tausenden von Menschen in ihren Häusern an endlosen stillen Straßen.)

Beim Rückweg über das Feld leuchtet mein Taschentuch grell in der Sonne, der Anblick meiner Hemdsärmel schmerzt schön im hartvioletten Licht. Ich bleibe stehen, beschatte die Augen mit einer Hand, die gleichzeitig die Haare im Zaum hält. Merkwürdig, ein Feld, ein Bach — alles Autogebiet, ich bin der einzige ohne Auto kilometerweit.

Der Weltgeist war besoffen. Die Helden der bürgerlichen Phantasie, also der Phantasie einer Klasse, die auf Leute setzte, die mit ihren eigenen Dampfmaschinenideen in der Welt vorankommen konnten, starben aus — wer heute [...] die Romane von F. Scott Fitzgerald liest, wer sich vorstellt, was für Patienten zu Siegmund Freud kamen, um sich das Ich reparieren zu lassen, wer an die Brüder Goncourt denkt oder an Walter Benjamins Flaneur, wer das lyrische Ich bei Hofmannsthal, bei T.S. Eliot oder in Ezra Pounds »Mauberley«-Gedichten untersucht, muß sich wundern: Wo kamen diese Menschen her, wo sind sie hin?

Die Stadt war lange, lange nicht zu Ende, als ich umkehrte.


[Zochegraben, Neuenhagen bei Berlin]