1. Ort: Bargfeld liegt 20 km NO von Celle (dies Sitz d. zuständigen Behörden) / Einwohnerzahl 350 ( 45 Häuser) / Verbindungen: in Eldingen, 3 km S, Bahnstation der Linie Celle Wittingen. – Die Landstraße selbst hört im Ort auf, da weiterhin nur Moor und ödeheide; also keinerlei Durchgangsverkehr; absolute Stille garantiert (und durch 2 Übernachtungen erprobt). / Poststelle beim Gastwirt (dort auch ein öffentlicher Fernsprecher). Ein weiteres Telefon beim Kaufmann. Keine Kirche (!). Schule am anderen Ortsende, bei Schlotters; also auch diese Lärmquelle quantité négligeable. / Bei Wahlen 30% SPD=Stimmen. / Kohlenhändler und Wäscherei in Eldingen; kommen ins Dorf. / Flüßchen Lutter (Badegelegenheit schwierig zu finden (Fischteiche? ›Bei 20 Mark Strafe ..?‹) ein offizielles Bad in Eldingen). / Die Häuser des Ortes liegen um einen, mit einem ›Eichenkamp‹ bestandenen, Dorfplatz; dies die ›City‹ mit Wirtshaus, Feuerspritze und Ortsbulle. // 2. Umgebung und Klima: weite ›Parklandschaft‹; d.h. Flächen (20% Äcker; 80% Wiesen und Weiden) durchsetzt mit Waldstücken (Bauernwald) von meist 500 x 250m Größe. Etwa 50% der gesamten Umgebung Wald. / Feuchte Niederungen von prächtigstem Moorcharakter; gegen NO sogenannte ›Wilde Moore‹, d.h. solche, in denen Wanderer, ohne irgend Aufsehen zu erregen, versinken können (panzersicher!) In dieser Richtung kann man 50 km gehen, ohne irgend ein Haus zu erblicken! [#]

Hannover war überlaufen. Links und rechts warfen sie Rollkoffer in meinen Weg, damit ich fallen sollte. Ich kaufte eine Flasche Wasser und fragte, wo man ein Auto mieten könne, und sie sagten’s mir. Nur gab es keine Autos mehr in Hannover, nicht am Samstagnachmittag, nicht am Bahnhof, wo das Leben sinnlos vor sich hin tobte. Kaum war der Plan unmöglich geworden, bemerkte ich, wie absurd er gewesen war, und erleichtert stieg ich in die S-Bahn nach Celle: Ich hatte kein Auto: gut! Meinen Eisenbahnfrieden gegen den Straßenkrieg zu tauschen, Unsinn.

In Celle ist den Schildern der Einheimischen nicht zu trauen, wenn das Hotel links liegt, weist das Schild der Hotelroute es rechts aus. Ich nehme an, daß die Hotelroute für Automobile gedacht und kreisförmig ist, oder daß das Celler Loch kein gefälschter Sprengstoffanschlag, sondern die Wohnhöhle eines gefräßigen Heidesandwurms ist, dem die Celler per Beschilderung Touristen zuführen. Ansonsten ist Celle proper und rechtschaffen, nur das Schloß ist unglücklicherweise etwas hässlich geraten.

Daß ich kein Auto mehr bekommen werde, weiß ich schon. Ich brauche ein Auto, denn Bargfeld liegt etwas mehr als zwanzig Kilometer im Nordosten. In Eldingen gibt es die Kleinbahn, die Schmidt Ende der 50er erwähnt, seit vermutlich 1974 nicht mehr. Ich frage an der Rezeption, bescheiden: Vielleicht ein Fahrrad? Auch kein Fahrrad am Samstagmittag. Eine Viertelstunde später hat sie doch eins beschafft (Ehrensache: was denkt der einsame Reisende mit Berliner Adresse denn sonst?). Es ist ein ungeschlachtes Damenrad mit 7-Gang-Nabenschaltung, wacker & schlottrig; ich bin zufrieden und stürze los, verfahre mich kurz in Celle, oder besser um Celle herum, finde die richtige Straße, dann nimmt Celle kein Ende, und dann bin ich draussen, im Kiefernwald, die Sonne schon tief am Himmel: Na verdammt, und außerdem bin ich seit Jahren nicht radgefahren und fühle mich sofort schwach mit dem zähen Ding. In Beedenbostel, fünfzehn Kilometer vor Bargfeld, etwa auf halber Strecke, gebe ich zähneknirschend auf: Da hätt’ ich mal schön in der Heide übernachtet, hätt’ ich das versucht.

There’s plenty of Windrad in Beedenbostel.

Unter den niederen Dächern der Höfe stehen mit Heu überladene Gummiwagen und duften. Eine Mühle macht gar nichts. Eichen und Birken. Ein Abweg: Weil die Kühe so friedlich aussehen und anziehend nach Kuh riechen. Die dürfen hier raus und nach Kuh riechen: Sagenhaft. 1979, als Arno Schmidt starb und ich geboren wurde, rochen Kühe so, im Schwäbischen und im Hannoverschen. Im Schwäbischen hat man sie inzwischen weggesperrt. Na toll, denk ich, das ist ein echter Vuine: fünfzehn Kilometer vor Bargfeld scheitern, weil kein Auto aufzutreiben war. Und schlingre zurück über die Landstraße in meinem weißen Hemd, und die vorbeiröhrenden Hyundai-Sportwagen denken sich mal wieder ihren verächtlichen Teil.

Am Abend beschließe ich, noch einen Tag zu bleiben und einen zweiten Versuch zu unternehmen: Mit dem Metronom bis Eschede, und dann von Westen her rüber: Über die Flanke.

Es ist leicht von Eschede aus. Eschede selbst ist schön, nicht zuletzt, weil es einen Laden gibt, der einmal ein Eisewarengeschäft war. Ich weiß, daß es einmal ein Eisenwarengeschäft war, weil es Eisenwarengeschäfte in Dörfern dieser Größe gab, und weil sie sich während der 80er alle gleichzeitig zu etwas entwickelten, wofür es keine Gattungsbezeichnung gibt, außer: Läden, die einmal Eisenwarengeschäfte waren. Es fing vermutlich mit kupfernen Lampen und Kannen an. Dann kamen die bemalten Enten, die Ampeln, Glaskraniche, Tiffany-Vasen, Ziertöpfe, Zinnkrüge und Zinnfiguren. Regal um Regal voll nutzloser, nie abverkaufter, den Städtern unverständlicher, wunderbarer, seit inzwischen fünfundzwanzig Jahren altmodischer Dinge aus einem Land, in dem Kupferblechlampen an schmiedeeisernen Ketten zwischen braunvertäfelten Wänden hingen. Diese einstigen Eisenwarenläden haben nicht mehr auf, sie sind nur noch da, mit einer kleinen runden Knopfklingel und einem trübcraquelierten Plastikglas daneben. Man klingelt, wenn man den Flaschner treffen will, mit einer irren Konstruktion im Kopf für einen Tisch, auf dem man auch eine Bohrinsel würde abstellen können. Der Flaschner spottet und macht’s halt, und wenn die Ladentür geht, bimmelt sie. Eine orangene Moulinex-Friteuse wartet im Hintergrund für immer auf ihren Prinzen.

Nach Eschede: Schotterwege, Weiler, rasende Landwirtschaftsmonster mit siebenjährigen Buben, hoch oben im Sozius. Ein langer, gerader Pfad, leicht abschüssig, na danke, frohen Rückweg. Kühe. Zum Trauern haben die keinen Grund, aber gefleckt sindse: also. Die Windräder in Beedenbostel drüben, so sehn die von hier aus, gleich nämlich. Dann: Bargfeld, erst ein paar Dächer, dann ein Glascontainer, ein Durchfahrt-Verboten-Schild, drauf mit Edding: “Zecken!”, und ein Ortsschild: Bargfeld. Gemeinde Eldingen. Landkreis Celle. Codename für Danke Welt, sei gern für den Rest meines Lebens ohne mich laut. Ich hatte es mir sehr viel karger vorgestellt: Nur planes lila Heidekraut so weit das Auge reicht, und eine Kate mit einer Pumpe davor. Aber Bargfeld ist üppig, Wäldchen und Felder ringsum, riesige Eichen stehen im Ortskern. Und das Gasthaus Bangemann, im Hof: Ein Rudel Räder. Ich schließe meins unter den Eichen ab und gehe nach Norden raus, wo das Moor sein soll (panzersicheres Gebiet!), überquere die Lutter, und da ist Moor. Es ist kein finsteres, bäumeverkrüppelnd schwarzes Krebsmoor wie meins, und es ist Juni: freundlich und fröschern. Und Wildgänse, irgendwo vor mir. Stiebende Pappelflusen im Mittagslicht.

Zurück im Dorf: Ich wage mich zu Bangemann. In Bargfeld hat es keinen Sinn mehr, unschuldig zu tun. Die wissen alle, warum einer hier ist, der aussieht wie ich. Die Truppe Fahrradausflügler, die bei Bangemann sitzt, ist jedenfalls nicht wegen Schmidt hier: Alle knarz und bunt über sechzig, eine reguläre Radtour. Was bedeutet, ich bin der Einzige. Es gibt keinen besonders regen Arno-Schmidt-Tourismus, wie es aussieht. Hätt’ ich erwartet: Wegen Gemeindebildung. Ich bin einfach an einem Sonntagmittag mit einer alten Mähre von einem Rad in ein schwer erreichbares Dorf am Südende der Lüneburger Heide gefahren, und dort steht das Haus von einem Dichter, der seit über dreissig Jahren tot ist und den immer noch welche lesen.

Bangemann: Ein Dorfgasthof mit dem Geruch der Dorfgasthöfe, Bier, Rauch, Menschen und Würfelbecher über viele Jahrzehnte. Holztäfelung, Überlagerungen: der Resopaltresen, den ich auf fünfzig Jahre schätze, die Falt-Schiebetür aus Holz: nicht ganz dreissig, die Vorhänge wenigstens zwanzig. Die Schreibtischlampe im Arbeitszimmer kenne ich, ich habe sie vor zwei Jahren fünfzehnmal fürs Büro gekauft: IKEA TERTIAL. Der Zapfhahn aus rotem Marmor verrät eine Marke: Eisfink, in schwungvoller Petticoat-Typographie.

Und dann: Zum Kronsberg. Vorn die Stiftung, vornehm, verlassen, ein ziemlich aktueller iMac in einem der Fenster. Dahinter das Haus, das Gartentor (Kette, Vorhängeschloß) und das Archivhäuschen, der Garten, und dann nichts mehr, schwächelnder Feldweg nach Osten. Ich habe keine Besichtigung vereinbart, nicht für mich allein und unter so abenteuerlichen Bedingungen schon doppelt nicht. Vorne, am Türschild der Stiftung, steht eine Telefonnummer. Ich bin keine Sekunde in Versuchung: Ich störe niemanden beim Mittagessen, wer weiß wo? weil ich die seit dreissig Jahren stillen Bücher und die Lampenmorcheln eines toten Helden sehen will : sind wir zum Botanisieren hier ? !

Wieder auf dem Rad geht es leichter als erwartet, die Steigungen sind alle lachhaft — überhaupt habe ich statt des erwarteten rüden Muskelkaters nach dem gestrigen ersten Versuch nur einen zerstoßenen Steiß. Das harte Geleucht der Mittagssonne macht mir zu schaffen, nicht weil es nicht angenehm wäre, sondern weil es mir seinen Vers aufdrängt, und weil ich ein verirrter Wahl-Städter mitten in der Heide bin: Nicht nur schnappt meine Wasserflasche bei jedem Schlagloch vom Gepäckträger und springt ins Gebüsch, ich habe auch keinen Sonnenschutz dabei; britzelt schon.
Zwei Feldsprenger sprengen den Radweg vor Eschede mit, und ich fahre mit Karacho in das launische Gegischte hinein und grunze einen grinsenden Regenbogen.

Eschede, Bahnhof: Ein Liebespaar, beide siebzehn, trennt sich am Metronom. Komm mit, sagt er, und meint es so. Ich würd so gern, sagt sie, und rührt sich nicht. Er bleibt in der Tür stehen. Sie macht einen Schritt vorwärts, er spannt alle Muskeln an. Sie bleibt stehen – zweimal fiept die Tür, zwei Küsse durchs Fenster. Er steigt in Celle mit aus: 10 Minuten Fahrt. Es wird eine endlose Nacht.

Celle ist offenbar reich, alles ist prächtig. Vor der Martinskirche gibt es einen verspielten Brunnen, ohne Becken direkt im Pflaster, wie man das jetzt macht, der jedesmal, wenn ich vorbeigehe, mit einer neuen Funktion angibt. Gerade sprüht er feinen Dunst, gleich stuppt er lustige dicke Tropfen hoch, von West nach Ost läuft die Tropfengirlande und zurück. Die Celler Jugend sieht proletarisch aus und fährt teure Cabrios: So eine Stadt ist das.

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[Bargfeld, Naturpark Südheide, Niedersachsen]