Archiv für Juli, 2012

Bleu außer Atem

„Das sollten Sie nicht so lassen.“

Bleu fuhr hoch und musste die Augen beschatten, denn die Sonne war gerade über die Hügel hinter dem See gekrochen und schien ihm direkt in sein braungebranntes Gesicht.

„Was?“, fragte er verständnislos.

Im selben Moment ärgerte er sich. Er war kurz eingenickt und hatte auf  Deutsch geantwortet. Vor ihm stand ein sehr junges Mädchen mit blonden, zu einem Pagenkopf geschnittenen Haaren. Sie hatte schmale Hüften und lange, fast magere Beine. Bis kurz über die Knie trug sie eine abgeschnittene und künstlich ausgefranzte Jeans und darüber eine vogelbunte Windjacke von Bench. Das ließ sie noch jünger aussehen, als sie wahrscheinlich war.

„Ihre Arme.“

„Ach ja.“, sagte Bleu und fuhr sich mit der rechten Hand über den Unterarm, als wäre es das erste Mal, dass er die inzwischen verschorften und geröteten Kratzer sah.

„Zeigen Sie mal her.“, sagte das Mädchen und ging vor ihm in die Knie.

Bleu registrierte, dass er unwillkürlich gehorchte und sich in den Sitz aufrichtete. Das Mädchen betastete die Wunden vorsichtig mit allen zehn Fingern.

„Das muss dringend gewaschen und desinfiziert werden.“, sagte sie bestimmt.

Bleu lächelte.

„Für eine Ärztin sind Sie ein wenig zu jung.“

Sie blitzte ihn mit ihren blauen Augen an. Ihr Gesicht war noch unfertig und glatt, aber ihre Augen waren wunderschön mandelförmig geschnitten. Bleu hatte genug Erfahrung mit Frauen, um zu sehen, dass sie eben noch geweint hatte. Das Mädchen richtete sich wieder auf und kramte in ihrem Bauchbeutel.

„Halten Sie das.“, befahl sie. Sie ging ein paar Schritte zum Wasser und tränkte darin ein paar Tempos.

„Sie tragen Desinfektionsmittel in Ihrem Urlaub mit sich herum?“

„Ich bin Krankenschwester.“

Sie ging wieder vor ihm in die Hocke und rieb seine Arme gewissenhaft ab.

„Jetzt wird es gleich richtig wehtun.“, sagte sie.

„Auhhhh!“

Bleu tat so, als könne er den Schmerz kaum ertragen.

„Haben Sie sich nicht so. Ist schon vorbei.“, antwortete das Mädchen und warf die blutigen Papierhandtücher hinter einen großen Stein.

“Ich bin Maren.”, sagte sie.

Mourning Sun

Bleu außer Atem

Der erste Morgen seines neuen Lebens, dem er, nur in einen dünnen Militärschlafsack gewickelt entgegen gezittert hatte, begann denkbar unspektakulär. Bleu wischte sich den Morgentau aus dem grauen, zu einem kurzen Zopf gebundenen Haar und beobachtete eine ganze Weile lang eine Kolonne großer schwarzer Ameisen, die die letzten Überreste seines Nachtessens mit großer Ernsthaftigkeit in ihren Bau schleppten. Ein paar trockene Brotkrümel nur, aber in ihrem kargen Königreich ein gefundenes Fressen. Bleu wälzte er sich unter Ächzen steif auf den Rücken und zündete sich eine Zigarette an. Wie gerne hätte er jetzt dazu eine große Tasse mit heißem Kaffee getrunken, doch er hatte nur ein paar Notrationen und einen Liter Wasser dabei. Ihm war friedlich und sanftmütig, aber keinesfalls entspannt zumute. Sein Hauptfehler war gewesen, dass er viel zu lange an diesem Ort geblieben war, dachte er, noch dazu an einem Ort, an dem er früher schon oft gewesen war, mit ihr, aber auch mit anderen Frauen. Er verscheuchte diesen Gedanken schnell wieder und lauschte lieber den Geräuschen des langsam erwachenden Campinglatzes, der auf den schönen und einfachen Namen les Pins getauft worden war und nur knapp einhundert Meter vom See entfernt an den Ausläufern eines Feriendörfchens lag.

Mit quälender Banalität drang das Klappern von Blechgeschirr, das Ratschen von Reißverschlüssen, vereinzeltes Husten und das zahlreicher werdende Rauschen der Klospülung an sein Ohr. Fast hoffte er auf das kraftvolle Flappen von Rotorblättern, aber nichts da. Alles war, wie man sich einen perfekten Urlaubsmorgen vorstellte. Die Sonne ging auf, der Himmel war blitzblau, kein Wölkchen zeigte sich am Himmel und auf der Straße hupte der Bäcker, der die frischen Croissants und Baquettes für die Zeltgäste lieferte. Bleu kroch aus seinem Schlafsack und streckte sich. Er zog seine marineblaue Hilfiger Shorts an und schlüpfte in ein paar ausgelatschte Reefs. Dann setzte er sich ein speckiges Basecap mit der Aufschrift Airforce auf und ging er einen kleinen Bogen durchs Gebüsch. In der Nähe der Autoschranke trat er unbeobachtet auf die unbefestigte Straße. Er begann eine Rolle zu spielen, die des verschlafenen älteren Hippies, der von seiner jungen Freundin die Aufgabe bekommen hatte, jeden Morgen für frisches Gebäck zu sorgen. Er war entspannt, befriedigt, fröhlich und frisch angekommen. Außer ihm hatten sich nur zwei Rentner auf den Weg gemacht und als Bleu an der Reihe war, sprach er, aus einer plötzlichen Laune heraus mit dem Verkäufer in gebrochenem Französisch mit amerikanischem Akzent. Er kaufte für mindestens drei Personen Schokocroissant und zwei dünne Landbrote und verzog sich damit Richtung Strand, ganz so, als wolle er ein wenig alleine sein und brauche Zeit zum Nachdenken und Wachwerden.

Bleu außer Atem

Von dem Augenblick an, in dem Bleu losmarschiert war, verschwand das Runzeln auf seiner Stirn, er sah nicht besonders angespannt oder unglücklich aus. Im Gegenteil, er begann eine einfache Melodie im Takt seiner Schritte vor sich hin zu summen: Und der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht. Weiter wusste Bleu den Text nicht,  also wiederholte er diesen einen Satz immer und immer wieder. Jemand anderes hätte sich in seiner Situation wohl den Kopf zerbrochen. Wie hatte Harry Stone ihn nach all den Jahren und falschen Fährten ausfindig machen können? Warum zum Teufel suchte er ihn überhaupt noch? Die Welt würde nie vergessen und verzeihen, das war klar. Aber Harry? Er hatte bekommen, was er wollte. Und es wieder verloren. Aber das war nicht seine Schuld.

Bleus Frustration währte nur so lange, wie die Explosion in seinen Augen nachflimmerte, und das war nicht sehr lange. Seine Pupillen schalteten schnell in den Nachtmodus. Wie er es in seiner Jugend auf den tagelangen Gewaltmärschen in der Fremdenlegion trainiert hatte, begann sich sein Gedächtnis abzuschalten, gleichmäßig und zügig, so dass nach einer Stunde nicht mehr viel existierte, außer ein paar überlebenswichtige Fakten. Er wusste zum Beispiel, dass er sich in einer halbtrockenen Klimazone befand. Das hieß, es gab keine größeren Herausforderungen, nur Wasser war knapp und es gab Skorpione und giftige Schlangen. Und obwohl Bleu sich unter diesen Bedingungen sicherlich wochenlang ohne Vorräte im immergrünen Unterholz verstecken konnte, wusste er auch, dass es sinnvoller und angenehmer war, sich möglichst schnell entlang der Hügelkämme nach Norden zu bewegen. Denn östlich von ihm lag ein großes militärisches Sperrgebiet und im Süden, wo er eigentlich hinwollte, brannte sein Haus und es wimmelte nur so von Polizisten und bald auch von Polizeihunden. Sowohl das Militär, als auch die Gendarmerie besaß Hubschrauber und Drohnen mit ausgezeichneten Wärmebildkameras. Von Harry’s Spionagesatelliten mal ganz abgesehen.  In dieser Höhe und so weit weg von der Küste war es nachts bereits empfindlich kalt und es gab kaum noch Großwild.

Es würde also nicht lange dauern, bis sie ihn klar und deutlich innerhalb ihres heiligen erstedreistundenzehnkilometer Radius ausgemacht hatten. In einer weiteren halben Stunde würde er ihn verlassen haben und irgendwo in der Nähe eines der größeren Campingplätze rasten, bis es hell wurde. Plötzlich musste Bleu lächeln. Und der Macheath, der hat ein Messer, doch das Messer sieht man nicht, summte er jetzt, in einer Endlosschleife.

love is a burning thing

Bleu außer Atem

Bleu trat an den Rand des Felsens, wobei sein Blick unbewusst den eben zerberstenden Raketen auswich. Es war das große Finale: eine schnelle und laut knallende Serie von silbern leuchtenden Kugelblitzen, die sich erst weit in die Luft hinaufschraubten, am höchsten Punkt ihrer Flugbahn zerplatzten und dann federleicht und blau schimmernd abregneten. Bleu hob die Glock mit gerade gestrecktem Arm in den Nachthimmel und feuerte das Magazin leer. Er hatte den schrägen Eindruck, dass sein Kopf ruhig und klar blieb, während sein Körper tobte. Er lief zurück zu seinem Rucksack, stopfte die Waffe hinein, hob das Handy auf und wählte eine andere Nummer. Es klingelte zweimal, dann brach der Ton ab. Eine gewaltige Explosion erschütterte das Tal und die Bucht. Die Fenster und Türen des Hauses wurden weit in den Garten hinausgeschleudert, meterhohe Stichflammen schossen aus dem Dach, das sich durch die Druckwelle ein Stück anhob und dann unter lautem Getöse zusammenfiel. Die Hitze der Brandbomben war so stark, dass Bleu sie sogar hier oben, hunderte Meter vom Geschehen entfernt auf seiner nackten Haut spürte.

Er schleuderte das Handy hinunter. Er fragt sich, ob man seine Schüsse gehört hatte. Oder würden sie am nächsten Tag vielleicht doch irgendetwas Wichtiges in den verkohlten Überresten entdecken? Egal. Mit gerunzelter Stirn hob er den Rucksack  auf und schnallte ihn sich auf den Rücken. Er drehte sich um und ging – ohne sich noch einmal umzudrehen – in den niedrigen und dichten Wald hinein, wo er – begleitet vom prasselnden Geräusch des Feuers und den warnenden Sirenen der umliegenden Feuerwachen – auf einem schmalen Pfad in der Dunkelheit verschwand.

Bleu außer Atem

Die Nummer, die er wählte, zündete die Batterien auf der Terrasse und dem schmalen Balkonsims vor dem Schlafzimmer. Während die ersten Raketensalven in langen Bögen in den Nachthimmel zischten und dort in purpurroten und smaragdfarbenen Funkenregen zerplatzten, stemmte sich Bleu mit beiden Händen auf den Felsboden. Sein Geist wurde ganz leer vor Erleichterung, vor ungläubigem Staunen, bis ihm bewusst wurde, dass tatsächlich alles so war, wie er es sich vorgestellt hatte. Wie oft war er frühmorgens, mit einer Tasse in der Hand und der Zigarette im Mundwinkel, auf dem Balkon gestanden und hatte sich dieses Feuerwerk ausgemalt? Jetzt war es noch viel schöner und pathetischer als in seiner Fantasie. Er sah die Sonnenräder, die in der Garageneinfahrt ihre Silberschweife verwirbelten, er sah die roten Mündungsblitze der Bombenrohre, er sah die explosiven Lichtkaskaden der Kugelblitze. Er hörte das hektische Knattern der Knallfrösche, er hörte das langgezogene Heulen der Silvesterraketen, er hörte das fiese Fauchen der Sternschmeißer. Dabei ruhte er sich kurz aus – zwei Minuten oder fünf Minuten lang – und dachte dabei an nichts anderes als daran, dass er jetzt alles hinter sich lassen musste, das Haus, den Garten, die Katze, die Pinien, das trockene Grün der Wälder, die kleine Bucht und die leere Fläche Kies, das Cafe du Midi und seinen Besitzer Jean, das Boulespielen im Abendlicht, die Wildwasserfahrten in den Gorges, das Wandern über die sonnenvertrockneten Hügel der Hautes-Alpes. All die kleinen und großen Dinge, die ihm in den letzten zwei Jahren ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit gegeben hatten. Das, soviel war ihm klar, bedeutete also das Ende einer Illusion.

Widerwillig registrierte Bleu, dass sich die Polizisten langsam aufrichteten. Sie klappten ihre Nachsichtgeräte hoch und begriffen, dass dieser Einsatz wohl nicht so verlaufen würde, wie man es ihnen eingebleut hatte. In den Nachbarhäusern gingen Lichter an, Köpfe drückten sich schwarz an Fensterscheiben. Auf der kleinen Straße nach Bauduen kamen die ersten Neugierigen mit ihren Autos angefahren, um sich das Spektakel aus der Nähe anzuschauen. Im Licht der herankriechenden Scheinwerfer entdeckte Bleu einen dunklen Chryslervan mit getönten Scheiben, der wohl schon eine ganze Weile ein Stück unterhalb des Anwesens im Schatten der Bäume geparkt hatte.

Bleu langte in seinen Rucksack und zog das Nachtglas heraus, das er sich für die Wildschweinjagd gekauft hatte. Er hielt es an seine Augen. Sein Blick wanderte über das Pariser Kennzeichen hinauf zur Windschutzscheibe. In diesem Augenblick ging im dunklen Innenraum eine Stablampe an; sie war auf ein Blatt Papier gerichtet und beleuchtete für den Bruchteil einer Sekunde ein bleiches Gesicht mit einer großen Nase, hohen Wangenknochen und sanftmütigen, lang bewimperten Augen. Bleu erstarrte. In seinem Kopf setzte ein Dröhnen ein, als stehe er kurz vor einer Ohnmacht. dann schleuderte er das Glas wutentbrannt ins Gebüsch und durchwühlte mit beiden Händen seine Habseligkeiten. Als er endlich das Metall seiner Glock spürte, kam er wieder zur Besinnung. Houston, dieser verdammte Houston. Er suchte also immer noch nach ihm. Bleu sprang auf und rannte ein paar Meter ins Macci; am liebsten hätte er geschrien. Er presste sich den kalten Lauf der Waffe an die Schläfe und er rannte ein Stück am Felsen entlang. Trockene Dornen und Äste rissen ihm die Unterarme auf und stachen durch seine Baggy. Er hatte den verzweifelten Wunsch, sich da hinunter zu stürzen und ein Sieb aus dem Kerl zu machen. Doch der Abgrund brachte ihn zum Stehen.

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Eiseisbaby

In Aix en Provence, da laufen am Nachmittag so Typen herum, diese Sorte Banlieu Helden der Vorstadt, mit gerade geschnittenen Kappa Trainingsanzügen. Du schaust Sie an und denkst: Gerade erst aufgestanden, der Frenchie, oder: Jetzt holt er sein Baquette, der Schlingel und dann steigt er zurück ins Doppelbett zu seiner olivbraunen Göttin. Später dann, am Place de la Cite - Du schlürfst deinen zweiten Pastis und hängst diesem Midilicht nach, da hat genau dieser Typ, der mit dem coolen Heutemachichmalnichtsblick, schon lange deinen Porsche ausgeräumt oder die zentnerdicke Kette deiner Doktor600 mit einem Zahnstocher oder einer Gauloise oder was weiss ich geöffnet. Dankeschön, France. Tres gentile.