Archiv für Kategorie ‘Männer mit Männern’

auf eine Schnecke und eine Zigarette

Von Zeit zu Zeit (es liegen oft Jahre dazwischen) besuche ich die letzte Ruhestätte meines alten Freundes Heiner Link. Er liegt jetzt seit ziemlich genau 11 Jahren  auf dem Pasinger Friedhof in München, in einem alten Familiengrab, das ich jedes Mal, wenn ich dort bin, nicht auf Anhieb finde. Das ist so ein Running Gag zwischen mir und Heiner. Ich verspreche ihm hoch und heilig, dass ich es beim nächsten Besuch gleich wiederfinden werde. Und wenn es dann wieder soweit ist, laufe ich garantiert daran vorbei oder in die falsche Richtung. Ich verirre mich dann irgendwo, zwischen den Steinen, die hier manchmal in Zweierreihen dicht hintereinander gestaffelt stehen. Ich glaube, er würde sich darüber amüsieren, vielleicht tut er es ja auch, ich weiß es nicht. Ich glaube, das liegt an meiner Erinnerung an seine Beerdigung, damals an jenem Tag im Juni 2002.  Die Sonne schien und es ging so ein zeitloser Wind und der Friedhof war voll von Menschen, von klugen Menschen, lieben Menschen und schönen Menschen, vor allem auch von schönen Frauen, was Heiner, der ein paar Tage zuvor in einem Rettungshubschrauber verblutet war, gut getan hätte. Denn sie waren ja alle hier, für ihn und es flossen viele Tränen. Auch meine. Die Tränen, so glaube ich, haben meine Erinnerung an die tatsächlichen örtlichen Gegebenheiten verzerrt, zu einem traurig-schönen, bewegenden Film, der sich durch keinen meiner nachfolgenden Besuche auf Dauer überschreiben lässt. Dabei ist dieser Friedhof natürlich auch nur so ein Ort und ich bin an Gräberorten dann stets am Zweifeln. Ich zweifle, ob man hier mit den Toten sprechen kann. Trotzdem versuche ich es.

Keiner weiß mehr, so lautet der Titel eines Buches von Rolf Dieter Brinkmann,  einem von Heiners absoluten Lieblingsschriftstellern – und genau so ist es dann ja auch, da an seinem Grab. Ich weiß nicht, ob Heiner mir zuhört, ich weiß auch nicht, warum ich das alles tue. Für ihn, oder doch nur für mich. Oder für uns beide. Egal. Ich stehe jedenfalls allein vor dem Grab. Von all den klugen, den lieben und schönen Menschen fehlt jede Spur, höchstens eine freche Amsel hüpft herum. Ich rauche unsere obligatorische Zigarette und lege dem Heiner Link seine Kippe auf den kleinen Absatz zwischen Grabstein und Sockel. Dann erzähle ich ihm mit gedämpfter Stimme (was auch wieder einigermaßen blödsinnig ist, weil uns ja niemand beobachtet oder belauscht), was so alles in der Zwischenzeit passiert ist. Ich beginne dann immer mit den Frauengeschichten, weil ich denke, dass ihn das am meisten interessieren würde. Heiner hat nämlich stets behauptet, er sei der größte Romantiker von allen. Dann versuche ich zusammenzukratzen, was mit seiner alten Truppe so geht, mit Helmut, Girgl, Arno, Ingo und Co. Das wird von Besuch zu Besuch natürlich immer weniger, weil ich ja auch kaum noch Kontakt zu denen habe. Aber auch das ist egal, ich schweige dann einfach ein wenig länger oder ich pinkle an einen Grabstein in der Nähe, weil die Anfahrt immer so lang ist und es dort keine Friedhoftoilettenhäuschen gibt und dann lachen wir beide darüber, so wie früher, und ich sage zu ihm: Hey Heiner, jetzt reg dich doch nicht so auf, ich pisse doch NEBEN dein Grab, nicht darauf. Was alte Kumpels eben so reden. Nur, dass Heiner mich nicht mehr packt und drückt, so voll von Leben und Plänen wie er immer war.

Scheiße, mein Lieber. Das ist nicht fair. Es war mir eine Ehre. Und nicht nur mir. Und nächstes Mal finde ich dein blödes Grab sofort. Versprochen. Hoch und heilig versprochen.

final fantasies

der Korn im Grass

[RÜCKBLENDE]

Als ich das erste Mal vom Literarischen Colloquium in Berlin (LCB) hörte, war ich  betrunken. Ich stand am Wörthersee an der Bar des Restaurants Maria Loretto und wartete verzweifelt auf Clemens Meyer. Besser gesagt wartete ich auf mein Handy, das ich ihm, dem tätowierten Underdog-Autor aus dem Osten, in einem Anfall aus Mitleid und Wagemut geliehen hatte. Zuvor war er mir während der 30. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt noch positiv aufgefallen. Er hatte einen seiner typischen Meyer-Texte gelesen. Eine saubere Short Story a la Hemingway, einfach und roh gemacht, aber spannend erzählt. Ein Mann, eine Zelle, ein Knastmond. Das war so gar nicht wie die Welt des bei Autoren, Journalisten und Lektoren beliebten Seerestaurants, in dem ich ihn jetzt wieder traf. Meyer trat nicht wie gewohnt cool und großspurig auf, sondern kleinlaut und geknickt. Er klopfte an die Küchentür des Restaurants und ich hörte, wie er die Servicemannschaft um ein kostenloses Telefonat nach Hause bat. Er habe sein Handy verloren, kein Geld mehr in der Tasche und müsse unbedingt wissen, wie es seinem geliebten Hund gehe, von dem er sonst nie so lange getrennt sei. Sein Verlangen wurde von einem Kellner mit unbewegtem Gesicht abgeschmettert. Also lieh ich ihm meins, nicht ohne den Hinweis, er möge sich wegen der Kosten doch bitte kurz fassen. Meyer murmelte ein Dankeschön und verschwand in der Dunkelheit. Erst nach einer geschlagenen Dreiviertelstunde – in der ich vor mich hin trank und mich mehr als einmal verfluchte – kam er wieder zurück. Auf meine Frage, warum er denn so lange gebraucht habe, fixierte mich der ehemalige Boxer und bekennende Pferdewett-Liebhaber scharf durch die runden Gläser seiner Lennon-Brille: Ich sei ja auch schön blöd, einem Wildfremden einfach so mein Telefon zu leihen. Leicht hätte er für immer damit abhauen können. Und dann erklärte er mir mit lauter Stimme und weit ausholenden Armen,  dass ich das schon verstehen müsse. Er habe das nur wegen seinem Hund getan. Der arme Kerl fresse und saufe nämlich seit zwei Tagen nichts mehr und er hätte seiner Freundin detaillierte Anweisungen geben müssen. Seine Liebe zu diesem Tier sei so groß, dass er vor kurzem sogar ein Stipendium am berühmten LCB abgelehnt habe. Denn dort – und bei diesem Wort schnaufte er, als habe er mit der Vorhölle bürgerlicher Saturiertheit und Dekadenz verhandelt – sei man partout nicht bereit gewesen, sowohl ihn als auch seinen Vierbeiner zu beherbergen, obwohl der doch nun wirklich keiner Fliege etwas zu leide tun könne. Dann drückte er mir mein Handy in die Hand und murmelte etwas vom spießigen Betrieb und einem Bier, das ich beim nächsten Wiedersehen gut hätte. Zu Hause angekommen, flatterte eine Telefonrechnung ins Haus, nach deren Öffnen ich aber kein Bier, sondern einen Schnaps gebraucht hätte. Kein Zweifel: Ich hatte gerade eine harte Lektion aus der Leipziger Vorstadt erhalten.

[POST]

Im Jahr 2007 – Clemens Meyer war inzwischen zum etablierten enfant terrible des Literaturbetriebes aufgestiegen  – kam wieder Post. Dieses Mal aber nicht von T-Mobile, sondern vom LCB. Meine damalige Frau jubelte. Nun hatte sie jenen, bei aufstrebenden Autoren so begehrten Aufenthalt bekommen, den Meyer angeblich aus Liebe zum Hund abgelehnt hatte. Sofort fragte sie mich,  ob ich damit einverstanden sei. Drei Monate seien zwar eine lange Zeit, aber Berlin nicht weit weg und sie könne das Geld gut brauchen. Von der insgesamt eher restriktiven Ehepartner-Politik deutscher Literatur-Einrichtungen ziemlich genervt, polterte ich sofort los: Wenn Clemens dieses Stipendium wegen der drohenden Trennung von seinem Hund nicht angetreten habe, dann sei es ja wohl das Mindeste, dass sie das Stipendium ebenfalls ablehne, wenn ich nicht mitkommen dürfe. Schließlich sei ich als ihr Mann doch mehr wert als irgend so ein zahnloser Autorenköter.  Sie tat wie verlangt. Prompt wehte mich eine leichte Brise jener Offenheit und Lässigkeit des Hauses an, von der dessen geistiger Mentor, der Schriftsteller und Philologieprofessor Walter Höllerer bei den ersten Treffen der Gruppe 47 wohl geträumt hatte. Es sollte nicht die Letzte sein. Ohne Aufheben gestattete mir das nette LCB-Team, mich für einen kleinen Unkostenbeitrag in der mondänen Stadtvilla mit Blick auf den Wannsee einzuquartieren. Und als ich im Juli des darauffolgenden Jahres die knirschende Kiesauffahrt zum Sandwerder 5 hinauffuhr, den Wagen unter den alten Bäumen abstellte, den Motor ausmachte und durch den schattigen Garten hinauf zu dem in der Sonne strahlenden Prachtbau blickte und dahinter das Wasser des Wannsees blau schimmern sah, bekam ich eine erste Ahnung davon, was für ein wunderschöner Sommer uns erwartete. Er brachte mir viele neue Freunde, rauschende Partys und spannende Geschichten. An seinem Ende sollte ich nicht mehr nach Hause zurückkehren, sondern in Berlin bleiben.

[EINSPIELER]

Diese persönliche Geschichte passt zu einem Gebäude, das in seiner über 125jährigen Historie bereits viele Funktionen erfüllt und viele Biografien beeinflusst hat. Ursprünglich 1884 als protziges Domizil eines Berliner Bauunternehmers auf einem ehemaligen Grundstück des Prinzen Friedrich Karl von Preußen errichtet, vermietete dessen Enkel und Erbe, Hans Georg von Morgen, den  renaissanceartigen Bau auf der Haveldüne an den Bankier Dr. Ernst Goldschmidt, einen Vetter der Mutter Carl Zuckmayers. Von Morgen verkaufte an den jüdischen Prof. Rosin, der in den Dreißigern nach England emigrierte. 1938 bis 1953 trieb das Oberkommando der deutschen Kriegsmarine hier absurde Planungen für ein sogenanntes „Ein-Mann-Torpedo” voran. Das gruselige Tarantino-Projekt scheiterte genauso wie der unselige Krieg und eine Zeit lang diente die Villa danach als mondänes Offiziers-Casino für alliierte Besatzer. Erst nach einem Rückerstattungsverfahren konnte Prof. Rosin 1953 seinen Besitz an Frau Wanda Höxter veräußern, die dort ein Hotel betrieb, das bald das Missfallen der reichen Nachbarn erregte. Da das Gebäude auch immer mehr verfiel, verkaufte die Wirtin das Grundstück 1960 an das Land Berlin. Der chronisch knappe Senat konnte für die vorgeschlagenen Einrichtungen aber keine Mittel aufbringen. So kam es 1962 zu dem Glücksfall, dass das LCB „gestiftet von der Henry Ford Foundation, getragen durch das Land Berlin”, das Haus beziehen und seiner heutigen Bestimmung zuführen konnte. Mit seiner anspruchsvollen Literaturarbeit half Höllerer damit der heimischen Autorenschaft, exemplarisch angeführt durch die berühmte Gruppe 47, Anschluss an die europäische Moderne zu finden. Mehr noch, er machte das LCB zu einem Markenzeichen für literarische Wertarbeit aus Deutschland. Schon bald nach der Gründung füllten sich die holzgetäfelten Säle, die großzügigen Zimmer und der Wintergarten mit Offenheit und Leben: Berühmte und unbekannte Schriftsteller und Filmemacher, Hörspielautoren und Medienwissenschaftler, Kritiker und Theaterleute kamen und kommen hier bis heute zusammen, um einander zuzuhören und zu arbeiten. Heute ist Berlins erstes und ältestes Literaturhaus mehr als bloß eine Institution. Es ist wie ein Schweizer Taschenmesser: ein modernes Multifunktions-Tool, das mit seinen Aufenthaltsstipendien für Autoren und Übersetzer, seinen Literaturwerkstätten, den Lesungen und Veranstaltungen eine stille, aber bedeutende Macht in der deutschen Literaturlandschaft bildet. Immer mit dem gelassenen Blick auf den zum Ufer hin abfallenden Park und den blauen Wannsee, auf dem Ausflugsdampfer, Ruderer und Segelboote scheinbar ewig kreuzen. Am Ende so manches rauschenden Sommerfestes geht die Sonne hier in einem glitzernden Schauspiel aus Licht und Schatten unter. Die Literatur aber bleibt.

[CUT]

An einem verregneten Samstag Ende Juli des Jahres 2011 treffe ich mich mit Torsten Dönges, dem Programmleiter und heimlichen Türsteher des LCBs, auf einen Kaffee. Mitten im pulsierenden Kreuzberg sitzt mir ein fröhlicher und eloquenter Mann gegenüber, der jünger aussieht als er ist. Seine Augen strahlen listig und er lacht und erzählt lustige Geschichten aus der Vergangenheit. Doch als ich nach seinen Auswahlkriterien für Texte und Autoren frage und mich nach den aktuellen Herausforderungen des Colloquiums erkundige, wird er ernst. Schnell wird klar: Hier ist jemand mit Leidenschaft am Werk, der den unorthodoxen Geist des Hauses auch noch ein halbes Jahrhundert nach der Gründung beschwören und mit seiner täglichen Arbeit lebendig halten möchte. Dönges, der seit über 10 Jahren am LCB angestellt ist, will ganz in Höllerers Sinne vor allem ‚Literatur als Kunst‘ fördern. Professionelle Entscheidungen trifft er mit Bauch und Verstand. Wer eines der begehrten Aufenthaltsstipendien oder einen Platz in der renommierten einmal jährlich stattfindenden Autorenwerkstatt ergattert, hängt vor allem davon ab, ob Dönges in den eingereichten Texten den absoluten Willen zur Kunst und das technische Potential für überraschende Erzähl-Blickwinkel und -perspektiven entdeckt. Diese Strategie scheint aufzugehen. Denn so wurde neben vielen anderen auch das „Fräuleinwunder“ Judith Hermann ausgebrütet. Freilich: nicht jeder, der für ein paar Tage, Wochen oder Monate am LCB lebt und arbeitet, wird berühmt. Aber auffällig viele, so Dönges, finden später einen Verlag oder tun den nächsten Schritt in ihrer Karriere. Fast alle bleiben dem Haus ein Leben lang mit großer Sympathie verbunden. Möglich machen das der gute Ruf und die ausgezeichneten Kontakte der erfahrenen Mitarbeiter. Erfolge, die neben der familiären Atmosphäre ein wichtiger Antrieb für seine Arbeit seien. Neben dem viel Lesen und organisatorischen Aufgaben besteht für Dönges die größte und nicht endende Herausforderung darin, das LCB trotz seiner Stadtrandlage und seinem großbürgerlichen Traditions-Image als lebendigen Ort für moderne Literatur auch für ein jüngeres Publikum attraktiv zu halten. Zu den etablierten Event-Konzepten in Zusammenarbeit mit jungen Verlagen, werde man deswegen in Zukunft auch verstärkt auf Satelliten-Veranstaltungen im Stadtzentrum von Berlin setzen.

[AND GO]

Am Ende unseres Gesprächs frage ich ihn dann doch noch nach Clemens Meyer. Ob die Geschichte mit dem Hund denn wirklich stimme? Ja, antwortet Dönges und lächelt verschmitzt. Auch ein „ganz lieber Kampfhund“ sei nun mal eine potentielle Gefahr für Besucher und Personal. Zur Versöhnung habe man Clemens bereits mehrmals zu Lesungen eingeladen, was dieser auch immer sehr gerne angenommen habe. Doch so ganz hätte er die Ablehnung von damals wohl doch nie verwunden. Denn bei einer seiner letzten Auftritte habe er schon bei der Anfahrt telefonisch nach einem Grappa verlangt. Da dieser in der hübschen aber  bescheiden ausgestatteten Bar des Hauses aber nicht vorrätig gewesen sei, habe man ihm als Alternative einen deutschen Schnaps angeboten. Dabei handelte es sich um eine besonders prominente Flasche Doppel-Korn, die der dem Hause besonders eng verbundenen Günther Grass stehen gelassen hatte. Meyer trank die Flasche aus, gab dann aber später in einem Interview auf die Frage, wie er es den mit dem Betrieb halte, zur Antwort, dass es eine echte Frechheit sei, dass man als junger Autor am LCB nur die Reste von Grass zu trinken bekäme. Den Stars serviere man nur das Beste vom Besten. Als einfacher Schriftsteller müsse man sehen, wo man bleibt.

So oder so, denke ich, während ich durch den warmen Sommerregen nach Hause laufe: auch diese Saat geht auf, irgendwann. Und auf das Bier, lieber Clemens, warte ich immer noch. Bis heute.

Bleu außer Atem

Bleu lachte mit seiner allertiefsten Stimme. Nach der ersten Tasse zeigte er Interesse für Hendriks Mountainbike, ein brandneues Cube Elite Super HPC. Er gab Zigaretten aus. Er fachsimpelte über die Vor- und Nachteile von Carbonrahmen-Konstruktionen und die neuen HighTech Bars von Ritchey. Hendrik reagierte begeistert; er erzählte Bleu laut und detailliert, wo er welches Teil für wie viel Geld erstanden und welche Touren und Rennen er mit seinen Kumpels gemeistert hatte. Maren sah Bleu mit großen, stummen Augen an. Auf die Frage, warum er denn so viel über Fahrräder wisse antwortete Bleu bescheiden, dass er zuletzt ein paar Jahre als Animateur im Club Med Palmiye in Antalia gearbeitet habe. Ob er da etwa so braun geworden sein? Nein, das habe er der spanischen Sonne über Tarifa zu verdanken, wo er den Sommer über mit Wellenreiten verbracht habe. Den Job in der Türkei habe er geschmissen, er wisse auch nicht genau, was mit ihm los sei. Er brauche einfach Veränderung. Vielleicht sei es ein Fehler, in seinem Alter noch so umherzuziehen, aber verdammt. Er brenne die Fackel lieber von beiden Seiten ab, als langsam in einem Büro vor zu verfaulen. Verdammt, wiederholte Bleu und zog so intensiv an seiner Zigarette, dass man die Glut auch in der Sonne sah, eine verdammte Nacht lang am Strand in Goa, mit hundert anderen Verrückten… Er beendete den Satz nicht. Stattdessen streckte die Arme kurz weit aus und sah in den Himmel, als wäre da irgendwas. Eine Sekunde später lehnte er sich wieder locker in seinem Stuhl zurück. In diesem Moment sah Bleu gut, auf außergewöhnliche Weise gut aus. Mit seinem klar geschnittenen Gesicht, den braunen, intelligenten Augen, dem lässigen Auftreten, egal, wo er war, er sah aus, als gehörte ihm der Campingplatz.

„Das nenne ich Leben.“, sagte er großspurig. „An einem Tisch irgendwo in der Provence mit netten Leuten sitzen, die man vor wenigen Stunden noch gar nicht kannte, heißen Kaffee zu trinken und zu lachen, ohne zu wissen was der nächste Tag bringt und wohin es geht. Das gibt einem eine ganz andere Lebenseinstellung.“

Hendrik nickte aufgeregt und Maren begann langsam abzuräumen. Kaum hatte sie die Sachen zum Abspülen in einer Wanne verstaut, passierte etwas.

Bleu merkte, wie sich die kleinen Härchen auf seinen Armen aufrichteten. Reflexartig strich er darüber, als sei ihm kalt. Er nahm seine Ray Ban vom Tisch, setzte sie auf und drückte seine erst halb fertig gerauchte Zigarette mit der FlipFlop Sohle in den trockenen Lehmboden. Dann hörte er sie kommen, leise erst und dann sehr schnell lauter.

Bleu außer Atem

Marens Freund hieß Hendrik. So stellte er sich mit kräftigem Handschlag vor. Bleu fand ihn grauenhaft. Ein blonder junger Mann in Radlerhose stand vor ihm, mit durchtrainiertem Oberkörper und enthaarten Beinen. Bleu verabscheute Sportsmänner und ganz besonders den Typ des weißblonden Sunnyboys mit dichtem Wuschelhaar und Zahnpasta-Surferlächeln. Hendrik hatte stechend blaue Pupillen, die sich wie Magneten an den Augen des Gegenübers festsaugten, als gäbe es nichts mehr anderes. Aber vielleicht gehörte er nur zu den Menschen, die einen ununterbrochen anstarrten, weil ihnen überhaupt nicht klar war, wie unhöflich das war.

„Baby! Wo warst du so lange?“

„Am Strand.“, antwortete Maren.

Sie duckte sich noch etwas mehr als sonst, legte aber ihren Arm um seine Hüfte.

„Ich dachte schon, du bekommst deine Tage! Und das im Urlaub!“

Hendrik kicherte und Maren gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.

„Baby, Baby, Baby!“, rief er.

Dabei packte er sie mit seinen keulenhaften Armen und schleuderte sie dreimal im Kreis herum. Das wirkte genauso aufgedreht wie einstudiert und Maren kreischte.

„Kaffee?“, fragte Hendrik, während er sie immer noch hielt und anstarrte.

„Kaffee!“, antwortete Maren und gab ihm einen spitzen Kuss auf den Mund.

Dann stellte er sie ab und wandte sich zu Bleu.

„Schwul oder lesbisch?“, fragte er.

„Wie bitte?“

„Tee oder Kaffee?“

„Lesbisch.“

„Wusste ich‘s doch!“, lachte Hendrik. „Herzlich Willkommen, Alter. Setz dich.“

Bleu stellte die Papiertüte mit den Backsachen auf den Campingtisch. Hendrik holte einen dritten Campingstuhl aus seinem VW Bus und ließ sich mit einem wohligen Grunzen neben ihm nieder.

„Erzähl mal, Tim. So war doch dein Name? Wo kommst du her?“

„Aus Berlin.“, antwortete Bleu lächelnd.

Hendrik nickte anerkennend.

„Geile Stadt.“, sagte er.

„Cooler Bus.“, antwortete Bleu.

„Sowas von. Ein T2, Baujahr 73, air cooled.  Doppelvergaser, 68 PS.  Ein ehemaliger Krankentransporter. Komplett selber restauriert und ausgebaut. Peace! Alter!“

Hendrik machte mit einer Hand das VW Zeichen und fletschte dabei die Zähne, als würde irgendein Partyfotograf gleich auf den Auslöser drücken.

„Dein Jahrgang, Herr Blau.“, rief Maren aus dem Bus, wo sie am Gasherd herumhantierte.

„Ist nicht wahr.“, sagte Hendrik.

„Doch, Sweety!“,antwortete Maren. „Herr Blau könnte unser Dad sein.“

Hendrik hielt sich beide Hände vors Gesicht und machte ein saugendes Atemgeräusch.

„Nein. Ich bin dein Vater.“, ächzte er.

Bleu außer Atem

Der erste Morgen seines neuen Lebens, dem er, nur in einen dünnen Militärschlafsack gewickelt entgegen gezittert hatte, begann denkbar unspektakulär. Bleu wischte sich den Morgentau aus dem grauen, zu einem kurzen Zopf gebundenen Haar und beobachtete eine ganze Weile lang eine Kolonne großer schwarzer Ameisen, die die letzten Überreste seines Nachtessens mit großer Ernsthaftigkeit in ihren Bau schleppten. Ein paar trockene Brotkrümel nur, aber in ihrem kargen Königreich ein gefundenes Fressen. Bleu wälzte er sich unter Ächzen steif auf den Rücken und zündete sich eine Zigarette an. Wie gerne hätte er jetzt dazu eine große Tasse mit heißem Kaffee getrunken, doch er hatte nur ein paar Notrationen und einen Liter Wasser dabei. Ihm war friedlich und sanftmütig, aber keinesfalls entspannt zumute. Sein Hauptfehler war gewesen, dass er viel zu lange an diesem Ort geblieben war, dachte er, noch dazu an einem Ort, an dem er früher schon oft gewesen war, mit ihr, aber auch mit anderen Frauen. Er verscheuchte diesen Gedanken schnell wieder und lauschte lieber den Geräuschen des langsam erwachenden Campinglatzes, der auf den schönen und einfachen Namen les Pins getauft worden war und nur knapp einhundert Meter vom See entfernt an den Ausläufern eines Feriendörfchens lag.

Mit quälender Banalität drang das Klappern von Blechgeschirr, das Ratschen von Reißverschlüssen, vereinzeltes Husten und das zahlreicher werdende Rauschen der Klospülung an sein Ohr. Fast hoffte er auf das kraftvolle Flappen von Rotorblättern, aber nichts da. Alles war, wie man sich einen perfekten Urlaubsmorgen vorstellte. Die Sonne ging auf, der Himmel war blitzblau, kein Wölkchen zeigte sich am Himmel und auf der Straße hupte der Bäcker, der die frischen Croissants und Baquettes für die Zeltgäste lieferte. Bleu kroch aus seinem Schlafsack und streckte sich. Er zog seine marineblaue Hilfiger Shorts an und schlüpfte in ein paar ausgelatschte Reefs. Dann setzte er sich ein speckiges Basecap mit der Aufschrift Airforce auf und ging er einen kleinen Bogen durchs Gebüsch. In der Nähe der Autoschranke trat er unbeobachtet auf die unbefestigte Straße. Er begann eine Rolle zu spielen, die des verschlafenen älteren Hippies, der von seiner jungen Freundin die Aufgabe bekommen hatte, jeden Morgen für frisches Gebäck zu sorgen. Er war entspannt, befriedigt, fröhlich und frisch angekommen. Außer ihm hatten sich nur zwei Rentner auf den Weg gemacht und als Bleu an der Reihe war, sprach er, aus einer plötzlichen Laune heraus mit dem Verkäufer in gebrochenem Französisch mit amerikanischem Akzent. Er kaufte für mindestens drei Personen Schokocroissant und zwei dünne Landbrote und verzog sich damit Richtung Strand, ganz so, als wolle er ein wenig alleine sein und brauche Zeit zum Nachdenken und Wachwerden.

Bleu außer Atem

Von dem Augenblick an, in dem Bleu losmarschiert war, verschwand das Runzeln auf seiner Stirn, er sah nicht besonders angespannt oder unglücklich aus. Im Gegenteil, er begann eine einfache Melodie im Takt seiner Schritte vor sich hin zu summen: Und der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht. Weiter wusste Bleu den Text nicht,  also wiederholte er diesen einen Satz immer und immer wieder. Jemand anderes hätte sich in seiner Situation wohl den Kopf zerbrochen. Wie hatte Harry Stone ihn nach all den Jahren und falschen Fährten ausfindig machen können? Warum zum Teufel suchte er ihn überhaupt noch? Die Welt würde nie vergessen und verzeihen, das war klar. Aber Harry? Er hatte bekommen, was er wollte. Und es wieder verloren. Aber das war nicht seine Schuld.

Bleus Frustration währte nur so lange, wie die Explosion in seinen Augen nachflimmerte, und das war nicht sehr lange. Seine Pupillen schalteten schnell in den Nachtmodus. Wie er es in seiner Jugend auf den tagelangen Gewaltmärschen in der Fremdenlegion trainiert hatte, begann sich sein Gedächtnis abzuschalten, gleichmäßig und zügig, so dass nach einer Stunde nicht mehr viel existierte, außer ein paar überlebenswichtige Fakten. Er wusste zum Beispiel, dass er sich in einer halbtrockenen Klimazone befand. Das hieß, es gab keine größeren Herausforderungen, nur Wasser war knapp und es gab Skorpione und giftige Schlangen. Und obwohl Bleu sich unter diesen Bedingungen sicherlich wochenlang ohne Vorräte im immergrünen Unterholz verstecken konnte, wusste er auch, dass es sinnvoller und angenehmer war, sich möglichst schnell entlang der Hügelkämme nach Norden zu bewegen. Denn östlich von ihm lag ein großes militärisches Sperrgebiet und im Süden, wo er eigentlich hinwollte, brannte sein Haus und es wimmelte nur so von Polizisten und bald auch von Polizeihunden. Sowohl das Militär, als auch die Gendarmerie besaß Hubschrauber und Drohnen mit ausgezeichneten Wärmebildkameras. Von Harry’s Spionagesatelliten mal ganz abgesehen.  In dieser Höhe und so weit weg von der Küste war es nachts bereits empfindlich kalt und es gab kaum noch Großwild.

Es würde also nicht lange dauern, bis sie ihn klar und deutlich innerhalb ihres heiligen erstedreistundenzehnkilometer Radius ausgemacht hatten. In einer weiteren halben Stunde würde er ihn verlassen haben und irgendwo in der Nähe eines der größeren Campingplätze rasten, bis es hell wurde. Plötzlich musste Bleu lächeln. Und der Macheath, der hat ein Messer, doch das Messer sieht man nicht, summte er jetzt, in einer Endlosschleife.

Bleu außer Atem

Bleu trat an den Rand des Felsens, wobei sein Blick unbewusst den eben zerberstenden Raketen auswich. Es war das große Finale: eine schnelle und laut knallende Serie von silbern leuchtenden Kugelblitzen, die sich erst weit in die Luft hinaufschraubten, am höchsten Punkt ihrer Flugbahn zerplatzten und dann federleicht und blau schimmernd abregneten. Bleu hob die Glock mit gerade gestrecktem Arm in den Nachthimmel und feuerte das Magazin leer. Er hatte den schrägen Eindruck, dass sein Kopf ruhig und klar blieb, während sein Körper tobte. Er lief zurück zu seinem Rucksack, stopfte die Waffe hinein, hob das Handy auf und wählte eine andere Nummer. Es klingelte zweimal, dann brach der Ton ab. Eine gewaltige Explosion erschütterte das Tal und die Bucht. Die Fenster und Türen des Hauses wurden weit in den Garten hinausgeschleudert, meterhohe Stichflammen schossen aus dem Dach, das sich durch die Druckwelle ein Stück anhob und dann unter lautem Getöse zusammenfiel. Die Hitze der Brandbomben war so stark, dass Bleu sie sogar hier oben, hunderte Meter vom Geschehen entfernt auf seiner nackten Haut spürte.

Er schleuderte das Handy hinunter. Er fragt sich, ob man seine Schüsse gehört hatte. Oder würden sie am nächsten Tag vielleicht doch irgendetwas Wichtiges in den verkohlten Überresten entdecken? Egal. Mit gerunzelter Stirn hob er den Rucksack  auf und schnallte ihn sich auf den Rücken. Er drehte sich um und ging – ohne sich noch einmal umzudrehen – in den niedrigen und dichten Wald hinein, wo er – begleitet vom prasselnden Geräusch des Feuers und den warnenden Sirenen der umliegenden Feuerwachen – auf einem schmalen Pfad in der Dunkelheit verschwand.

Bleu außer Atem

Die Nummer, die er wählte, zündete die Batterien auf der Terrasse und dem schmalen Balkonsims vor dem Schlafzimmer. Während die ersten Raketensalven in langen Bögen in den Nachthimmel zischten und dort in purpurroten und smaragdfarbenen Funkenregen zerplatzten, stemmte sich Bleu mit beiden Händen auf den Felsboden. Sein Geist wurde ganz leer vor Erleichterung, vor ungläubigem Staunen, bis ihm bewusst wurde, dass tatsächlich alles so war, wie er es sich vorgestellt hatte. Wie oft war er frühmorgens, mit einer Tasse in der Hand und der Zigarette im Mundwinkel, auf dem Balkon gestanden und hatte sich dieses Feuerwerk ausgemalt? Jetzt war es noch viel schöner und pathetischer als in seiner Fantasie. Er sah die Sonnenräder, die in der Garageneinfahrt ihre Silberschweife verwirbelten, er sah die roten Mündungsblitze der Bombenrohre, er sah die explosiven Lichtkaskaden der Kugelblitze. Er hörte das hektische Knattern der Knallfrösche, er hörte das langgezogene Heulen der Silvesterraketen, er hörte das fiese Fauchen der Sternschmeißer. Dabei ruhte er sich kurz aus – zwei Minuten oder fünf Minuten lang – und dachte dabei an nichts anderes als daran, dass er jetzt alles hinter sich lassen musste, das Haus, den Garten, die Katze, die Pinien, das trockene Grün der Wälder, die kleine Bucht und die leere Fläche Kies, das Cafe du Midi und seinen Besitzer Jean, das Boulespielen im Abendlicht, die Wildwasserfahrten in den Gorges, das Wandern über die sonnenvertrockneten Hügel der Hautes-Alpes. All die kleinen und großen Dinge, die ihm in den letzten zwei Jahren ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit gegeben hatten. Das, soviel war ihm klar, bedeutete also das Ende einer Illusion.

Widerwillig registrierte Bleu, dass sich die Polizisten langsam aufrichteten. Sie klappten ihre Nachsichtgeräte hoch und begriffen, dass dieser Einsatz wohl nicht so verlaufen würde, wie man es ihnen eingebleut hatte. In den Nachbarhäusern gingen Lichter an, Köpfe drückten sich schwarz an Fensterscheiben. Auf der kleinen Straße nach Bauduen kamen die ersten Neugierigen mit ihren Autos angefahren, um sich das Spektakel aus der Nähe anzuschauen. Im Licht der herankriechenden Scheinwerfer entdeckte Bleu einen dunklen Chryslervan mit getönten Scheiben, der wohl schon eine ganze Weile ein Stück unterhalb des Anwesens im Schatten der Bäume geparkt hatte.

Bleu langte in seinen Rucksack und zog das Nachtglas heraus, das er sich für die Wildschweinjagd gekauft hatte. Er hielt es an seine Augen. Sein Blick wanderte über das Pariser Kennzeichen hinauf zur Windschutzscheibe. In diesem Augenblick ging im dunklen Innenraum eine Stablampe an; sie war auf ein Blatt Papier gerichtet und beleuchtete für den Bruchteil einer Sekunde ein bleiches Gesicht mit einer großen Nase, hohen Wangenknochen und sanftmütigen, lang bewimperten Augen. Bleu erstarrte. In seinem Kopf setzte ein Dröhnen ein, als stehe er kurz vor einer Ohnmacht. dann schleuderte er das Glas wutentbrannt ins Gebüsch und durchwühlte mit beiden Händen seine Habseligkeiten. Als er endlich das Metall seiner Glock spürte, kam er wieder zur Besinnung. Houston, dieser verdammte Houston. Er suchte also immer noch nach ihm. Bleu sprang auf und rannte ein paar Meter ins Macci; am liebsten hätte er geschrien. Er presste sich den kalten Lauf der Waffe an die Schläfe und er rannte ein Stück am Felsen entlang. Trockene Dornen und Äste rissen ihm die Unterarme auf und stachen durch seine Baggy. Er hatte den verzweifelten Wunsch, sich da hinunter zu stürzen und ein Sieb aus dem Kerl zu machen. Doch der Abgrund brachte ihn zum Stehen.

Bleu außer Atem

Das Feuerwerk begann wie geplant mit einer schnellen Folge von fünfundzwanzig Kanonenschlägen. Bleu hatte sie gekauft, weil sie das schöne Rot von Dynamitstangen hatten und gut hinter die Fensterläden passten. Die Männer eröffneten sofort das Feuer. Der trockene Putz, die Holzsplitter und Scherben flogen ihnen nur so um die Ohren. Entlang der Gartenmauer flammten die bengalischen Feuer auf, ein Töpfchen nach dem anderen, alle zwei Sekunden. Schnell war das Gelände so hell erleuchtet, dass Bleu jeden Mann und die Abzeichen erkennen konnte: ein weißer Fallschirm auf blauem Grund, überschrieben mit vier weißen Großbuchstaben. Während Bleu das befriedigt registrierte, verstummten die Böller. Auch die Angreifer stellten das Knattern ein und während die Bengalos weiterbrannten, wurde es still. Stiller als zuvor, dachte Bleu, aber das war Unsinn.

Er sah, wie der Truppführer den behelmten Kopf wendete und seine Männer zählte, um etwaige Verluste auszumachen. Das war schwer, denn die Jungs hatten sich fast alle irgendwo auf den Boden geworfen oder kauerten hinter Mäuerchen und Büschen, um kein Ziel abzugeben. Also gab ihr Chef das Stoppzeichen mit der flachen Hand und wartete, bis die Lichter um sie herum nur noch müde flackerten. Dann formte er eine Faust und schwang sie von hinten nach vorne. In Bleus Hirn stellten sich undeutliche Verbindungen zu möglichen militärischen Taktiken her. Der Einsatzleiter, für einen Franzosen ein ziemlich großer Bursche mit kräftigen Beinen, war kein Idiot. Nachdem er seine Leute erfolgreich neu formiert hatte, gab er den Befehl zum kontrollierten Rückzug.

Bedächtig strich sich Bleu über den Bart und tastete unbewusst nach den Zigaretten in seiner Hemdtasche; er beobachtete jede Bewegung der Männer, als wäre er selbst einer von ihnen. Erstaunlich, wie geschickt sie im Rückwärtsgang allen Hindernissen auswichen und wie diszipliniert sie ihre Grundpositionen wieder einnahmen. Er kam sich vor wie bei einem Ballettbesuch, einer der seltenen Momente in Bleus Leben, in denen er ganz und gar mit sich zufrieden war. Erst als sich nichts mehr rührte und eine gespannte Ruhe über Haus und  Garten lag, griff er mit einer Hand in seinen Rucksack und tastete nach dem Prepaid-Handy.

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Eiseisbaby

In Aix en Provence, da laufen am Nachmittag so Typen herum, diese Sorte Banlieu Helden der Vorstadt, mit gerade geschnittenen Kappa Trainingsanzügen. Du schaust Sie an und denkst: Gerade erst aufgestanden, der Frenchie, oder: Jetzt holt er sein Baquette, der Schlingel und dann steigt er zurück ins Doppelbett zu seiner olivbraunen Göttin. Später dann, am Place de la Cite - Du schlürfst deinen zweiten Pastis und hängst diesem Midilicht nach, da hat genau dieser Typ, der mit dem coolen Heutemachichmalnichtsblick, schon lange deinen Porsche ausgeräumt oder die zentnerdicke Kette deiner Doktor600 mit einem Zahnstocher oder einer Gauloise oder was weiss ich geöffnet. Dankeschön, France. Tres gentile.