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2005.04.14 | 16:58 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Poetik der Dinge. Das Symbol und der Tausch.

Das grüne T-Shirt mit der verwaschenen Aufschrift „You are now in Kingston, New York. Please set back your clocks 200 years.“ habe ich auf einem Nachtmarkt in Chiang Mai gekauft, für 100 Bath. Wir waren den ganzen Tag unterwegs, auf winzigen Klapprädern, die man am Straßenrand mieten konnte. Wir besuchten den Zoo und Dunkin’ Donuts, sahen einen Schabrackentapir und eine Jukebox, einen Kragenbär und einen Hund im Nachthemd. Die handgemalten Wegweiser bezauberten uns, der Bär zeigte uns den Mittelfinger und bestieg dann seine Bärin. Vor dem Eingang des Zoos die größte Ansammlung von Geisterhäuschen, die ich bis dato gesehen habe. In den Grünanlagen der Universität lagen wir auf der Wiese und tranken Sojamilch aus Tetrapacks, um uns herum schwarze Hosen, schwarze Röcke, weiße Hemden, weiße Blusen, rote Krawatten und rote Halstücher. Sie führten einen wunderschönen Tanz auf, in der Abenddämmerung. Im speziellen, flimmernden Licht. Auf dem Rückweg zur unsichtbaren Fahrradvermietung köderte uns eine lange Reihe von Garküchen, die sich vor einem Bretterzaun erstreckte. Wir probierten verschiedene Varianten von Fleisch am Stiel, dann sahen wir, was sich hinter dem Zaun befand. Neben dem üblichen monströsen Plastikspielzeug und Haushaltsutensilien in allen Farben und Formen waren es vor allem Kleidungsstücke, die die Stände des Marktes füllten. Auch Unmengen von dicken Mänteln und Pullovern, die uns zunächst verwunderten, doch dann fiel uns wieder ein, wie wir uns Eiszapfen von den Nasen brachen, in dem Wäldern des Goldenen Dreiecks, nachts. Das grüne T-Shirt dann fand sich ganz versteckt, zwischen Armeejacken und Frotteepullovern. Camilla und ich sahen es beinahe gleichzeitig, doch ich behaupte bis heute, schneller gewesen zu sein, mit Schauen. Schwer nachprüfbar. Ich kaufte es, und wir zogen es abwechselnd an, sie mehr, ich weniger, denn eigentlich ist es mir viel zu klein. Dennoch nahm ich es schließlich mit nach Hause, zur Erinnerung. Ich habe es nicht mehr getragen, seitdem, und nun hat es jemand anderes. Vielleicht als Erinnerung. Für mich ist es nun seine Abwesenheit, die als Symbol fungiert. Für all das andere, das nun auch abwesend ist. Für all das, was mitgenommen wurde und nun nicht mehr da ist. Und nun möchte ich es nicht mehr wiederhaben, das grüne T-Shirt mit der verwaschenen Aufschrift.

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