jet lag

Als ich etwa zwei Stunden später wieder aufwachte, war er immer noch im Garten. Er stand mit dem Rücken zu mir auf der Terrasse zwischen den Palmen und sah sich den Sonnenaufgang über dem Pazifik an. Er war groß und schlank gewachsen und hatte die Hände lässig in den Hosentaschen verstaut. Sein Haar glänzte silbern im Licht. Er bemerkte mich erst, als ich aus meiner Verandatür getreten war und mich leise räusperte. Er drehte sich um und sah mich an. Ich weiß noch, dass es mir komischer Weise so vorkam, als sei er der Eigentümer und ich ein unerwarteter Gast, der sich erklären müsse.

„Sorry. The Jet Jag. I couldn’t sleep”, sagte er.

Dann machte er ein paar Schritte auf mich zu und reichte mir die Hand. Ich nahm sie und war, obwohl ich noch nie etwas für Männer übrig gehabt habe, erstaunt wie gut er aussah. Ich dachte, dass er ein bekannter Schauspieler sein könnte. Er war braun gebrannt. Sein Gesicht hatte sehr gleichmäßige Züge. Alles passte zueinander. Der Abstand der Augen, die Nase, die Backenknochen und das Kinn fügten sich wie bei einer antiken Statue zusammen, wäre nicht auch etwas Bubenhaftes und Spöttisches in seinem Ausdruck gelegen. Er sah jung aus. Nur das Grau seiner Haare und die vom Jet Lag zerknitterte Haut unter den Augen ließen sein Alter erahnen. Laura hatte mir erzählt, dass ihr Mann fünfzehn Jahre älter sei als sie und irgendetwas mit Werbung machte. Daher und auch wegen der Dinge, die Laura in seiner Abwesenheit getan hatte, hatte ich ihn mir ganz anders vorgestellt.

„Hello. My name is Finn“, sagte er. „Laura’s husband.“

“Angenehm“, sagte ich auf Deutsch. „Ich bin Roland Witsch.“

„Ein Schweizer“, sagte er, jetzt auch auf Deutsch. „Autor, Maler, Musiker?“

„Schriftsteller.“

Finn lächelte sein Schauspielerlächeln. Es war schwer, ihn nicht zu mögen.

„Unten an der Straße ist ein Jack in the Box. Kaffee und Cheeseburger?“, fragte er. “Ich lade dich ein.”

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, dieses Stipendium, das für meine Karriere sehr wichtig war, ernsthaft zu nutzen. Dazu gehörte, dass ich jeden Morgen bis zum Mittagessen an meinem Rechner saß und schrieb.  Doch als ich sah, wie Finn sich seine Pilotenbrille mit den grünen Scheiben aufsetzte und mit der Hand über seine Bartstoppeln fuhr, beschloss ich, heute eine Ausnahme zu machen.

„Einverstanden“, sagte ich.

jet lag

Als ich ihn das erste Mal sah, hatte ich Angst, er könne ein Einbrecher sein. Es war mitten in der Nacht. Ein Geräusch hatte mich geweckt, es kam von draußen und weil mein Zimmer im Erdgeschoss lag und ich in diesen Tagen nur bei leicht geöffneter Verandatür einschlafen konnte, stand ich sofort auf und hörte mein Herz pochen. Ich zog mir rasch etwas über. Dann spähte ich durch das Fenster in den Garten der Villa Aurora. Obwohl die Sonne erst in ein paar Stunden aufgehen würde, war der Himmel blau. Die Palmenwipfel standen schwarz hinein und ihre Blätter bewegten sich leicht im Wind, der vom Pazifik herüber kam. Es war Anfang Mai und der Wind, so schwach er auch wehte, war immer noch kühl und ließ mich frösteln. Das Meer, das man von der Terrasse aus weit entfernt sehen konnte, schluckte den Himmel an seinen Rändern wie ein dunkelblauer Tintenkleks, der sich auf einem hellblauen Löschpapier ausbreitete. Ohne etwas von der See oder ihren Gezeiten zu verstehen (ich bin in der Schweiz geboren, in Laas in Südtirol) nahm ich an, dass dieser Effekt vom Nebel herrührte, der sich in der Nacht über dem Wasser bildete und der jeden Morgen von den ersten Strahlen der kalifornischen Sonne wieder aufgelöst wurde.

Er saß oben, neben dem kleinen Parkplatz, der sich auf dem Grundstück befand und auf dem, wie man den Stipendiaten nach ihrer Ankunft erklärt hatte, nur die Angestellten der Villa ihr Auto parken durften. Er saß auf einem Absatz neben der Treppe und hörte über Kopfhörer Musik aus seinem iPhone. Er rauchte und schaute in den Himmel oder auf das Meer. So genau konnte ich das im Halbdunkel nicht erkennen und während ich meinen Schrecken überwand, ließ ich ihn eine Weile lang nicht aus den Augen. Von Zeit zu Zeit steckte er sich die brennende Zigarette in den Mund und schrieb etwas in ein Büchlein, das aufgeschlagen auf seinen Oberschenkeln ruhte. Er trug eine enge Jeans mit flachen Turnschuhen und einen grauen Sweater mit einer Kapuze, die er sich von hinten ein Stück über den Kopf gezogen hatte, um sich vor der kalten Nachtluft zu schützen. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen, aber ich ahnte schon, wer er war, denn wir hatten in den vorausgegangenen Tagen über ihn und seine Ankunft gesprochen. Irgendwann trat er die Kippe aus und zündete sich sofort wieder eine Neue an. Ich überlegte kurz, ob ich hinaus gehen und ihn begrüßen sollte. Aber dann verließ mich der Mut und ich wurde von einer plötzlichen Müdigkeit übermannt. Ich legte mich, angezogen wie ich war, zurück aufs Bett und schlief sofort wieder ein.

dirty fourtythree

(Ähm. Ähm. Hüstel. Hüstel: Das ist also Ironie) [LAUT] “DIE DRECKSAU“ haut einem so schön direkt und verfickt ne Botschaft aus den 90ern in die Fresse, dass ich mich tatsächlich mal wieder dazu genötigt sehe, hier ne kleine Filmkritik an die Wand zu nageln. Ganz generell würde ich sagen: HALLO? Weicheier – also all die Pussis, Gartenzwerge, Fahrradfahrer und Veggydayliebhaber da draußen – können ganz schnell, ganz getrost zu Hause bleiben. Spart euch das Geld  für nen schicken Eyeliner von MaybellineJade oder nen OnlineRasierKlingenAbo von Mornin Glory. Die anderen Jungs sollten alle warten, bis sie männlich, solide alkohol- und sexerfahren und genau dreiundvierzig Jahre alt geworden sind. Außerdem mindestens eine Scheidung hinter sich und natürlich (als sie jung waren) Trainspotting von Danny Boyle/Irvine Welsh gesehen (und für ÜBER befunden) haben. SO. [LAUT AUS] Die Handlung kommt dann von Anfang an sauber links angetäuscht ganz locker von rechts daher. Ein runtergekommener Bulle kokst, säuft und hurt sich durch eine schottische Kleinstadt und kurz auch durch Hamburg und scheißt auf jeden und alles, der sich ihm (zufällig oder ganz bewusst) in den Weg stellt. Solche Filme sind ja eher selten geworden in der aktuellen Kinolandschaft. LEIDER. Und wunderschön ist es natürlich, wenn man den Helden (brilliant in Szene gesetzt von James McAvoy) vom ersten Moment an so richtig schön hasst – und am Ende einfach nur noch liebt. Denn Welsh hat hier ne ganz feine und komplexe Hintergrundstory gewebt. Das schöne Muster zeigt sich allerdings erst ganz am Schluss in seiner heterosexuellen Pracht. Dazwischen liegen einfach nur böse, dreckige und mitunter saugute Szenen, die einem die Nase und den Kopf mal durchpusten von dem Energie-, Internet-, Stromspar-, Lebelangundnachhaltig (undlassdichdabeinichtausspieonioieren) Dingsbums das uns diese müden Tage so verstopft. Jaja, ich hör ja schon auf.  [LEISE] Zieht! Euch! Das! Rein! (Hicks. Ironie an. Ähm. Ähm. Aus. Ihr wisst schon).