STRUPPIG.DE
zak
Befindlichkeiten


ASC  |  DESC
NEXT
2005.01.02 | 15:47 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
In Memoriam

Betrunken waren wir schon, als wir wieder am Strand ankamen. Wir fuhren mit einem Longtailboot zurück, während der Hinweg zum Hafen ein Spaziergang über grün bewachsene Hügel oberhalb des Meeres war, auf einem schmalen Pfad, vorbei an kleinen Hütten und wild aufeinandergestapelten Keramiktoiletten, der Sonnenuntergang zwischen Baumwipfeln wabernd, orange, rosa und schließlich lila in der Dunkelheit mündend. Auf dem Boot dann, noch ganz verschreckt vom Strom der Lonely Planet-Gläubigen, die in bunten T-Shirts gröhlend durch die Gassen wankten, vorbei an einer immer gleichen Mischung aus Bars, Internet-Cafés und Tauchschulen, brachte die warme und doch kühle Abendluft ein wenig Klarheit zurück, und im Augenwinkel verschwammen die bunten Lichter des Ufers mit der Gischt, die der Bug aufspritzen ließ, zu einem kleinen Privatkaleidoskop, während hinten am Motor der Fischer laut und falsch ein Lied der Scorpions sang. Camilla und Amy sprachen lachend über die Band, die wir gesehen hatten, und die prächtige Art und Weise, mit der diese Songs von Nirvana und den Doors in asiatische Folklore verwandelt hatte, während Magnus genau wie ich schweigend das Ufer betrachtete. Am Strand dann war es einsam und still. Die Liegestühle, die tagsüber von japanischen Touristenhorden belegt sind, die stark vermummt und mit Lunchpaketen bewaffnet für einen Tag von ihrem Kreuzfahrtschiff auf die Insel verfrachtet werden, standen schlummernd im Sand unter zusammengeklappten Sonnenschirmen. Jeder nahm sich einen und wir stellten sie in einer Reihe auf, weiter unten, direkt am Meer. Mit billigem Rum, den wir mit Coca Cola mischten, in den Händen, lauschten wir der Dunkelheit und sahen in die Nacht. Das Wasser gluckerte schwarz und träge zu unseren Füßen und vor dem Horizont erhob sich Phi Phi Le, die unbewohnte Insel, auf der sich jener Strand befindet, der aufgrund des Besuchs eines amerikanischen Filmteams, das Palmen pflanzte, zu einer traurigen Berühmtheit gelangte, deren Preis unter anderem in seiner Bucht dümpelnde Pauschaltouristen sind, die mit gelben Schwimmwesten und Taucherbrillen bekleidet die Unterwasserwelt belästigen, wenn sie genug vom Liegestuhlliegen haben. Natürlich, nachdem sich mindestens ein weiteres Foto zu den immer gleichen auf den Filmen ihrer Kameras gesellt hat. Doch nun lag auch Phi Phi Le dunkel und leise in der Nacht und leitete den Blick weiter nach oben, wo die Glocke des unglaublichen Sternenhimmels beschreibende Worte unmöglich machte. Der auf der Seite liegende Mond tauchte uns in fahles Licht, und wir sprachen über den New Yorker Künstler, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Schönheit eines jeden Lebewesens durch Mumifizierung festzuhalten, und seine neueste Arbeit, eine überdimensionale Sanduhr, die mit der Asche eines verstorbenen Liebespaares gefüllt ist. Irgendwann gingen Amy und Magnus schlafen, während Camilla und ich uns das Ziel setzten, parallel zur Leerung der verbliebenen Flaschen die Geschichte der seriellen Monogamie zu entschlüsseln. Zwischendurch kamen zwei Schweizerinnen vorbei, tranken einen Schluck, sprachen merkwürdig und machten sich dann weiter auf die Suche nach ihrer Freundin, die sie im Laufe des Abends verloren hatten. Gleichzeitig mit dem Gefühl, alles und nichts erkannt zu haben, doch zumindest zu wissen, wen man eigentlich vermisst, temporär, dämmerte es, und kurz darauf tauchte die Sonne den beginnenden Tag in ein gleißendes Licht, das die Intimität der Nacht hinwegspülte. Bleich und schwankend standen wir auf, räumten die leeren Flaschen zusammen und beschlossen, uns auf die Suche nach ein wenig Schlaf zu machen, da wir wenige Stunden später die Insel verlassen wollten. Das Meer verwandelte sich wieder in etwas Klares, Helles, in dessen durchscheinendem Grün und Blau Lebewesen die Luft verneinen. Die Vögel begannen zu singen, und auf dem Weg zum Bungalow kam uns Magnus entgegen, in Badehose und mit Handtuch, auf dem Weg zum Morgenbad.

[Herbst 2001]

COMMENTS

1 - posted by Lou | 2005.01.02 | 17:15

welch idylle am indischen ozean…

add comment
Disclaimer: Die Rechte an sämtlichen Texten dieses Weblogs liegen, soweit nicht anders angegeben, beim Autor/Blog-Inhaber. Jedwede anderweitige Verwendung dieser Texte bedarf einer vorherigen Absprache. Der Inhaber dieses Blogs ist nicht verantwortlich für die Inhalte verlinkter Websites. Kontakt: domicile [dot] conjugal [at] email [dot] de