Mode ist etwas, dem man nicht zuviel bzw. dem man nicht die falsche Aufmerksamkeit schenken sollte. Mode soll man tragen, nicht über sie reden. Es geht um Performanz, also um die Entfaltung auch und besonders des sozialen Zweckes der Mode, also der Bekleidung als Ausdruck von Persönlichkeit und Haltung zu den Dingen und eben auch zur Mode selbst. Bekleidung ist immer Kommunikation, auch wenn man sich dessen nicht bewusst ist (in diesem Fall kommuniziert sie zumeist genau das: “Mir ist halt egal, was ich anziehe”). Sie kann also nicht nicht kommunizieren. Anders als bei anderen, sagen wir mal – “Medien” erweitert der Metadiskurs über die Mode, wie er insbesondere gegenwärtig in manchen dieser sogenannten Fashionblogs betrieben wird, nicht ihr Feld, wie es etwa die Theorie der Bildenden Kunst oder des Filmes tun. Genau hier zeigt sich eine der diskursiven Scheidestellen: Mode ist keine Kunst, wie es ein Gemälde, ein Film, oder ein Roman sind. Die Mode hat noch einen anderen Zweck als autonom in sich selbst als Kunstwerk zu existieren. Und genau aus diesem Grunde muss auch anders über sie bzw. eben NICHT über sie gesprochen werden. Die Mode kommuniziert sich selbst am Körper des Trägers und vor allem auch in Verbindung mit dem selbigen, als Synthese quasi. Man kann dies abbilden und also dokumentieren, jedoch sie selbst durch Text erweitern zu wollen, läuft ihrem Wesen zuwider. Also: Schnauze halten und sich einkleiden, nicht darüber sprechen. Das ist nämlich schlechter Stil.
[Grundlagen der Semiotik/Schleifenbewegung/Paradoxie]
[...] Das Vorhaben von Die Sprache der Mode entstand unmittelbar im Anschluß an das Nachwort der Mythen des Alltags, in dem ich die Möglichkeit einer immanenten Analyse anderer Zeichensysteme als der Sprache entdeckt habe - oder zu entdecken geglaubt hatte. Ich hatte von diesem Augenblick an den Wunsch, eines dieser Systeme, eine von allen gesprochene und zugleich allen unbekannte Sprache, Schritt für Schritt zu rekonstruieren. So habe ich die Kleidung gewählt. [...]
Roland Barthes
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Gut: Zeigen
Böse: Labern
Seit vier Tagen leben wir nun
restglänzend
und hoffnungsbehangen
in einem weiteren
Jahrzehnt der schönen Frauen
Und drüben über den Dächern
wabert rosafarben Ektoplasma
Akkumuliertes Restmaterial
zerfetzer Seelen
Seit Äonen schon
im Transit
Am Fuße des Jin Mao Towers in Shanghai stehen nette chinesische Herren in Trevirajacken und möchten einem sehr günstige Füllfederhalter der Marke Montblanc verkaufen. Im Fuße des Jin Mao Towers in Shanghai, nahe der Turbolifte, kann man aus einer Theke heraus vergoldete Miniaturen des Jin Mao Towers sowie des Brandenburger Tors kaufen. In den Turboliften des Jin Mao Towers in Shanghai kann man nichts kaufen, jedoch wird einem recht schnell übel und man möchte sich irgendwo festhalten, das geht jedoch nicht, also setzt man sich auf den Boden. Auf der 340 Meter hohen Aussichtsplattform des Jin Mao Towers in Shanghai werden echte Perlen aus dem Pearlriverdelta verschenkt, adrette junge Damen in bunten Kostümen bieten an, Löcher hinein zu bohren. Ein paar Meter weiter befindet sich das höchste Postamt Chinas. Außen, nebenan, basteln junge adrette chinesische Bauarbeiter auf filigranen Bambusgerüsten am Shanghai World Financial Center herum, das bei seiner Fertigstellung im Jahre 2008 mit 492 Metern den Jin Mao Tower um 70 Meter überragen wird. Wenn man winkt, winken sie zurück, im Rhythmus der im Wind schwankenden Rohrkonstruktionen. Innen, nebenan, kann man durch eine Glasglocke in die 38 Stockwerke hohe Lobby des Grand Hyatt Hotels hinunter schauen; am Rande der Glasglocke befindet sich eine Reling, an der man sich festhalten kann, sollte einem übel werden. Vom 52. Stock des Gebäudes aus führt der längste Wäscheschacht der Welt bis in den Keller. Beim Verlassen des Jin Mao Towers in Shanghai kaufen wir im Vorübergehen 20 Füllfederhalter der Marke Montblanc und unterqueren dann den Fluss vermittels einer befahrbaren Disco.
Niemand muss Angst haben vor der Zukunft.
[Dezember 2006]
Im Dach über meiner Veranda wohnt ein Gecko. Geckos sind laute Tiere. Tagelang fragte ich mich, ob es auf der Insel überdimensionierte Ochsenfrösche gibt, die nachts in Gruppen auf der Wiese um das Haus herum sitzen und versuchen, sich in Intensität und Lautstärke gegenseitig zu übertreffen. Doch als ich dann einmal auf der Veranda saß, spät abends, konnte ich das vermeintliche Ochsenfroschgeräusch ganz deutlich von oben hören, es kam aus dem Dach, durch die Ritzen zwischen den einzelnen Brettern hindurch. Ich erschreckte mich ein wenig, naturgemäß, weil ich ja dachte, dass die Ochsenfrösche nun plötzlich auf beziehungsweise in meinem Verandadach saßen, und fragte mich irritiert, warum und vor allen Dingen wie sie denn nun dort hin gekommen sind. Und während ich mit großen Augen verwundert nach oben blickte, zeigte sich langsam und argwöhnisch ein Kopf in einem etwa zehn Zentimeter breiten Loch, das sich zwischen den Brettern des Vordaches befindet. Zuerst ein schuppiges, grünliches Maul, mit zwei schwarzen Nasenlöchern darüber, dann zwei kritisch blickende, große Augen und schließlich ein merkwürdiger Kamm über gerunzelter Stirn. Und während wir uns gegenseitig musterten, der vermeintliche Ochsenfrosch und ich, öffnete er leicht seine schorfigen Lippen, zwischen denen eine gespaltene Zunge zum Vorschein kam und gab ein sehr lautes, durchdringendes Geräusch von sich. Es hörte sich an wie eine Gruppe von Ochsenfröschen, die auf einer Wiese um ein Haus herum sitzen und versuchen, sich gegenseitig in Intensität und Lautstärke zu übertreffen. So sind wir uns das erste Mal begegnet, der Gecko und ich, und seitdem versuche ich, ein Foto von ihm zu machen, doch Geckos sind nicht nur laut, sondern auch schnell, besonders, wenn sie Kameras sehen, wobei natürlich die Frage bleibt, woher ein Gecko wissen soll, was eine Kamera ist. Der Gecko ist selbstverständlich nicht das einzige Tier, das sich hier heimisch fühlt, jedoch das einzige, das unter meinen Dach wohnt, sozusagen. Neben den obligatorischen Spinnen und Kakerlaken, die dann und wann an Stellen, an denen man sie nicht gerne begrüßt, zu finden sind, seien besonders die Hähne erwähnt, die tagein tagaus auf dem Gelände herumspazieren und ungeachtet der Zeit ihrer vermeintlichen Funktion als Wecker nachkommen, was durchaus störend sein kann, besonders um vier Uhr morgens. Hühner habe ich interessanterweise noch keine gesehen, vielleicht hat die gesamte Weckerproblematik auch etwas mit sexueller Frustration zu tun. Doch all dies darf unter Berücksichtigung der übrigen Gegebenheiten in keinster Weise als Unannehmlichkeit bezeichnet werden.
If we don't, remember me
[...] Um die Wiederholung konstruktiv zu halten, wird das Moment des Verlustes anzuerkennen sein, das die Differenz bedingt. Die Wiederholung holt nicht dasselbe wieder, sie erinnert an das Gleiche, das eben nicht identisch ist, und zeigt damit auch das auf immer Verlorene im Wiederfinden. [...]
Marion Strunk - Die Wiederholung
Von Zeit zu Zeit muss ich an Indien denken. Es macht mir nichts aus, denn das passiert auch anderen. Heute war es wieder soweit. Weite Teeplantagen taten sich vor meinem inneren Auge auf, Götter mit Rüsseln sah ich und Menschen, die ihre Körper mit Asche waschen. Und einen weißen Stuhl.
[...] Figur: Was zunächst unmöglich scheint, ist am Ende vielleicht doch möglich. In unserem Fall: einen ROMAN AUS FRAGMENTEN zu konzipieren, einen FRAGMENTARISCHEN ROMAN. [...]
Roland Barthes - Die Vorbereitung des Romans
[Ich] kann das alles nicht verstehen, und [ich] kann das alles nicht fassen, all die Ebenen, und Schichten, und die Sinnlosigkeit der Worte und die Erinnerung und die Hoffnung, den Glauben und die Gedanken und die Nichtigkeit und die vollkommene Großartigkeit, wie soll man das nur sagen, wie soll man dessen nur habhaft werden – aber muss man das überhaupt?
Nackte Füße auf dem Waschbeton der Terrasse, vorhin noch die Finger an den Cocktailgläsern, die Worte an den Gedanken festgesaugt, der Rauch, die Gesichter, und den ganzen Tag durch die Stadt gefahren – mein Gott, bin [ich] betrunken.
Sag, [ich] weiß, das alles ist überflüssig und ist es nicht, doch das Wahrhaftige ist ganz woanders, und [ich] weiß, wo es sich versteckt. [Ich] habe nichts mehr zu verbergen, [ich] sah dies alles, und [ich] weiß auch, was noch weiter sich verbirgt, hinter den Gesichtern und den Muskulaturen und den Geräuschen des Lachens und der Liebe. Nichts mehr wird sich verstecken können. Und alles bleibt unerkannt.
Im Bereich des Barocken schloss man mit Magna cum laude ab. Im Bereich der Liebe bleibt das Unerkannte. Zeig dein Gesicht, in Dunkelheit. [Ich] kann es sehen, das alles.
Das freut [mich].
“Wo sie idealisieren (lieben), können sie nicht begehren; und wo sie sinnlich begehren, sind sie unfähig zur Liebe und Bindung.”
Oui, oui. Mon Cher.
Wobei ich aber auch hier wieder finde, dass dies keine Frage des Geschlechtes ist, sondern eine des Charakters – oder sagen wir lieber: der psychischen Verfasstheit. Konstitution?
Es fällt mir sehr schwer, mich genau zu erinnern. Man sagte mir, ich hätte die beiden vergangenen Jahre in einem Kellerverlies unterhalb des Grill Royal verbracht, hineinkonstruiert zwischen Vorratsräumen und Heizkeller, mit eigenem Luft- und Abwassersystem. Es war komplett eingerichtet mit weißen Möbeln, die exakt so aussahen wie aus der beliebten Billy-Reihe eines großen schwedischen Möbelhauses, jedoch viel besser verarbeitet waren. Bei Hochwasser schwappte die Spree durch das oben gelegene Fenster hinein und durchnässte das Strohlager und meine Notizen. Man mischte mir täglich Drogen ins Essen, wohl eine Mischung aus Peyote und Amphetaminen, und ich muss unfassbar viel Text produziert haben, ausgehend von den Manuskripten, die in den Schränken des Vorraumes gefunden wurden. Ich weiß noch, dass einmal im Monat ein Herr in einem gutgeschnittenen Anzug, das war wahrscheinlich der Herr von Eden, mit Pomade im Haar, vorbei kam, die aktuelle Produktion begutachtete und Verwendbares mitnahm. Ab und an schauten auch seine Kollegen, die Frau Eggers und der Herr Landwehr, herein, und lockerten die zumeist recht eintönige Kost aus Fleisch-, Kartoffel- und Salatresten mittels mitgebrachter Präsentkörbe aus dem Hause Butter Lindner auf.
Einmal belauschte ich ein Gespräch, das Frau Eggers mit dem Geschäftsführer des Grill Royal, einem dicklichen Herrn im rosa Hemd, auf dem Flur führte. Ich verstand nicht viel, außer dass man sehr zufrieden mit dem Verlauf der Unternehmung sei und darüber nachdachte, das Konzept international auszubauen. Soweit ich es bisher rekonstruieren konnte, schrieb ich unter anderem wohl “die Geschichte eines Mädchens, das mit 13 seine Mutter an den Suff verloren hat, das nach Berlin geht, zu ihrem Vater, einem Theaterintendanten, das die Schule schwänzt”, welche teilweise wohl frappierende Ähnlichkeit mit den Texten eines Berliner Webloggers, dessen Name mir jetzt nicht mehr einfällt, haben soll; des weiteren “ein Generationenporträt und den Roman eines Lebensgefühls: die Geschichte der ersten echten Krise im Erwachsenenleben, erzählt als Roadstory”; einen Roman, der beweist, “dass man ein gutes Buch nicht vortäuschen kann. Man braucht dafür sprachliche Fähigkeiten und eine interessante Geschichte. [...] Dieses hier liest sich jedoch wie das eilig hingeworfene Drehbuch zu einer Fernseh-Vorabendserie”; einen Text über den deutschen Kriegseinsatz in Afghanistan, der laut Ingeborg Harms “dank seines Deadpan-Humors [...] eine Poesie der Wahrhaftigkeit entfaltet” und dessen “streng gefügte Prosa [...] das Erbe der Klassik neu durchdenkt”; sowie ein multifunktionales Werk, das zugleich “Reiseroman, Businessplan, Misserfolgsgeschichte und Hochstapelei ist. Bei aller Verspieltheit bleibt jedoch der ernste Kern, tatsächlich auf eine Ästhetisierung der Welt zu zielen.” Schade, dass mir nicht mehr das Geringste davon noch geläufig ist.
Irgendwann dann fand ich mich, nur bekleidet mit ledernen Schlappen und einem Pyjama aus dem Hause Brooks Brothers, in Freiheit wieder und muss sagen, dass mich doch von allen verpassten Ereignissen am meisten die Art und Weise sowie die Gründlichkeit bewegen, auf die und mit der sich der Suhrkamp-Verlag inzwischen selbst abgeschafft hat.
Das kann ja jeder sagen. Und tut es auch. Oder auch, mit Bernhard: “Meine Übertreibungskunst habe ich so weit geschult, dass ich mich ohne weiteres den grössten Übertreibungskünstler, der mir bekannt ist, nennen kann. Ich kenne keinen anderen.”
Merci bien, Monsieur.
Ja, sehr schön. Das meinte ich doch. Und den Feed hab ich auch gefunden!
Ein Querschläger aus dem Jahre 1892, der sich mit einem dunklen “Plop” in die Stirn senkt. Das eierschalenfarbene Porzellangeschirr in den dünnen Sperrholzschränken der dunkelblau lackierten Schwebebahn, die sich über die Sanddünen der versteppten Umlandschaften der deutschen Großstädte zieht, von München bis Hamburg, auf dem Geschirr Wappen und Reklame Bamberger Tanzlokale.
Aus angrenzenden Wohnungen das distinkte Murmeln der Fernsehgeräte, Sprachmelodie und Duktus sind erkennbar, man kann jedoch die Worte nicht verstehen. Manchmal stelle ich in einem der anderen Zimmer Musik an, Kinderchöre und Klavier, so dass die Töne wie von weit durch die Nacht kommen, und man weiß nicht woher.
Man kann wochenlang mit der Schwebebahn umherfahren, ohne aussteigen zu müssen. Postsendungen werden an den entsprechenden Stationen eingereicht, Nachrichten kommen über Draht.

