es musste etwas passieren

 

Ich folgte Cathy brav, sie schritt zackig voran. Sie stand unter Strom, es war kein Vergleich zu gestern Abend, das war die Cathy, wie ich sie kannte. Sie grüßte flott nach links und rechts, raunte vertraut mit einem nett dreinschauenden Kollegen, lachte dann etwas zu schrill, rückte ihre Brille zurecht und stellte mich einem Salestypen vor, der so stark nach Aftershave dünstete, dass ich fast husten musste. Sie genoss das alles auf eine schräge Art und Weise, vielleicht, so dachte ich, wie eine alte, große Schauspielerin. Es war ihre Bühne. Und irgendwie waren diese Messen und Stände ja auch Spielstätten. Die Stücke, die im Business-Theater aufgeführt wurden, waren nicht sehr anspruchsvoll. Ein Hauch von Shakespeare vielleicht, wenn man wohlwollend war. Es ging um die Ausstellung von Macht und Möglichkeiten, es ging (ganz profan) ums Geschäft und um Beziehungen, es ging (schon etwas glamouröser) um Verrat und Loyalität, es ging um nicht weniger als die Zukunft des Unternehmens. Gute Messen waren voller plot twists. Die Darsteller, das Ensemble, allesamt blutige Laien, aber konsequent und einmalig in ihrer Unbedarftheit, in ihrer ganzen Gewitztheit und Brutalität. So etwas führte zwangsläufig zu kleinen und großen Dramen. Es galt eine gewaltige Verschwendung von Geld, Zeit und Ressourcen zu rechtfertigen. Es musste einfach etwas passieren. Es mussten Köpfe und Moneten rollen, sonst hatte man seinen Job nicht gemacht, verdammt. Mein Untergang (das wusste ich seit gestern Abend) war beschlossene Sache. Deswegen konnte ich unverfroren auftreten. Mein Part war fast zu Ende, ich hatte beinahe ausgespielt, ich stand kurz vor dem Exit, in einem Jahr würde hier ein anderer PR Fuzzi rumwichteln, jünger wahrscheinlich, smarter, unerfahrener, aber dafür williger. Ein weißes Blatt Papier. Ich hingegen, ich fühlte mich wie eine benutzte Serviette. Aber ich war Profi genug, weiter mitzuspielen. Das war ich der alten Dame schuldig.

“Selbstverständlich”, sagte ich cool.

“Ich darf es dir eigentlich gar nicht sagen. Wir haben heute einen geheimen Act auf der Bühne.”

“Nein?”

“Doch. Ariane. Ariane Grande. Psst.”

“Nicht möglich.”

“Brad spielt mit ihrem Vater jeden Mittwoch Golf im Red Tail Club. Sie kommt aber nur für zwei Songs, hat sie gesagt. Immerhin. Das wird das Highlight am heutigen Messeabend.”

Ich konnte es kaum erwarten.

“Wow”, sagte ich.

Das gefiel ihr.

“Hier, dein Badget. Damit kommst du überall rein und, was nicht ganz unwichtig ist:  Du kriegst zu essen zu trinken so viel wie du willst.”

Sie hängte mir das laminierte Namensschild um den Hals, als wäre es eine Auszeichnung, auf die ich stolz sein durfte.

“Thank you, Cathy.”

 

 

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