Ich mag M.

Ich mag M. Wie sie so halb in der Tür vom Cubix am Alexanderplatz steht, von meinem Ruf angehalten. Dieses Lächeln im Gesicht, das M-Lächeln: belustigt und traurig zugleich. Zeit ist darüber gestrichen und Wind. Es beruhigt mich jedes Mal wenn wir uns sehen. Heute Abend ganz besonders und deshalb drücke ich M ungewöhnlich fest. Später setzt sie sich fast schon automatisch an meine rechte Seite. Wir schauen The Ides of March. Sie findet die Politik-Intrige beklemmend, ich inspirierend. Wir sind beide doch sehr unterschiedlich und ich frage mich, warum ich mich in ihrer Gegenwart so wohl fühle. Vielleicht weil wir erstaunlich oft die gleichen Assoziationen und Gedanken haben, vielleicht weil wir sehr ehrlich zueinander sind und vielleicht, weil sie um sich eine Aura verbreitet, die mich an einen fröhlich vor sich hingluckernden Heizkörper am Winterfenster erinnert. Später, als sie im CSA an ihrem Mai Tai nippt und ich meinen Hemingway Special viel zu schnell herunterstürze, schäme ich mich plötzlich dafür, wie böse ich bei unserem Kennenlernen vor drei Jahren zu ihr war. Ich sage es ihr und M. schaut erstaunt. Ich will aber auch gar nicht mehr so sein, wie ich damals war, sagt sie leise. Und ich bemerke, dass ich gar nicht weiß,wie ich damals war, am Todestag von Michael Jackson. Aber eines weiß ich: Ich mag M.

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close up to the sky

Wäre ich die Hauptperson in einem Film, wäre das eine großartige Aufnahme. Wie wir in der Schlange vor der Wilden Renate stehen, dicht an dicht gedrängt unter den zerzausten Regenschirmen, die durch die Böen immer wieder aufgebläht und verworfen werden. Dabei schüttet es ununterbrochen und so heftig, dass der Himmel einfach nur schwarz und schwer ist. Selbst das orangene Licht der Straßen-Laternen ist irgendwie schwer und schwarz. Genau wie meine D&G Lederjacke, die sich mit jedem Tropfen fester an mich saugt und mir ein fiebriges Gefühl gibt. Ich ziehe die Kapuze noch etwas tiefer ins Gesicht und drücke mich noch etwas fester an die zwei Däninnen, die ihren Schirm über mich halten.  Sie sind schmerzhaft schön und ihr DeutschEnglischDänisch plappert auf mich ein und ihre nassen Haare duften.  Ich stelle mir vor, dass es sich um ein ganz besonderes Shampoo handelt. Es könnte Stine heißen, oder Vibe und hätte grünen Bambus auf dem Etikett. Vibe, so versichern sie mir, sei ein ausgesprochen seltener Name. Und während ich im Kopf meine Kamerafahrt mache (so eine Gleisfahrt,  beginnend bei den in einem Bretterverschlag wartenden Türstehern, plus Schwenk von oben zum Gegenschneiden) kommen immer mehr Taxen an und werfen Menschen in den Sturm. Er bückt und krümmt sie und macht uns alle gleich: Die Mitte-Hipster, die israelischen Touristen, die jetzt hebräische Lieder singen um sich aufzuwärmen. Julia, die coole Berlinerin mit den großen Schneidezähnen, die ich eben erst kennengelernt habe.  Martin, der dicke Drogenbär mit der beschlagenen Brille. Die Franzosen mit den mariuhanaverhangenen Augen und  meine zwei Däninnen, die mich jetzt nach meinem Alter fragen. Ich lasse sie raten. Ein israelisches Mädchen mischt sich ein und ich sage ihr aus Spaß, dass ich 21 bin und dass ich finde, dass sie sich für ihr Alter sehr gut gehalten habe. Dafür schimpft sie sehr sympathisch, ich verstehe nicht alles. Später (in Fastmotion), werden die Däninnen aufgeben,  die Israelin wird ihre Pumps ausziehen und gegen die Türsteher werfen. Und ich werde auf die Frage, zu wem ich gehöre,  wahrheitsgemäß antworten, dass ich alleine bin. Das ist das Codewort für eine Nacht, die auf einer Kreuzung im Morgenrauen endet. Dabei stehe ich bloß da. Regen prasselt auf mein Gesicht und mein weißes Calvin Klein T-Shirt. Ich muss nicht spielen. Ich stehe einfach nur da und werde kleiner, so von oben. close up to the sky.

Venus im Skorpion

“Würde man Ihnen sagen, dass Sie Ihr ganzes Leben mit einer Liebhaberin verbringen müssten, glauben Sie wahrscheinlich, Sie könnten sich auch gleich erschießen oder ins Kloster gehen. Keine Dramen? Keine Eifersucht? Keine blutigen Schrammen? Liebe ist doch kein Spaziergang, bei dem sich zwei Menschen an den Händchen halten und freundlich anlächeln! Eine Herausforderung ist das, ein Tanz auf dem Vulkan – alles oder nichts! Ihre Venus hat sich doch nicht zufällig die spannendste Ecke im astrologischen Tierkreis ausgesucht. Skorpion, das ist ein anderes Wort für Finsternis, Unterwelt, für Hölle. Aber das Prinzip Skorpion bedeutet auch Transformation. Wer hinuntertaucht in die tiefste Lust und Leidenschaft, wer den Mythos völliger Hingabe nachvollzieht, der geht nicht unter, sondern steigt strahlend, leicht und selbstbewusst wieder auf:  am anderen Ende des Tunnels ist Licht – und das wissen Sie auch!”

So geht das nicht.

Ich möchte Teil einer sinnlosen Jugendbewegung sein

Im Ritter Butzke tanzen zwei pummelige Mädchen ganz langsam um ihre Handtaschen. Die Szene erinnert mich an eine Dorfdisko und für einen Moment bin ich ganz ruhig. Trotz des gepanschten Wodkas und der eintönigen House Musik, die seit zwölf Uhr aus den Boxen blubbert und mir die Laune verdirbt.  Ich habe diesen Scheiß schon Anfang der 90er gehasst, damals gab es sogar einen passenden Tanz dazu. Ich kann mich zum Glück nicht mehr an die exakten Bewegungsabläufe erinnern, nur noch daran, dass er den Charme eines Bodybuilding-Trainings versprühte. Tatsächlich stehen  ein paar Vorstadt-Typen mit Muscle-Shirts und speckig aufgeblasenen Oberarmen herum und trinken sich die Beiden schön.  Warum bin ich hier? Weil heute Digitalism ein DJ Set spielt.  Jetzt ist es schon nach Eins und hier ist immer noch nichts los. Null Elektro-Kids, null Stimmung, nur dieses gelangweilte Blubbern und Stampfen und ich muss daran denken, dass mich der amerikanische, mit dem Song Zdarlight unterlegte BMW X1 Spot auf youtube schon hätte stutzig machen müssen. Die Creme de la Creme der internationalen Marketing-Bluthunderie hechelt ihrer Beute in den Nacken. Aber was solls, wir wechseln den Floor, ich wechsele von Wodka Cranberry zu Rum-Afri Cola. Auf dem Klo tupfe ich etwas und nach einem faden Becks Gold und einer Spezial hat wer an der Uhr gedreht. Der Laden ist auf einen Schlag voll: Das  Facebook-Zeitalter ist punktgenau gelandet und schiebt sich seltsam stumm und mümmelnd in den Raum.  Die zwei gemütlichen Digitalism-Dickwänste haben nur darauf gewartet.  Von einer Sekunde auf die andere geht es los. Es ist ein wenig, als hätte der coole Enkel von Goebbels die kleine, mit Diskokugeln umhängte Bühne betreten und gerufen: Wollt ihr die totale Party? Die Dickwänste ziehen die Regler hoch. Schreie. Stoßen. Jauchzen. Grabschen. Ich bekomme gepantschten Wodka ins Gesicht (brennt gar nicht in den Augen) und Bier auf den Rücken (klebt). Ich flüchte etwas zu Seite und werde von einem amerikanischen Hipster sofort für einen Drogendealer gehalten. Frechheit. Vor einer Minute waren wir alle noch  gelangweilt. Bald, sehr bald, werden wir es wieder sein. On. Off. On. Off. On. Off.

Roter Mohn

Roter Mohn. Klatschmohn, was für ein Wort. Rote Mohnblumen über Grün, dahinter das Meer: Die Sonne blendete ihn, er schloss die Augen. Spiegel. Skalpell. Speichel absaugen. Die Stimme des Arztes war leise und gespannt. Das Mädchen in Weiß gehorchte. Präzise, wie eine Maschine arbeitete sie, ein blonder Engel. Das Plastikrohr gurgelte und riss in seinem Mundwinkel, dann sammelte sich wieder Flüssigkeit im Rachen. Der Schluckreiz kam. Nur nicht würgen. Er öffnete die Augen, versuchte sich auf das Bild zu konzentrieren. Irgendein Impressionist. Es soll beruhigend wirken, dachte er.

Mund auf, sagte der Arzt und setzte die Zange zum zweiten Mal an. Der Engel mit dem Plastikrohr presste seinen Kopf gegen den Stuhl. Er sah ihren schlanken Hals: Er roch nach Seife. Ein Ruck und der glatte Schädel des Arztes erschien vor der künstlichen Sonne. Schwarzer Schleier über Mohn.

„Guter Zahnstand.“

Das klang anerkennend. Er wollte etwas antworten, röchelte aber nur.  Der Engel reichte ein Werkzeug, es folgten harte, kurze Schläge. Knirschen. Zange, Nadel, Faden.

„So das war’s. Sie können spülen.“

Der Zahnarzt ging nach draußen. Er beugte sich vor, griff nach dem Plastikbecher, spürte seine Lippen nicht. Das Wasser roch klinisch, er spuckte Blut und Schleim. Er trank noch einen Schluck, dann lehnte er sich zurück.

Jetzt war er allein. Auf dem Tablett vor ihm, zwischen den silbernen Geräten, lagen kleine Zahnstückchen und etwas, das er für eine Wurzel hielt. Dahinter klemmte die beleuchtete Röntgenaufnahme, ein Kieferporträt. Das silberne Besteck reizte ihn. Einen Moment lang hatte er den Wunsch etwas einzustecken. Den Spiegel oder das Ding mit dem Haken. Aber er rührte sich nicht.

Nichts begann

Sein Zelt auf dem Campingplatz Les Pins stand auf einem harten und steinigen Lehmboden zwischen zwei frisch gestutzten Hecken. Mit ihrer exakten Form und ihrem außerirdischen Grün hätten sie auch auf jedem Friedhof eine gute Figur gemacht. Hier sollten sie ihn vor den neugierigen Blicken seiner sehr lebendigen Nachbarn schützen, die gerade mit dem Frühstück fertig waren und jetzt überlegten, ob sie erst zum Geschirrspülen und dann aufs Klo oder vorher zum Zähneputzen und gleich an den See gehen sollten. Er saß bei geschlossenen Türen und Fenstern hinter dem Steuer seines Autos und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Die schnell kletternde Morgensonne schien direkt auf das Blech und er schwitzte, ohne es zu merken.

Er starrte auf das immer genau nach einer Minute verlöschende Display seines iPhones. Wenn der Bildschirm dunkel wurde, drückte er auf den Knopf, gab den Code ein und wischte die Icons zur Seite, um sich ein Bild von ihr anzusehen, auf dem sie ihm aus verschlafenen Augen zublinzelte und mit ihrem vollen Mund einen Kuss für ihn formte. Das Foto war nicht einmal ein halbes Jahr alt. Sie hatte es ihm aus Amerika quer über den Pazifik geschickt, nach einem schweren Streit, als es bei ihr früh am Morgen war und bei ihm schon wieder Nacht, wegen der Zeitverschiebung. Er starrte auf das Bild und rauchte und versuchte sich zu erinnern, während der Nikotinnebel um ihn herum immer dichter wurde. Er dachte, dass etwas zu Ende war und nichts begann.



Altes Blut

Ich beugte mich zu Marie und küsste sie. Sie wandte sich ab und schaute aus dem Fenster, irgendwohin, soweit sie nur konnte. Dabei sah sie aus wie auf ein BDM Plakat gemalt. Ihr Gesicht war so deutsch wie die Namen der oberschlesischen Dörfer, die ihr Großvater ihr vor dem Einschlafen zugeflüstert hatte. Die hohen Wangenknochen, das perfekt gelegte Haar, die langsamen Schläge der Augenlider, der kalte Glanz ihrer blauen Augen. Ich ertappte mich dabei, wie ich immer nur auf die nächste sparsame Geste wartete oder auf ein knappes Lächeln, das so selten über ihre sanft geschwungenen Lippen huschte, dass ich es jedes Mal fotografieren wollte.

Sie klappte ihre Handtasche auf und holte eine einzelne Zigarette und ein Feuerzeug heraus. Es knisterte, sie blies den Rauch an die beschlagene Scheibe.

„Seit wann rauchst du?“, fragte ich. „Ich dachte, es schmeckt dir nicht.“

Sie hielt die Zigarette mit der Glut nach oben, ganz tief zwischen ihren Fingern. Es sah unbeholfen und elegant zugleich aus, und die Spitze zeigte in meine Richtung, wie ein Stachel.

„Tut es auch nicht“, sagte sie. „Ich dachte, ich fange einfach damit an.“

„Es war ein Fehler“, sagte ich zerknirscht. „Es war ein riesengroßer Fehler, ich weiß auch nicht, warum ich es getan habe.“

„Schau mich an!“

Sie saß sehr gerade.

„Ich halte ihn nicht mehr aus. Ich ertrage ihn nicht mehr.“

„Aber du hast ihn geheiratet.“

„Wenn du wüsstest“, sagte sie. “Wenn du nur wüsstest, warum.“

Sie warf sich theatralisch herum und nahm einen Lungenzug. Dann hustete sie. Ich widerstand dem Wunsch, sie in den Arm zu nehmen. Sie war dieser Typ Frau, den man immerzu beschützen wollte, auch vor sich selbst. Aber das machte natürlich überhaupt keinen Sinn. In Wahrheit war man es selbst, der beschützt werden musste.

„Liebst du mich?“

Sie sah mich an, und es war so, als gäbe es nichts anderes für sie. Ich ließ das Lenkrad los und nahm ihren Kopf und küsste sie auf den Mund, der jetzt nach Rauch schmeckte.

Sie hielt nun ihrerseits mein Gesicht, verhinderte, dass wir uns küssten.

„Ich hasse Moslems.“, flüsterte sie, vollkommen unvermittelt. „Oh, wie ich sie hasse.“