Altes Blut

Ich beugte mich zu Marie und küsste sie. Sie wandte sich ab und schaute aus dem Fenster, irgendwohin, soweit sie nur konnte. Dabei sah sie aus wie auf ein BDM Plakat gemalt. Ihr Gesicht war so deutsch wie die Namen der oberschlesischen Dörfer, die ihr Großvater ihr vor dem Einschlafen zugeflüstert hatte. Die hohen Wangenknochen, das perfekt gelegte Haar, die langsamen Schläge der Augenlider, der kalte Glanz ihrer blauen Augen. Ich ertappte mich dabei, wie ich immer nur auf die nächste sparsame Geste wartete oder auf ein knappes Lächeln, das so selten über ihre sanft geschwungenen Lippen huschte, dass ich es jedes Mal fotografieren wollte.

Sie klappte ihre Handtasche auf und holte eine einzelne Zigarette und ein Feuerzeug heraus. Es knisterte, sie blies den Rauch an die beschlagene Scheibe.

„Seit wann rauchst du?“, fragte ich. „Ich dachte, es schmeckt dir nicht.“

Sie hielt die Zigarette mit der Glut nach oben, ganz tief zwischen ihren Fingern. Es sah unbeholfen und elegant zugleich aus, und die Spitze zeigte in meine Richtung, wie ein Stachel.

„Tut es auch nicht“, sagte sie. „Ich dachte, ich fange einfach damit an.“

„Es war ein Fehler“, sagte ich zerknirscht. „Es war ein riesengroßer Fehler, ich weiß auch nicht, warum ich es getan habe.“

„Schau mich an!“

Sie saß sehr gerade.

„Ich halte ihn nicht mehr aus. Ich ertrage ihn nicht mehr.“

„Aber du hast ihn geheiratet.“

„Wenn du wüsstest“, sagte sie. “Wenn du nur wüsstest, warum.“

Sie warf sich theatralisch herum und nahm einen Lungenzug. Dann hustete sie. Ich widerstand dem Wunsch, sie in den Arm zu nehmen. Sie war dieser Typ Frau, den man immerzu beschützen wollte, auch vor sich selbst. Aber das machte natürlich überhaupt keinen Sinn. In Wahrheit war man es selbst, der beschützt werden musste.

„Liebst du mich?“

Sie sah mich an, und es war so, als gäbe es nichts anderes für sie. Ich ließ das Lenkrad los und nahm ihren Kopf und küsste sie auf den Mund, der jetzt nach Rauch schmeckte.

Sie hielt nun ihrerseits mein Gesicht, verhinderte, dass wir uns küssten.

„Ich hasse Moslems.“, flüsterte sie, vollkommen unvermittelt. „Oh, wie ich sie hasse.“

burn forever

I fell into a life of leisure
I saw to a path of pleasure
Don’t it make it that much better
To find a cigarette that burns forever
(Adam Green)

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