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2004.09.17 | 12:45 | Ich >< Welt PERMALINK  |  TRACKBACK
Grenzüberschreitung

Gestern Kuchen und Kakao in alten Häusern. Auf der Wand über dem Treppenabsatz vor der Herrentoilette flimmern Videoprojektionen. Eine Gestalt in gelbem Taucheranzug der 20er Jahre, mit vergittertem Messinghelm, tapert durch japanische Popkultur und Geschichte. Danach ein Spaziergang durch den Ilmpark, englisches Wetter über englischer Gartenarchitektur. Schwarzgraue Wolken jagen vorüber und werfen Schattenflecken zwischen grelle Sonnenfelder. Geben dem Idyll der Landschaft ein bisschen Drama. Kein Regen. Die Schafe hängen voller Kletten, eines ist heiser, Goethe hockt im Baum und zählt die Villen auf den Hügeln. Wir fangen keinen Hund. Vor dem schwarzen Kubus ist nun wieder nur eine Spore zu sehen. Hinter einer schwankenden Brücke fallen Lichtstrahlen durch Äste und Staub, verirrter Rest eines Sommertages. Abends liest eine bekannte deutsche Schauspielerin aus den Tagebucheinträgen einer bekannten deutschen Schriftstellerin. Die eine wurde westlich einer Linie geboren, später, die andere östlich dieser Linie, früher. Es folgt ein Film, in dem die Schauspielerin die Schriftstellerin darstellt. Meditationen über das Unbehagen in der Kultur. Wunden in der Betrachtung. Der Versuch, Licht in eine große dunkle Kiste zu bringen, in die Unordnung der Schichten und Ebenen. Das Befremden über die zappelnden Einträge in das Poesiealbum einer aus heutiger, subjektiver Sicht vorgeblich reflektierten Unreflektierten (das macht die Zeit) fernzuhalten von den Dimensionen, die ihre Geschichte als ein Exempel hat, als nachvollziehbares Beispiel für andere. Als Veranschaulichung des Lebens eines sensiblen, denkenden Wesens in diesem Land in dieser Zeit. Als Identifikationsfigur, die hilft, zu verstehen. Hilft, nachzufühlen. Ein schwieriges Unterfangen. Als wir auf die Straßen hinaustreten, ist der Herbst da. Wir können unseren Atem sehen, und zurück in meinem Zimmer prickeln Hände und Füße, als sie die Wärme begrüßen. Wir wünschen uns Mäntel und Handschuhe, nicht nur, um das Wetter abzuhalten.

[...] 23. Januar 1963. Zu beiden Seiten der Autobahn ziehen weiße Landschaften in Richtung der anderen Teile Deutschlands. Wir fahren nun schon einen Tag über diese unwirklichste Straße Europas, eine Straße durch kein Land. Keine Städte, keine Dörfer, nur Schilder, Tankstellen und Rasthäuser. Man hat den Eindruck, man fährt über die Erde, nicht durch einen Staat. Erst bei Helmstedt münden Vergangenheit und Politik in dessen Symbole, Bewacher und Wachposten, Fahnen, Absperrungen, Parolen. Langsam kommen die kleinen Häuser näher, und in der eisigen Luft flattern die Fahnen Amerikas, Englands, Frankreichs. Wie hätte jemand vor dreißig Jahren diese Zukunft einem Deutschen erklären sollen? [...]

Cees Noteboom - Berliner Notizen

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