I think you’ll understand
- April 23rd, 2012
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Ich begegnete ihr in einer Juninacht in Klagenfurt, Österreich, und sie erkannte mich nicht (sie konnte es nicht, sie hatte mich noch nie zuvor gesehen).
Das hielt ich irritierender Weise für falsch. Das und den jungen, lockigen Mann in ihrem Arm. Beide gingen an mir vorbei, blickten mich überhaupt nicht an. Sie unterhielten sich angeregt, so wie es Verliebte manchmal tun, ich war nur ein Fremder, angetrunken und braungebrannt (der alberne blaue Strickhut auf meinem Kopf).
Bis heute weiß ich nicht, warum ich ihnen folgte (ein Zwang). Wir liefen zurück, die Wiener Gasse hinauf zum Alten Platz, wo sie kurz stehenblieben und sich eine Bühne aus Stahlträgern anschauten, die dort am Tag zuvor halb aufgebaut worden war (ihr Lachen, das dem anderen galt).
Ich wartete ein Stück weit entfernt, verstand nicht, worüber sie sprachen (wunderte ich mich über mich selbst?). Dann gingen sie weiter, jetzt schneller. In der Kramergasse, kurz vor dem Neuen Platz, machte ich endlich ein paar schnelle Schritte und sprach sie an.
Entschuldigung, sagte ich, du liest doch auch morgen.
Beide fuhren herum. Er rechts, sie links. Sie strahlte mich an. Er schaute erstaunt. Auf mich, auf sie.
Ja, antwortete sie.
Ich bin ein Freund von S., sagte ich, wisst ihr, ob er noch auf dem Empfang ist?
Woher kennst du denn S., fragte sie.
Die Betonung lag auf dem U.
Sie lachte (zum ersten Mal für mich). Wir wechselten ein paar Worte, sie beschrieben den Weg zum ORF. Bis bald, sagte ich zum Abschied. Bis bald, sagten sie, wie ein Zwillingspaar. Ich sah mich nicht mehr nach ihnen um (der Zwang verwandelte sich in Euphorie).
Später das Wissen, dass sie in dieser Nacht im City Hotel am Domplatz zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten.
Barbara ist ein schöner Film, klug und leise. Wahrscheinlich der beste und intelligenteste Film, der seit der Wiedervereinigung über die DDR gedreht wurde. Petzold ist gelungen, was bisher noch keiner vor ihm geschafft hat. Er zeigt gleichzeitig das Lebenswerte und Hassenswerte an dieser untergegangenen Republik, ohne auch nur eine Sekunde in irgendeine Klischeefalle zu tapsen. Ein atmosphärisches Kleinod. Wie ihm das gelingt, ist schwer zu beschreiben. Ich glaube, es war auf alle Fälle ein Glücksgriff, die Geschichte in der Provinz, irgendwo in Meckpom an der Ostsee anzusiedeln. Schon in der ersten Einstellung, bei Barbaras Ankunft im klapprigen Bus – wie die Türen sich öffnen, sie aussteigt, sich eine Zigarette anzündet und zu einer Parkbank geht und Andre sie aus dem halb geöffneten Fenster heimlich beobachtet, da wird klar: Achtung, Sie betreten den entschleunigten Sektor. Hier rauscht nur der Ostseewind frei und wild. Das tut er oft und gerne, Wolken treiben vorbei, Sonne knallt herein und verschwindet wieder, das Grün wogt, unerbittlich, so wie die Natur eben ist. Besonders im industriell längst abgehängten Osten, da braucht es keine blöden Spreewaldgurken und Trabbi-Nostalgie. Das ist einfach unerbittlich und schön, so schön, dass es manchmal wehtut und einen phasenweise versöhnt mit all der Erniedrigung, die dieses Steinzeit-System wie ein quälend langsam und effizient mahlendes Werk für die Figuren bereithält. Eine ähnlich verzaubernde Inszenierung und Instrumentalisierung von Natur habe ich bisher nur in “Der schmale Grat” gesehen. Dagegen setzen die Schauspieler, allen voran Nina Hoss und Ronald Zehrfeld, ein zurückgenommenes, exaktes und pointiertes Spiel – das ähnlich scharf schneidet und piekst, wie ihre Skalpelle und Stahlspritzen, mit denen sie wahlweise Leben oder Tod, aber immer auch Linderung geben wollen und müssen. Sein muss auch die Liebe und der Sex. Und ob er jetzt aus dem Westen kommt und die Freiheit der Arroganz verspricht – oder ewige Gefangenschaft, das ist am Ende gleich. Genauso bedrohlich, genauso verführerisch – und am Ende einfach nur Schicksal und fragwürdig motiviert. Ich würde mich sehr freuen, wenn Petzold als nächstes eine Fortsetzung dreht. Der Film soll Andre heißen und schön sein, klug und laut.
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Ich mag M. Wie sie so halb in der Tür vom Cubix am Alexanderplatz steht, von meinem Ruf angehalten. Dieses Lächeln im Gesicht, das M-Lächeln: belustigt und traurig zugleich. Zeit ist darüber gestrichen und Wind. Es beruhigt mich jedes Mal wenn wir uns sehen. Heute Abend ganz besonders und deshalb drücke ich M ungewöhnlich fest. Später setzt sie sich fast schon automatisch an meine rechte Seite. Wir schauen The Ides of March. Sie findet die Politik-Intrige beklemmend, ich inspirierend. Wir sind beide doch sehr unterschiedlich und ich frage mich, warum ich mich in ihrer Gegenwart so wohl fühle. Vielleicht weil wir erstaunlich oft die gleichen Assoziationen und Gedanken haben, vielleicht weil wir sehr ehrlich zueinander sind und vielleicht, weil sie um sich eine Aura verbreitet, die mich an einen fröhlich vor sich hingluckernden Heizkörper am Winterfenster erinnert. Später, als sie im CSA an ihrem Mai Tai nippt und ich meinen Hemingway Special viel zu schnell herunterstürze, schäme ich mich plötzlich dafür, wie böse ich bei unserem Kennenlernen vor drei Jahren zu ihr war. Ich sage es ihr und M. schaut erstaunt. Ich will aber auch gar nicht mehr so sein, wie ich damals war, sagt sie leise. Und ich bemerke, dass ich gar nicht weiß,wie ich damals war, am Todestag von Michael Jackson. Aber eines weiß ich: Ich mag M.
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