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2008.08.16 | 15:47 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Die Freuden der Infinitesimalrechnung

Zwischen Bacharach und Bingen hat jemand an eine der Basaltmauern der Weinterrassen, weit über dem Tal, in metergroßen weißen Lettern, jenen nachempfunden, die an derartigen Stellen normalerweise die Rebstöcke ihren Besitzern zuordnen, die freundliche Empfehlung geschrieben: “LEBE VEGAN!”. Dies erinnert nicht von ungefähr an ähnlich große Lettern, die in einem Sommer Ende der Neunziger auf einer Mauer am Fuße des Marburger Domes zu sehen waren, den reminiszenten Befehl formulierend: “ROMANI ITE DOMUM”. Diese jedoch waren von roter Farbe, ebenso wie die Flüssigkeit, mit der sich an jenem Sommernachmittag ein Gegner der im Stadtmuseum gastierenden Wehrmachtsausstellung das schon schüttere Haupthaar übergoss, etwas indifferent wohl mit dieser Handlung auf das aus seiner Perspektive zu Unrecht von Historikern und Presse an die Hände des einfachen Wehrmachtssoldaten geschriebene Blut hinweisen wollend. Seine beiden Mitstreiter machten es sich etwas weniger schwer, indem sie sich handgemalte Plakate vor ihre quellenden Bäuche geschnallt hatten; was auf jenen jedoch stand, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

In der langen Tradition der pädagogischen Studiengänge an der Marburger Alma Mater begründet war naturgemäß die Anzahl der Gegner beschriebener Ausstellungsgegner, welche sich auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig der angrenzenden Hauptstraße versammelt hatten, wesentlich höher, ähnlich hoch wie die Zahl der Polizisten, die zum Schutz des Selbstübergossenen und der Schildträger einen Wall um den Museumsvorplatz bildeten, der uns sowie ein älteres holländisches Ehepaar, mit dem wir gerade gemeinsam die Ausstellung verlassen hatten und das Gelände verlassen wollten, an eben jenem Vorhaben hinderten. Eine Gruppe junger volkstreuer Herren mit Schlagsportzubehör, wahrscheinlich aus dem benachbarten Thüringen angereist, löste unser Bewegungsfreiheitsdilemma jedoch recht bald auf, da wir durch die von ihnen verursachten plötzlich aufreißenden Lücken im Gefüge gen Fluss entfliehen konnten, den kleinen pudeligen Hund, der meiner Begleiterin am vorigen Tage zugelaufen war, unter den Arm geklemmt.

Wie ich später erfuhr, saß während dieser Vorgänge Dr. Bernd Mohnhaupt, damals noch nicht dissertiert, in seiner Dachwohnung mit Blick auf den Museumsvorplatz und dokterte, wahrscheinlich leicht bekleidet, denn es war ein sehr heißer Sommer, an eben jener Arbeit herum, sich fragend, was Lärme und Tumult unten auf dem Platze wohl zu bedeuten hätten. Den Hund warfen wir dann später in den Fluss, da er nicht davon lassen wollte, sich obszön an unseren Beinkleidern und Schuhen zu vergehen. Pudel trocknen jedoch recht schnell. Besonders bei gutem Wetter.

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An St. Goar fuhr der Zug so schnell vorbei, dass das Stationsschild umfiel.

[Vgl. Abb. 1]

We must talk in every telephone
Get eaten off the web
We must rip out all the epilogues in the books that we have read
And in the face of every criminal
Strapped firmly to a chair
We must stare, we must stare, we must stare

Bright Eyes - At The Bottom Of Everything

2008.08.16 | 15:42 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
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[Abb. 1]

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[...] Polarfahrten wollen das Phantasma der Spurlosigkeit, die als Metapher eines absoluten Anfangs ausgeprägt wird, realisieren. Gebunden aber waren sie schon an die Spuren – von Vorläufern, Texten und Modellen. Sie folgen in den Spuren von Vorgängern. Der Ort des Anfangs, der unberührten Spurlosigkeit, wird erreicht als ein sowohl wörtliches wie metaphorisches Nachfahren, als die ausgeführte Nachfahrenschaft oder Intertextualität der Texte. [...]

Bettine Menke - Pol-Apokalypsen

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