Archiv für Juni, 2012

Bleu außer Atem

Das Feuerwerk begann wie geplant mit einer schnellen Folge von fünfundzwanzig Kanonenschlägen. Bleu hatte sie gekauft, weil sie das schöne Rot von Dynamitstangen hatten und gut hinter die Fensterläden passten. Die Männer eröffneten sofort das Feuer. Der trockene Putz, die Holzsplitter und Scherben flogen ihnen nur so um die Ohren. Entlang der Gartenmauer flammten die bengalischen Feuer auf, ein Töpfchen nach dem anderen, alle zwei Sekunden. Schnell war das Gelände so hell erleuchtet, dass Bleu jeden Mann und die Abzeichen erkennen konnte: ein weißer Fallschirm auf blauem Grund, überschrieben mit vier weißen Großbuchstaben. Während Bleu das befriedigt registrierte, verstummten die Böller. Auch die Angreifer stellten das Knattern ein und während die Bengalos weiterbrannten, wurde es still. Stiller als zuvor, dachte Bleu, aber das war Unsinn.

Er sah, wie der Truppführer den behelmten Kopf wendete und seine Männer zählte, um etwaige Verluste auszumachen. Das war schwer, denn die Jungs hatten sich fast alle irgendwo auf den Boden geworfen oder kauerten hinter Mäuerchen und Büschen, um kein Ziel abzugeben. Also gab ihr Chef das Stoppzeichen mit der flachen Hand und wartete, bis die Lichter um sie herum nur noch müde flackerten. Dann formte er eine Faust und schwang sie von hinten nach vorne. In Bleus Hirn stellten sich undeutliche Verbindungen zu möglichen militärischen Taktiken her. Der Einsatzleiter, für einen Franzosen ein ziemlich großer Bursche mit kräftigen Beinen, war kein Idiot. Nachdem er seine Leute erfolgreich neu formiert hatte, gab er den Befehl zum kontrollierten Rückzug.

Bedächtig strich sich Bleu über den Bart und tastete unbewusst nach den Zigaretten in seiner Hemdtasche; er beobachtete jede Bewegung der Männer, als wäre er selbst einer von ihnen. Erstaunlich, wie geschickt sie im Rückwärtsgang allen Hindernissen auswichen und wie diszipliniert sie ihre Grundpositionen wieder einnahmen. Er kam sich vor wie bei einem Ballettbesuch, einer der seltenen Momente in Bleus Leben, in denen er ganz und gar mit sich zufrieden war. Erst als sich nichts mehr rührte und eine gespannte Ruhe über Haus und  Garten lag, griff er mit einer Hand in seinen Rucksack und tastete nach dem Prepaid-Handy.

Bleu außer Atem

Bleu schaute zurück; er sah die Männer der französischen Spezialeinheit aus dem Schatten  ins Mondlicht laufen und eilig die Steinmauer entlang rennen. Bleu blieb stehen. Das sah gut aus, was die Jungs dort unten machten, soviel stand fest. Bleu sah auf seine Stahlrolex und zögerte. Sollte er es darauf ankommen lassen und sich die Sache anschauen? Das Glück herausfordern und so weiter? Oder sollte er sich so schnell wie möglich wie geplant im  Macci verdrücken und versuchen sich morgen früh per Anhalter nach Aix en Provence durchzuschlagen?

Bleu ging in die Hocke.  Er spähte über den Felsvorsprung und erkannte, dass sich ein zweiter Trupp dem Haus von oben näherte. Jetzt hatten alle ihre Ausgangsstellungen erreicht und Bleu fragte sich, warum man keine Scharfschützen auf seiner Position platziert hatte. Von hier aus hatte man dreihundert Meter freies Schussfeld und eine ausgezeichnete Sicht. Sie nehmen dich nicht mehr ernst, dachte Bleu wieder, doch diesmal drückte sein gemartertes Hirn den alten Minderwertigkeitskomplex einfach weg. Falscher Stolz, flüsterte er, als könne ihn das bewahren, wie ein dummes Gebet.

Manchmal nach einer schweren Nacht, wenn es Bleu schlecht ging und er alleine war, redete er sich ein, dass jetzt alles egal war. Aber dann stand er doch wieder auf und kochte sich einen starken Kaffee und rauchte eine Zigarette. Und es war eine Schande, dass er genau das jetzt nicht mehr auf der schönen Terrasse seines Hauses tun konnte, mit Blick auf den Stausee. Denn sie war von einem Dutzend durchtrainierter Burschen umstellt. Alles junge Kerle um die Zwanzig, die nur darauf brannten einem wie ihm eine Kugel in den Kopf zu jagen. Aber zu früh gefreut. Bleu lächelte. Sein rechtes Knie schmerzte und er musste sich Hinsetzen. Er blickte kurz nach oben in den mit blitzenden Sternen übersäten Nachthimmel, wo sich eine kleine Wolke vor den Mond schob. Das war das Zeichen zum Losschlagen. Die Trupps rückten, wie von Zauberhand geleitet, gleichzeitig vor. Sie teilten sich in Zweiergruppen, gaben sich gegenseitig Deckung.

Bleu hatte sich nicht die Mühe gemacht, überall Drähte zu spannen, denn er kannte die Laufwege. Einer im Garten an der kleinen Mauer im Kräutergarten und einer zwischen der verfallenen Garage und dem kleinen Hinterhof, wo Minou zur Mittagszeit immer so gerne neben den großen Blumentöpfen auf dem kühlen Steinboden gelegen und ihre grauen Tatzen geleckt hatte. Bleu fiel ein, dass die Katze heute Abend gar nicht zum Fressen nach Hause gekommen war. Gut so, dachte er, denn er wünschte ihr so eine unangenehme Sache nicht an den Hals. Morgen früh würde sie wie so oft mit einer Maus im Maul vor der Tür stehen und stolz seltsam gurgelnde Geräusche von sich geben. Doch dieses Mal würde er nicht herauskommen und sie für ihren Fang loben, so wie er es das ganze letzte Jahr getan hatte. Bleu rutschte auf seinem Hosenboden herum und atmete tief durch. Es war soweit!

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Eiseisbaby

In Aix en Provence, da laufen am Nachmittag so Typen herum, diese Sorte Banlieu Helden der Vorstadt, mit gerade geschnittenen Kappa Trainingsanzügen. Du schaust Sie an und denkst: Gerade erst aufgestanden, der Frenchie, oder: Jetzt holt er sein Baquette, der Schlingel und dann steigt er zurück ins Doppelbett zu seiner olivbraunen Göttin. Später dann, am Place de la Cite - Du schlürfst deinen zweiten Pastis und hängst diesem Midilicht nach, da hat genau dieser Typ, der mit dem coolen Heutemachichmalnichtsblick, schon lange deinen Porsche ausgeräumt oder die zentnerdicke Kette deiner Doktor600 mit einem Zahnstocher oder einer Gauloise oder was weiss ich geöffnet. Dankeschön, France. Tres gentile.