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Befindlichkeiten


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2006.07.19 | 18:34 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Wrap your troubles in dreams

10:13 Uhr. Ich sitze nackt am Schreibtisch. Eben habe ich ein winziges Stückchen Stoff, das ich im Bett fand, von der flachen Hand gepustet, ganz behutsam, als ob es eine Wimper von dir gewesen wäre, durchs offene Fenster, hinein in diesen gleißenden Morgen, in den Schneidbrenner dieses Sommers. Ich habe keinen Wunsch geäußert, dabei, es war ja keine Wimper, schon gar nicht eine von deinen, sondern nur ein winzig kleines Stückchen Stoff.

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An einer Supermarktkasse, auf der Ablage am Ende des Fließbandes, haben wir uns umarmt, anatomisch unmöglich, aber es war ja ein Traum. Ich verlor das Bewusstsein, wohl ob meines Glückes. Als ich wieder zu mir kam, warst du weg, ich verließ den Supermarkt und auf dem Parkplatz stand mein bester Freund, mit dem ich gestern Nacht noch telefonierte und ihm von dir erzählte, von dem Dach und dem Krankenhaus und meiner Barthesschen Mischung aus Unheilbarkeit, Aufregung und Angst. Er trug einen unglaublichen Jim-Morrison-Bart, den er letzte Woche, als wir uns nach dem Leichenschmaus ohne Leiche trafen, definitiv noch nicht hatte. Wir scherzten noch darüber, am Telefon gestern Nacht, dass wir ja schnell zum Flughafen fahren könnten und uns besuchen, mit unseren Learjets, wenn wir keine Lust mehr hätten aufs Telefon, und genau damit begründete er auch nun sein Hiersein. Dann verschwand er und alles zerfaserte. Ich befand mich in einer Lehranstalt, die der ähnelte, in der meine Mutter arbeitet, seit Jahrzehnten, an die sich jedoch ein Raumhafen angliederte. Ich war in einem Innenhof, in unglaublicher Abendluft, in meinem Bad ein Blumenzüchter, der die Musik nicht leiser drehen wollte, ich stand plötzlich unter Anklage für ein Vergehen, das mir die stark geschminkten Rechtsvertreter nicht mitteilen wollten, es gab einen Schwelbrand in einem Taschenbuch, das ich für mein Notizbuch hielt, der Blumenzüchter half löschen, im Waschbecken schwammen zermahlene Eisstückchen, er fragte mich, ob ich Nadja schon gefunden habe, ich kenne keine Nadja, antwortete ich, er sagte, natürlich würde ich sie kennen, jeder hat seine Nadja, sie müsse ja nicht so heißen. Auf einer Wiese lief mir eine Hochzeitsgesellschaft entgegen, in den Gängen des Lehrgebäudes verlief ich mich, eine brennende Zigarette in der hohlen Hand, die ich mir nach Verlassen des Anklageraumes, in dem man mir die Anklage nicht mitteilen wollte, anzündete, Reflexhandlung, ohne nachzudenken, man darf doch nicht rauchen, in einer solchen Einrichtung. Es muss wohl das Zimmer gewesen sein, in dem ich jahrelang unterrichtet wurde. Ich suchte verzweifelt den Ausgang, kam ängstlich an Lehrkräften vorbei, die mich nicht beachteten, eine verlor die Papiere, die sich auf ihren Armen stapelten, ich half ihr nicht, sie wies mir den Weg, schrie ihn hinter mir her. Im Raumhafen schließlich der Ausgang, ich weiß nicht, ob ich ihn benutzt habe, auf der Wiese rannte die Hochzeitsgesellschaft an mir vorbei, eine Stimme sagte mir, dass dies hier Jahre in der Zukunft sei und ich solle Ausschau halten, nach dir, nach Nadja, als ob ich das nicht ohnehin schon täte. Ich habe dich nicht gefunden. In der Wartehalle nahe des Ausgangs dann fingen alle an zu schweben, ich verstand keines der Worte, die gesagt wurden, das gelöschte Taschenbuch war nur noch ein dünner Rahmen für das verkohlte Loch in seiner Mitte.

Wie war der Himmel blau

Abt.: Die lauwarme Herzensschrift oder Das immerwährende Elend der Romantik.


Weil man nämlich keinen Abstand haben kann, dazu. Und auch niemals haben wird, in dieser dunklen Stille.

Einmal nur las ich ihn laut, diesen Text. Nur einmal.

Wir können alles sein. Aber das glaubt einem ja wieder keiner.

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