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Befindlichkeiten


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2007.02.23 | 09:14 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
SIN – JFK

Ultralangstreckenflüge. 18 Stunden in der Luft. Das Passieren der Datumsgrenze, der Verlust des Samstages. Das Unterdeck mit den Schlafkabinen. Die Lounge. Die zwei Pilotencrews, der Ruheraum. Die fehlenden Uhren. Das Notfalltraining, die Entfernung zum nächsten Flughafen über dem Pazifik. Die andere Qualität der Einsamkeit. Der unveränderliche Anblick der Tragflächen, der Triebwerke und des Himmels. Die andere Maserung des Meeres. Die Erinnerung. Die Länder. Die Landschaften. Die Karten. Das Verstehen des Schweigens. Die Merkwürdigkeiten der Gehirne. Während ich fast starb, wuchs in Dir ein neues Leben heran. Die längste Nacht unseres Lebens. Der gesamte Flug findet in völliger Dunkelheit statt. Der Kabinencrew wird ein spezielles Schlaftraining angeboten. Die konstante Abwesenheit des Morgengrauens. Viele Passagiere schlafen noch oder schon wieder. Ebenfalls wieder sieht man Hermann Freidanck, mit Plastikhaube auf dem Kopf, in der Großküche stehend. Im wärmenden Glimmen der Kleinbildschirme.

2007.02.11 | 11:06 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Tilgen und Tradieren

Also wirst Du jetzt zu einer Figur, die eigentlich völlig beliebig ist, wie alle Figuren, und dies natürlich genauso überhaupt nicht. Geboren aus dem furchtbar kitschigen und prinzipiell totzuschweigenden Gedanken: Wenn ich Dich nicht in der Wirklichkeit haben kann (wo?), dann werde ich Dich eben in diesem Text haben. Nicht als Erzählung, die die Realität abändert und neu erfindet, mit einem anderen, wie auch immer gearteten Ausgang, mit einem fiktiven Happy End oder Ähnlichem, sondern als Nacherzählung, als ganz persönliches, privates “Es ist so gewesen”. Weil ich (wer?) es so erlebt habe [hat] und das reicht schon völlig als Rechtfertigung. Als ob es überhaupt eine bräuchte. Es wird nicht mehr erfunden werden als wir es ohnehin tun, jeden Tag aufs Neue, sobald wir die Augen aufschlagen, oder unseren Kopf, an welcher Kante auch immer.

[Arbeit.]

[...] Kurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah, dessen tödlichen Eindruck zu vermeiden ich mich vergebens bemühe, besteht in nichts anderem, als dass vor einigen Tagen, nämlich am 30. Oktober mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashändler in meine Stube trat und mir seine Ware anbot. Ich kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe herabzuwerfen, worauf er aber von selbst fortging. [...]

E.T.A. Hoffmann - Der Sandmann

2007.02.07 | 14:17 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Mémoire involontaire

“Jahrzehnt der schönen Frauen” war gerade erschienen und ich las es auf der Veranda einer Hütte des xxx Resorts am palmenbewachsenen Hang des linken Ausläufers der Tanote Bay auf der Insel Koh Tao, im Golf von Thailand, nicht weit von Phangan und Samui, wo Christian Kracht kurz zuvor versuchte, das Wellenreiten zu erlernen. Am kleinen Felsen in der Mitte der Bucht tummelten sich vereinzelte Badende und zahlreiche Schwarzflossenhaie, die gutmütig und sanft in den Korallenriffen nach kleinen Fischen jagten. Ich lag in der Hängematte, zur Abenddämmerung, und auf dem dunklen Holzgeländer saß eine Gottesanbeterin und sang lokale Volksweisen.

Fehlstellen: Die Hanfplantage des Resortbesitzers, die unfertigen Hütten im Wald, der verrückte Bruder namens Hans und das Kiffen auf der Baustelle, die hydraulische Presse im Keller, die ausgewaschenen Pisten, die Flugzeuge im Fernsehen.

2006.11.06 | 10:26 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Wochenimpressionen. Splittertanz. Bildgeschichte.

Er muss sich schon geärgert haben, irgendwie, in diesen letzten Sekunden, trotz Patriotismus und Verblendung, denn er muss gewusst haben, dass es eigentlich sinnlos ist, sein Tun; vielleicht noch eine Geste, ein “Trotzdem”, oder nicht mal das. Wahrscheinlich dachte er zuerst, dass er es auf jeden Fall schafft, wieder heil unten anzukommen, wie er es ja immer geschafft hat, und gleichzeitig hatte er genug Zeit, sich langsam, aber sicher von diesem Gedanken zu verabschieden. Über Bonn hatten sie ihn erwischt, da standen sie schon, die Amerikaner, an diesem Märztag 1945. Er musste doch gewusst haben, dass das alles keinen Sinn mehr hat. Der Motor begann zu qualmen, wohl, ausgelaufenes Öl entzündete sich, oder Lenkstränge waren gerissen, und die Maschine bockte widerwillig, war immer weniger bereit, sich seinem Ziehen und Drücken zu unterwerfen, sie schlingerte und sank. Und da trudelte er nun, mit verbissenem Mund im geschwärzten Gesicht, und es dauerte lange, das Trudeln, fast 50 Kilometer sank er und stieg wieder, und er fluchte und rüttelte und dachte die ganze Zeit, er würde es schaffen, wie er es ja immer geschafft hat. Oder hatte er keinen Fallschirm? Er muss sich schon geärgert haben, als er dann mit voller Wucht in der kleinen Lichtung im Westerwald einschlug, nah bei Niederbreitbach, sich explodierend in den Boden bohrte, am Waldrand. Weniger als einen Monat vor Kriegsende. Heute steht an dieser Stelle ein dunkler Basaltfelsen, mit einer Plakette daran, und mit einem von einer massigen Kette abgegrenztem Kiesbett, immer noch frischen Blumen- arrangements und immer noch niedergelegten Gedenkkränzen, vom örtlichen Burschenverein gesponsert. Wenn sie nichts zu tun haben, wie meistens, treffen sich dort nachts die Dorfnazis und trinken Dosenbier.

[...] RG: Keinem von denen würd ich übern Weg trau'n. BVSB: Die sind ja total druff, weil sie unentwegt bau'n. RG: Rezzo Schlauch fasziniert am Zato L3. BVSB: Der in Niederbreitbach hergestellt wird. [...]

Benjamin von Stuckrad-Barre - Transskript

2006.10.30 | 16:41 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
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Die Masse der gesamten Kultur als Trägheitsmoment mit den geringsten Spaltmaßen.

Überhangsmandat.

Dieser Irrtum, dieses Konstrukt von Verständnis.

Das zweiköpfige Kind, dem der eine [Kopf] amputiert wurde.

Das für uns unhörbare Weinen der Toten.

Das im Gesamtbild einzig Mythische ist die Subjektivität.

Manche Gefühle sind so groß, dass sie keinen Platz finden zwischen zwei Menschen.

Unhaltbare Behauptungen.

2006.08.02 | 10:22 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Transfer, Transit, Transition

Ein guter Anlass, um über Imitationen zu sprechen. Über die ewige Wiederkehr, über die Varianz und über die eigene Unzulänglichkeit.

Eine Idee von einem Text.
Eine Idee von einem Leben.

Die immerwährend essenden Chinesen, die Bananen, Äpfel, Gurken und Ei in ihre schmächtigen Körper schieben. Zweifelsohne kommen sie aus Weimar, auch wenn sie keine sichtbaren Instrumente bei sich führen.

Auch das Paarverhalten der Mittelschicht ist exotisch, unabhängig von den wahren Ländern.

Eine Tomate, die wie ein Apfel gegessen wird.

Die ruhige Hand in der Bahn.

Die Stetigkeit, die vielleicht, irgendwann, durch konstante Wiederholung entsteht.

Das Schreiben als die einzige Rechtfertigung, überhaupt irgendetwas zu tun.
Oder vielleicht doch die deutlichste Herausstellung eines Mangels.

Ich hätte sagen können.

Der Ton, die Stimme. Die Art des Sagens, die Art des Sprechens. Die Medialität des Sentiments. Des Sediments. Die Schrift und die Differenz.

Ich bereue alles. Ich bereue nichts.

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1 - posted by spalanzani | 2006.08.03 | 16:20

Das Schreiben als einzige Rechtfertigung, NICHTS zu tun.
Oder vielleich doch die deutlichste Herausstellung eines Mangels.

[Von der Abwesenheit aller Verben außer "bereuen"]

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2006.06.26 | 10:08 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Als ich einmal eine Wellnesseinrichtung beschrieb…

Das Westin Sukhumvit Grande Hotel in Bangkok besitzt eine vorgetäuschte Lobby. Nachdem drei nette Herrschaften drei verschiedene Türen lächelnd aufhalten, von denen man eine durchschreiten muss, steht man in ihr, im Erdgeschoss des großen Gebäudes, die Air Condition kühlt den Schweiß und man sieht einen kleinen Tresen linkerhand, einen kleinen Indoorteich rechterhand und eine kleine lederne Sitzgruppe straight ahead, gleich neben den goldbeschlagenen Aufzugtüren. Ich nahm auf einem der Sessel Platz und wartete auf Sippakon Suriyakham, mit der ich verabredet war.

... und dafür Geld bekam oder Das thailändische Handwaschprinzip [I]

2006.06.01 | 10:36 | Notizbuch PERMALINK  |  TRACKBACK
Existenz, Auslegeware, Beliebigkeit, Signifikanz

Das lautlose Paradigma der Landschaft; der Ausdruckstanz der Bäume. Zeugenschaft subjektiver Semiotik. Geophysikalische Masse. Die Hügel besprechen sich selbst, rückprojizieren ihre Anwesenheit und werfen sich…

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[auf Geworfenes? (A/g)]

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Natürlich entzieht sich das alles sehr und fast vollkommen.
Natürlich kann man fast schon nichts mehr sehen.

COMMENTS

1 - posted by grau | 2006.06.01 | 11:22

Auf der Ebene der Auslegeware besitzt Beliebigkeit keine Signifikanz. Aber sie schafft sie sich selbst: Im Entziehen steckt Signifikanz. Die Jahreszeiten haben eine innere Logik. Vor allem, wenn das Wetter nicht mitspielt…

2 - posted by zak | 2006.06.03 | 08:38

Ich finde: Gerade auf der Ebene der Auslegeware, wie auch auf der aller anderen Verhüllungen und somit recht einfach auffind- und nachprüfbaren Äußerlichkeiten, welche natürlich ihrem eigentlichen Wesen nach gar nicht äußerlich sind, sondern vielmehr sehr innerlich, besitzt Beliebigkeit eine immense Signifikanz. Das peripher Sichtbare ist Abbild des versteckt gehaltenen oder zumindest primär unsichtbaren Innen. Ob gewollt oder nicht, es spricht immer. Teppich, Pullover, Schuhwerk, Frisur.

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