Archive for Juli, 2012

Samstag, Juli 7th, 2012

Der Lorbeersprung: Ich schreite, vergnügt, mit übergeworfener Jacke und offenbar frisch und munter aussehend, zum Bois de Roscouré hinunter. Mir entgegen kommt ein schwitzender Mensch, sicher etwas mehr als fünfzig Jahre alt; er trägt einen Rasentrimmer und einen schwarzen Pferdeschwanz mit grauer Beimischung. Er ruft mir fröhlich etwas zu, das ich nicht verstehe. Ich entschuldige mich, er wiederholt, jetzt stehen wir voreinander; an seiner Nase hängt ein Wassertropfen. Er sieht meinen etwas hilflosen Blick und fragt, nicht mehr in Dialekt oder keltischer Fremdsprache, ob ich nicht von hier sei. Nein, sage ich, ich sei Deutscher, und manchmal verstünde ich nicht. Ah, sagt er, und sagt auf Französisch, das ich diesmal verstehe, daß er vor zwei Stunden genau so frisch und munter wie ich diesen Weg hinuntergegangen sei, und jetzt, sagt er, solle ich ihn mir einmal ansehen, wie er jetzt aussehe! Vous avez travaillé?! frage ich und zeige auf den Rasentrimmer. Aber nein! sagt er, und nestelt eine Zigarettenpackung aus seiner Gürteltasche. Sie enthält eine zur Unkenntlichkeit verrostete Münze, die er mir zeigt, die er mich aber nicht anfassen lässt (mit einer kleinen schnellen Bewegung weicht er meinen Fingern aus: Sein Schatz!) Ich verstehe, daß der Rasentrimmer kein Rasentrimmer und der Schweiß Regenwasser ist, das im Wald, auch Stunden nach dem Regen, immer noch überall von den Bäumen rinnt. Manchmal, sagt er, finde er Pfennige. Immer noch?! frage ich. Ja, manchmal finde er sogar Pfennige mit Adolf drauf. Ich hebe entschuldigend die Schultern: Oje. Er finde auch Euros, sagt er, aber die taugten nichts. Die Pfennige mit Adolf seien aus hervorragendem Stahl, die Euros zerfielen hingegen schon. Ob ich denn da unten wohnte, fragt er und zeigt über die Schulter auf das letzte Haus mit Fremdenzimmern, und ich antworte, nein, und daß ich vielmehr spazierenginge. Prenez pas les chemins petites rät er mir, auf meine Schuhe blickend, und erklärt, selbst seine Gummistiefel seien voll Wasser und es sei sehr schmutzig im Wald. Das mit dem Metalldetektor sei nämlich gut für seinen, sagt er im Weitergehen und zeigt auf seinen Ischias. Wir winken uns zu, dann gehe ich in den Wald hinein und bleibe wie mir geraten auf dem großen Weg, der eingefasst wird von moosigen Steinwällen. Das Nieselwetter der letzten drei Tage hat Efeu und Farne tiefer grün gefärbt als aufnehmbar ist; es ist ein durch und durch keltischer Ort, und da auch der Schatzsucher weg ist, bin ich ganz allein. (Es gibt, das ist klar, nur einen Schatzsucher, und er hat den Wald verlassen.)

Der Wald reicht direkt bis an den Küstenfluß l’Odet. Ein paar Segelyachten ankern draußen auf dem stillen Wasser. Von einer legt ein schwarzes Schlauchboot ab und hält mit brummendem Motor nach rechts, wo ich St. Marine vermute und vorher die Brücke. Zwei Stunden liege ich unter dem grauen Himmel und einer unbeweglichen Eiche. Der lagunenhafte Fluß teilt sich direkt vor meinem Beobachtungsposten: Ein Arm, links, etwa von wo ich komme, ist fast verlassen, geradeaus liegen mehr Boote. Einmal fährt vorn ein Touristen-Herumgondelschiff vorbei, hinein in den breiten Hauptarm. Ein Lautsprecher sagt “Combrit” und noch etwas, ich ergänze: Da links, am Ende dieses jetzt bei Ebbe fast trockenen Arms, liegt Combrit.

Auf dem Rückweg mache ich halt an einem vollkommen reglosen Weizenfeld. Erst nach Minuten (Minuten sind lang) gewöhnen sich meine Augen an die schwüle Unbewegtheit, und ich entdecke die unzähligen schwarzen Punkte, die über dem Korn flimmern: Winzige Insekten.

* * *

Tags darauf schaue ich auf die Karte und verstehe, wie die Stellen, die ich kenne, zusammenhängen. Ich beschließe den Versuch, noch einmal zu meinem Aussichtspunkt am Wasser zu gehen, diesmal jedoch nicht über den Weg durch den Wald, sondern vom Ende des Combrit-Arms des Flusses her, am Wasser entlang, vielleicht am bei Ebbe trockenen Rand des Flußbetts. Tatsächlich finde ich den Küstenfluß vom Dorf aus schnell: Ich durchquere ein Wohngebiet mit kleinen Zäunen, kleinen Hunden und einer Population von Kindern, bei denen der Besitz, nicht aber der Gebrauch von kleinen Trampolinkäfigen sehr in Mode ist. Von dort finde ich einen schmalen Weg hinab in den Wald. Sehr bald stößt er auf einen bei Ebbe trockengefallenen Flußarm. Das Ufer ist vor langer Zeit mit niedrigen, inzwischen überwucherten und an manchen Stellen von den Eichen gesprengten Steinmauern befestigt worden. Direkt oberhalb der Mauer kann man auf einem fast nicht zu erkennenden Pfad die Küstenlinie entlang gehen. Immer wieder biegt der Pfad allerdings in den Wald hinein ab, oft verliert er sich fast. Als es gar nicht mehr weiterzugehen scheint, gehe ich auf gut Glück einen kleinen Hang hinauf, an nassen Wurzeln mich vorwärtsziehend, und lande, freudig überrascht, auf einem richtigen Weg, in einer hohlen Gasse, die ebenfalls von Combrit her zum Wasser führen muß — nur um gleich darauf festzustellen, daß sie einige Meter weiter abrupt in einem riesigen Lorbeerbusch endet.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich, daß es zwei Büsche sind, über dem Weg zusammengewachsen. Ich ziehe also die Wachsjacke an, stecke die Kamera ein, und gehe kurzerhand hindurch, durch das Lorbeerbuschtor. Auf der anderen Seite des Lorbeerbuschs war lange niemand. Der Pfad ist kaum noch zu erkennen, immer wieder verliert er sich zwischen mehr Lorbeer, Farnen, Gräsern oder umgestürzten Bäumen. Eine Quelle finde ich, in Stein eingefasst und mit einem flachen Bassin nutzbar gemacht, wie ich gestern im Bois de Roscouré schon welche gesehen habe, dort, für die Besucher, mit Schildern, auf denen geheimnisvolle Namen stehen. Diese Quelle hier ist moosbewachsen, namenlos, vergessen und sehr keltisch. Ohne die Jacke wäre kein Durchkommen mehr, manche dieser Küstenbewohner sind dornig und versuchen, mich hineinzuziehen in den Wald. Einmal bin ich unvorsichtig und rutsche beim Überklettern eines entwurzelten Baumes aus. Na schön, eine Hose schmutzig und ein Knie aufgeschürft: Das ist es wohl wert. Weit kann es nicht mehr sein bis zum Bois, aber der Pfad ist kaum noch wahrnehmbar — bis schließlich zwei an Land gezogene Boote auftauchen und der Weg geradezu gepflegt wirkt. Dann erscheint ein kleiner Pavillon. Der Weg macht einen Schlenker, einige Meter landeinwärts, auf einen Hügel zu, der frei im grau blendenden Licht liegt, eine große Wiese mit hohem Gras und einem einzigen Baum, und dahinter: Ein Schloß, alle Fenster abgedeckt. Ich halte mich ganz am Rand der Wiese, zum Wasser hin, und als ich sie halb durchquert und das Haus schon im Rücken habe, werde ich, unverständlich, angerufen. Ich drehe mich um und sehe einen anderen Spaziergänger mit einem Hund. Der Hund läuft scharf auf mich zu, eine Schockwelle im Gras hinterlassend: Ah, der Mann ruft seinen Hund zurück. Ich drehe mich um und gehe weiter, zweimal noch höre ich den selben Ruf, beim drittenmal in etwas aggressiverem Ton. Ich schaue wieder hin: Der Hund macht noch drei Sätze, bis er Sprungdistanz erreicht hat, ich denke: oh, der spring dich jetzt an, setzt an — und springt nicht. Er stoppt tief geduckt vor mir ab, macht kehrt, und nimmt neuen Anlauf, alles vollkommen lautlos, Graswellen werfend. Was immer der Spaziergänger gesagt hat, er hat es nicht zu diesem Hund gesagt: Der ist zu professionell. Ich bleibe stehen und wende mich um. Ich entschuldige mich, und sage, daß ich Deutscher sei und manchmal nicht verstünde. Der andere erklärt, daß ich auf einem Privatgrundstück sei und fragt mich, wo ich herkäme. Ich sage: Combrit. Er ist verwirrt: der Weg nach Combrit endet am Schloß, von dort kommt er selbst. Ob ich mit dem Auto da sei, fragt er, was keinen Sinn ergibt. Er hat noch nicht verstanden, wie ich an ihm vorbei gekommen bin. Der Hund prescht um Haaresbreite an meinen Beinen vorbei, zurück in die Grasmasse. Ich verstehe inzwischen, was vorgeht: Dieser Mann ist der Wächter. Ich bin der Eindringling. Ein Eindringling mit weißem Hemd, Wachsjacke und einer Kamera mit wunderlichem Objektiv, der durch einen Lorbeerbusch gekommen ist auf einem Weg, den es nicht gibt. Das sei alles Privatgelände, sagt er, und zeigt auf die Gegend, in die ich will, und dann auf die Gegend, aus der ich komme, und die man auf seiner kognitiven Karte nicht durchqueren kann. Ich überlege, ob ich ihn fragen soll, ob das sein Haus sei, und es loben, aber ich will ihn nicht zwingen, Nein zu sagen: Er sieht nicht aus wie ein Schloßbesitzer. Auch kennt er den Namen des Hauses, in dem ich selbst Ferien mache, nicht; jeder Einheimische würde ihn kennen: Nein, dieser etwas unscheinbare blasse Mann in hellen Jeans kommt wohl doch aus Paris. Ob ich Ferien hier mache, fragt er, und ich sage ja, Ferien. Gestern sei ich im Bois de Roscouré gewesen und wolle heute wieder dorthin gehen, am Wasser entlang. Es sei nicht leicht gewesen bisher. Ob man nicht doch am Wasser enlang gehen könne, frage ich, zu mehr Hartnäckigkeit fähig als ich es in meiner Muttersprache wäre, aber inzwischen hat er mich als harmlos eingestuft und macht seine Sache sehr gut: Il y’a une barrière, sagt er und sieht mich fragend an: Sie sind doch keiner, der über Zäune klettert? Ah, sage ich. Mais je peux vous montrer la sortie.. Das gefällt mir: Er verwandelt sich aus Höflichkeit zurück in einen Spaziergänger mit Hund, der mir von den lokalen Gegebenheiten erzählt, obwohl wir beide wissen, daß ich den Perimeter eines Reichen verletzt habe, indem ich durch den undurchdringlichen Lorbeerbusch ging; den Perimeter eines Reichen, dessen Hausrecht er, der Wächter, ausübt. Er zeigt mir den Ausgang, dazu muß man zum Schloß, viel näher, als ich dem großen Haus kommen wollte, komme ich ihm. Ein bisschen Material liegt im Hof, Gips und Kacheln, der Citroen des Wächtes steht da, Gartenmöbel sind auf einer Terasse zusammengestellt. Das Haus und alles hier gehöre dem Herrn, und er sagt einen Namen. Ich gebe zu, den nicht zu kennen. Un realisateur du film, sagt der Wächter, und der Weg nach Combrit führe zur Post, ob ich von dort meinen Weg zurück finden würde? Ich sage ja, erkläre nicht, daß ich mich keinesfalls verirrt hatte, und danke: Er denkt immer noch, ich habe mich verlaufen und es irgendwie an ihm vorbei geschafft.

Von der Post aus kann man in den Bois in gerader Linie gehen, auf dem Weg vom Vortag: Links liegt dann das Grundstück, durch das ich nicht gehen durfte. Ich bin versucht, von der anderen Seite die Existenz eines Zauns zu überprüfen. Es würde mir Spaß machen, wenn es keinen gäbe. Aber ich will nicht riskieren, für einen naseweisen Journalisten gehalten zu werden. Ich habe auch keinen Grund, dem Manne unangenehm zu werden. Im Wald, der dem Conservatoire du littoral gehört, kann ich, nach den Mühen bisher, leicht am Wasser entlang gehen. Ich erreiche meinen Aussichtspunkt und gehe noch weit darüber hinaus, bis ich die Brücke sehe, die ich von der anderen Seite, von St. Marine her, kenne.

Das Herumgehen in der Welt, in diesem Fall das Durchqueren des keltischen Zauberwalds mit den Lorbeerbuschtoren, irritiert das Eigentum, besonders das Eigentum der Autofahrer, die aus Paris kommen auf einen Besitz, den sie rollend sich gar nicht erschließen konnten. Das archaische Ereignis des Fremden, der aus dem Busch kommt, wird weder als Bedrohung noch als Gelegenheit zur Gastfreundschaft behandelt, sondern zuallererst als Sprung im Weltgefüge.

Die Natur ist eben nicht der Kultur entgegengesetzt, diese beiden folgen gemeinsamen Gesetzen und durchdringen sich überall; der spezifische Gegensatz beider ist der zum Sozialen, zum Miteinanderumgehen der Menschen: Das ist die ganz andere, zweite Welt. (Die Natur und die Kultur, Efeu und steingefasste Quellen, schweigen in Komplizenschaft, wenn man ihnen allein begegnet. Der Schatzsucher und der Wächter verhalten sich und erzeugen mehr Verhalten.)

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