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zak
Befindlichkeiten


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2007.11.11 | 13:33 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Der Flug des Pfeils

Das Biographische funktioniert und existiert nicht, weil das Subjekt eine Konstruktion ist, eine Erfindung und Setzung, etwas, das “Einheit” sagen soll, aber niemals sein kann. “ICH” ist kein anderer, “ICH” existiert nicht – höchstens als ein hundertstimmiger Chor, gefangen in den Grenzen der Sprache.

Die Bewegung des Textes also kann niemals die des Autors sein. Nur manchmal scheint es uns, als sei ein Echo der Stimme des Diskurses zu vernehmen, vielfach gebrochen durch die Masken der medialen Repräsentierung, das uns wissen lassen will, dass das Bezeichnende niemals das Bezeichnete ist.

Im Rücken des Königspaars hört man eine Türe klappen. Der Referent ging soeben ab, ohne sich zu verabschieden.

2007.10.27 | 17:02 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Du Même et de l’Autre

Es gibt ja nur so viele Bücher, soviel Text, soviel anscheinend lesbare Welt aufgrund von Hilflosigkeit. Man kommt ja schließlich nirgendwo an. Je mehr produziert wird, desto mehr zeigt sich diese Hilflosigkeit, die weder Anfang kennt noch Ende. Annäherung vielleicht, Erreichen niemals. Ahnungen.

[...] Und indem ich Roussel einen schwachen Teil dessen gebe, was ihm geschuldet wird, verwende ich das Wort “Tisch” in zwei übereinanderliegenden Bedeutungen: als vernickelten, gummiüberzogenen, weiß eingehüllten und unter der gläsernen Sonne, die den Schatten verschlingt, glänzenden Tisch, dort wo für einen Augenblick, vielleicht für immer, der Regenschirm die Nähmaschine trifft; und als Tableau, das dem Denken gestattet, eine Ordnungsarbeit mit den Lebewesen vorzunehmen, eine Aufteilung in Klassen, eine namentliche Gruppierung, durch die ihre Ähnlichkeiten und ihre Unterschiede bezeichnet werden, dort, wo seit fernsten Zeiten die Sprache sich mit dem Raum kreuzt. [...]

Michel Foucault – Die Ordnung der Dinge

2007.10.18 | 18:38 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Weil der Mensch ja erst einmal gar nichts ist, nur ein schlechteres Tier.

[Kultur/Natur – blablabla]

Exkurs: Die Semiotik des Alkohols („You kill me“). Vokabular, angeeignet. Ein irischer Troll, der in ein grünes Meer springt als Klebefolie auf dem Schaufenster einer Bar oder eines Schnapsgeschäfts. Die Differenz in der Wahrnehmung zwischen den Orten der Alltagsdroge und den Orten der Droge, die als solche etikettiert und somit benennbar ausgegrenzt ist. Stellen Sie sich ein Schild auf einem Geschäft in einer Fußgängerzone vor, auf dem ein Elefant seinen Rüssel in einen Riesenberg von Kokain steckt.

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Die Straußenfarmen in der Brandenburger Heide.

COMMENTS

1 - posted by ruhepuls | 2007.10.19 | 14:24

Töröö!

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2007.08.30 | 10:07 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Oh Tempura, oh Mores!

Den ganzen Tag verbrachte er mit der Durchstreifung der Viertel, die sich um die Thong Lo gruppierten, nördlich der das Raumkonzept “Bangkok” definierenden Sukkhumvit. Schweiß mischte sich mit Staub während er eine olfaktorische Kartographie der Gegend vermittels seiner Nasenhärchen erstellte. Der frische, grüne Geruch der Wiesen und Gewässer um die Botschaftsgebäude herum, die vereinzelten örtlichen Einschläge der Obst- und Grillstände, die animalischen Erschütterungen der Straßengräben und Autowerkstätten. Ein grünes Curry zur Mittagszeit ließ ihn weinen, minutenlang auf der Toilette. Alle Serviced Apartments hatten die gleichen Vorhänge und Möbel, und kein einziges ließ ihn bleiben wollen. Dann doch lieber dieses kleine Zimmer im Garten des Massagesalons, durch dessen Hecke man das kühle Blau des Pools der Deutsch-Thailändischen Gesellschaft riechen konnte, und die drahtigen jungen Körper der Botschaftertöchter sehen, wie sie mit ihren langen dünnen Armen nach bunten Bällen schnappten. Als es schließlich dämmerte, holte er Kae und Christian ab. Auf einem Basketballplatz an der Straße zur Agentur tanzten wohlgenährte Mittvierzigerinnen jugendlich angeleitet zur entsprechenden Musik Choreographien aus den Videos der Sängerin Britney Spears nach. In den großen Orchideensträuchern am Wegesrand saßen stumme große Vögel. Das Holz der Veranda vor den Agenturräumen war kühl und warm zugleich. Bevor sie in den Wagen stiegen, ließ Kae einen glänzenden Luftballon in Form eines Delphins in den Himmel steigen und sie standen lange auf dem Parkplatz, bis seine silbrige Silhouette sich in den Farbdetonationen der Wolken verlor.

Wie japanische Scherenschnitte.

[...] dieses zyklische Buch ist Gott. [...]

Jorge Luis Borges - Die Bibliothek von Babel

COMMENTS

1 - posted by m.o.c. | 2007.09.03 | 12:37

Zwei Anmerkungen:
1. “Eine olfaktorische Karthographie [...] vermittels seiner Nasenhärchen” scheint mir nicht korrekt zu sein (zumal es auch stilistisch nicht unbedingt glücklich formuliert ist), aus folgenden Gründen: a) weil man mit den Nasenhärchen nicht riechen kann (oder irre ich da?), und b) weil es eine pleonastische Äußerung ist.
2. Die Scherenschnitte, seien sie nun japanisch oder sonstwie asiatisch, sind wohl ein momentan, vor allem in der jüngsten deutschen Literatur, grassierendes Motiv (ich vermeide den Begriff Topos); nur stellt sich mir die Frage weshalb; ich habe keine Antwort darauf.

2 - posted by zak | 2007.09.05 | 17:02

Zu 1.: Rein naturwissenschaftlich (und vielleicht sogar ästhetisch) betrachtet haben Sie natürlich vollkommen Recht. Trotzdem konnte ich mich nicht des Dranges erwehren, den Satz exakt so zu verfassen, wie er dort steht. Ähnlich wie bei der schwarzen Ecke und den befehlsgewaltigen höheren Wesen. Auch stelle ich mir vor, dass wir es hier mit einer sehr großen Nase zu tun haben.

Zu 2.: Ich lese keine Literatur, insbesondere keine jüngste deutsche.

3 - posted by m.o.c. | 2007.09.05 | 19:07

Aber Sie machen doch Literatur, wenn ich das richtig verstehe, was Sie hier ab und an schreiben. Und wer Literatur machen will, der muß sie auch lesen. Oder machen Sie etwa littérature brute? Vielleicht meinten Sie gar, Sie lesen keine Literatur, sondern Texte?

4 - posted by Joris | 2007.09.14 | 23:11

Zur körperhaften Semantik: „Gräßlich waren sie anzuschauen, diese schwammigen, klumpig verdickten Füße; das Fleisch trieb Sprossen, wucherte über den Nagelkopf, und die gekrümmten Zehen widersprachen der flehenden Geste der Hände, schleuderten Verwünschungen, zerkrallten beinahe mit ihren blaulichen Hornplatten das Ockergelb des Bodens…“ (Tief unten, Huysmans)

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2007.08.06 | 23:56 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Die Phantome des Hutmachers

Dass sie eben dann gemeinsam die Treppe heruntergegangen sind, die Freitreppe hinter dem Haus, zum Garten hin. Hand in Hand sind sie gegangen, wie in Zeitlupe, und auf dem Rasen haben sie sich dann geküsst, zwischen all den Löchern und Erdhaufen, bei denen man nicht weiß, ob sie nun Sprengstoff oder Landschaftsgärtnerei zur Ursache haben. Und ich weiß noch immer nicht, ob ich genau in diesem Moment temporär farbenblind geworden bin oder ob es sich tatsächlich in Schwarz-Weiß abspielte.

Nachts ist er dann mit wehenden Rockschößen wild auf dem Fahrrad durch die Stadt gerast, mit leicht erhobenen Schultern und gebogenen Ellenbogen, die Haare weit abstehend, mit irrem Blick.

2007.07.26 | 18:30 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Invers

Das Rheintal war einmal ein Meeresgraben, hunderte von Metern unter der Wasseroberfläche gelegen, denke ich, während vor dem Zugfenster die sich auftürmenden schartig schwarzen Basaltfelsen vorüberziehen, nun grün bewachsen. Vulkanischer Faltenwurf, sediert.

Wir alle unter Wasser. Der Zug wie eine dieser Plexiglasröhren, in denen man zu Fuß Aquarien durchqueren kann – draußen die nasse Landschaft, ein Kamerateam vor dem arrière-plan der Linzer Altstadt, unter Türmen und Wimpeln, die Wälder an den Hängen wogende Anemonen, die Weinberge Korallenformationen, die Vögel fliegende Fische.

Stumm treiben Rentnergruppen vorüber, die Rheinfähre überquert schwelende Lavarinnen, fast nicht zu sehen inmitten aufsteigender schwarzer Säulen, die kein Rauch sind.

Der Traum, immer nur Tourist zu sein, weicht einem Ankommen im Unhaltbaren. Das Stetige ist die variable Konsistenz und der Himmel nichts anderes als ein von unten betrachteter Horizont. Trotzdem wird die Sonne, obwohl versinkend, niemals hier unten ankommen.

Ich frage mich, welchem Ma(a/h)r wir wohl entsteigen werden, welches Tor…

Gestern noch saß ich vor dem Kölner Dom, aus Pressluftflaschen trinkend, auf den Anschlusszug wartend, während um die gotischen Türme Haie zogen, in epileptischen Bahnen.

Dinge beschwören zu wollen, ist immer die falsche Methode. Beschwörungen sind immer die falsche Methode. Beschwörungen sind keine Methode.

Es geht mir gut.

Es ist eine schöne, angenehme, gute Arbeit. Von manchem jedoch darf man nicht sprechen. Man muss es sein und tun.

2007.05.07 | 14:47 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Vanitas

...die kotzenden Schwedinnen auf der letzten Fähre, die Lüge von der Klimakatastrophe, die apokalyptische Rede und das apokalyptische Denken, die SINTFLUT und die SINNFLUT und die Verachtung den Wortspielen gegenüber – und weiter, immer weiter, der Inder auf dem Fahrrad, mit dem nackten Fleisch auf dem Gepäckträger, die Landschaften und die Seen von oben, aus dem Flugzeugfenster heraus, die Unnötigkeit der Verknüpfungen und ihr immerwährendes Vorhandensein (10000 Jahre), die Philosophie, die keine ist – das Mittagsbuffet im ( ), der Pool auf dem Dach, nach der Tagung, der Wind, das Wasser von oben (schon wieder), der Erfinder der Biene Maja und natürlich auch Sippakon und die zwei Lobbys des Westin Grande...

(Verstehen, Unverstehen, Hermeneutik – die Unnötigkeit des Erklärens, die Unmöglichkeit nur einer Lesart, die Intertextualität, die Setzung, die Abwesenheit expliziter Theorie...

...die Fahnen, in die wir uns hüllen, ohne sie zu zeigen.)

2007.03.16 | 16:42 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Anders, neu

Ganz faszinierte Begeisterung (für was auch immer), aber kein Verständnis mehr, kein Wille zur Erklärung, der sich als Aussage ohnehin schon in der Performanz wieder negiert. Bereits (als) Gedanke, bereits (als) Konstrukt.

Oder anders: In der obersten Etage der Bibliothek, ganz außen, direkt an der reingewaschenen Glasfront, muss man eine Sonnenbrille tragen, um lesen zu können. Fern, über den Dächern, im diesigen Großstadthimmel, treibt sich ein Wetterballon umher, zwischen Schornsteinen, Antennen und Kirchtürmen.

Über allen Gipfeln ist Ruh’, in allen Wipfeln spürest Du –

Durch die Halle hindurch, hinter Stahlfäden und nackten Säulen, weit weg, doch sichtbar, am anderen Ende des Geländes, die verlassene Dachetage des Mitarbeitergebäudes, in deren aufgelassenem Vorraum der Wind geht und von wo aus mich der oberste Absatz der stählernen Wendeltreppe noch immer wortlos anblickt.

Panorama/Alpen/Alp

Figurativ: Das Glasdach, die Abwesenheit von Schnee, die Giebel der Dächer statt der von Bergketten. Nordwände dann ganz prosaisch, nämlich eben solche – weil links von ihnen gerade die Sonne versinkt.

Hören Sie, ich habe immer den Traum gehabt, die Dinge nur so zu sehen, wie ich sie sehen möchte – aber je älter ich werde, desto weniger will sie mir glücken, diese selige Ignoranz.

Der Name (welcher auch immer) ist natürlich immer nur Verweis und die unabsehbare Signifikantenkette wird nirgends reißen, schon gar nicht an ihrem schwächsten Glied – welches sich ohnehin, wie alles andere auch, einer jeglichen Definition entzieht.

Hören Sie also zu, wenn Sie können, und seien Sie versichert – all diese Gebäude waren niemals bewohnt.

Im frühen Dunst des Abends wirkt alles nah und unentfernt. Greifen Sie ruhig zu, aber seien Sie vorsichtig, es könnte ein wenig Äther an Ihren zarten Handflächen verbleiben. Und glauben Sie mir, das wollen Sie nicht. Der schlimmste Gast ist immer die Unendlichkeit. Und das Wissen davon, dass es das Eigentliche nicht gibt.

Über den gedachten Hügeln noch immer die Sonne, vor dem Glas die weißen Kieselsteine, die aussehen, als würden sie nach Wärme riechen. Wenn man die Augen schließt, leuchten sie vielleicht. Jedoch: Kein Gurren von Tauben. Nur das Klicken der Tastaturen, eine summende Lüftung, unsere Schatten an der Wand.

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