Die gemietet Boheme-Haut funktionierte nicht. Mein Berliner Leben blieb, was es war. Immerhin ohne die IKEA-Möbel. Ich studierte, wie es eben gerade ging. (Studieren in Berlin ist in nicht vollkommen exotischen Fächern nicht gerade einfach, wenn man nicht rund um die Uhr um die Aufmerksamkeit von Dozenten buhlen will, die viel zu viele Prüfungen betreuen und abnehmen müssen. Die Bibliotheken schliessen nachmittags um vier, und daß in manchen Bundesländern die Kartoffeln gekocht werden, bevor man sie auf Teller tut, ist in Berliner Mensen ein sorgfältig geheim gehaltenes Politikum.) Wie auch immer, mein Tempo war erbärmlich, und das Studium rechtfertigte meine Existenz auch eher, als daß es sie füllte. Dabei war ich einst der feuchte Traum eines Bildungspolitikers gewesen: Informatik und Wirtschaft, richtig gute Abiturnoten. Dummerweise fiel mir zur Mitte des Hauptstudiums auf, welche Konsequenzen es hätte, in einem Jahr fertig zu werden: Ich hätte, mitten in der Krise, monatelang um einen langweiligen Mistjob betteln dürfen in einer Branche, die gerade stolz darauf war, die Eskapaden ihres Boomjahrzehnts durch Biederkeit und Gründlichkeit wett zu machen. Ich hätte die besten zehn Jahre meines Lebens Datenbankmasken programmieren dürfen oder mich dem faschistoiden Spiel der Beratung ergeben. (Sagte ich zum General am Kamin, und frage ihn: Haben Sie schonmal Datenbankmasken programmiert? Und auf seinen verständnislosen Blick: Nie taten intelligente Menschen stumpfsinnigeres!) Ich hätte mich gut geschlagen in dieser Wirtschaft, da war ich mir sicher. Nicht nur, weil ich immer zurechtkam und meine Tüchtigkeit den Leuten über kurz oder lang schon auffiel — ich hätte wirklich gekonnt, was sie von mir wollten. Allein: Beim Gedanken daran packte mich das kalte Grauen. Was tat ich also, während ich es vermied, in die Wirtschaft entlassen zu werden? Ich verdiente Geld, um jeden Monat die Miete zu zahlen. Es ist nicht schwer, als Student, der mit Computern kann, Geld zu verdienen. Studenten sind ideal auszubeuten. Sie sind für billige Stundenlöhne zu haben (denn sie haben keine Abschlüsse), zahlen kaum Abgaben und sind für jeden Job dankbar. Ich hatte nicht den blödesten erwischt, ich setzte Broschüren und Anzeigen für ein Büro, das solche Aufträge sammelte und an Leute wie mich, Ungelernte oder arbeitslose Typographen, ab und an auch echte Freelancer, weitergab. Pro Woche ein Schweinebauch, fette rote Preiszahlen daneben, oder ein Pizzabringdienstzettel, ein Vereinsheft, das reichte zum Leben, ab und an auch mal Größeres, keine kreativen Eskapaden. Ich kam im Grunde gut zurecht. Es konnte so weitergehen. Ich lag niemandem auf der Tasche, und wenn sie im Fernsehen gegen die Langzeitstudenten wettern, konnte ich ruhigen Gewissens “Maul halten, Arschlöcher” sagen beim Umschalten. (Der General schüttelte den Kopf. Fernsehen war nicht sein Thema.)

Protokoll | link | 27. June 2006

Abends zog ich einen Stuhl ans Fenster, klappte die doppelten Flügel auf und atmete den Geruch von feuchtem Zement, Benzin und Müll ein. Ab und zu rauschte es ein wenig in unserem Innenhofbäumlein, das oben einige Meter über das Dach ragte. Wenn ich mich zurücklehnte, konnte ich ein Stück Himmel sehen, der sogar jetzt, kurz vor Mitternacht, nicht mehr als zwei oder drei Sterne hergab. Ein vager Kamin schlief dort oben, mit der zufriedenen Einsamkeit eines verstaubten Campanile. Das Licht aus der Küche reichte zum Lesen, es fühlte sich intellektuell an. Mit einem zerfledderten und farbverklebten Reclam-Derrida im Hinterhof. Sommernacht. Fühlte sich gut an. Vor lauter Gutfühlen vergaß ich das Lesen während drei kompletter Seiten postmoderner Theorie (bewegte aber pflichtbeflissen die Augen), rief mich zur Ordnung und las das ganze Kapitel mit ähnlichem Erfolg von vorn. Der Derrida war auch ein Erbe vom Vormieter. Ich hatte seine ganze Maler-Bibliothek übernommen, einen verstaubten und verdreckten Haufen Bücher auf einem Brett unter dem Fenster. Derrida, Lyotard, Adorno. Keine Kataloge, keine Drucke. Manchmal frage ich mich, ob ich die Wohnung damals nicht hauptsächlich wegen des Beils und der Bücher gemietet habe. Der Makler machte die Tür auf und ich sah das Beil und die Bücher und die Farbspritzer — die ganze Wohnung schien eine Boheme-Haut zum Überziehen zu sein. Wer so eine Wohnung hat, müsste doch ein Leben führen wie die Leute in den Liedern der Dandy Warhols, schien mir. Falls die Dandy Warhols das darstellten, was heute Boheme war. Vielleicht fiel ich bloß auf ihre Albumtitel herein.
Der knollige Makler war in einem steinalten Polo gekommen, der viel zu klein für ihn war, trug ein knallblaues C&A-Jacket und zu gebräunte Kopfhaut unter dünnen Haaren. Die Anzeige für die Wohnung: “Coolen Altbau! Ofenhzg, Toil. a.d.E., Renov.bed. ab Feb. 100 Eur. prov.frei”. Tatsächlich lag die Toilette einen Treppenabsatz tiefer, außerhalb der Wohnung. Das war ich nicht eben gewohnt, aber schon nach zwei Wochen machte es mir nichts mehr aus. Das größte Problem mit dem Treppenhausklo war, daß man seinen Gästen immer einen Schaltplan aufmalen musste, wenn sie austreten wollten. Sonst kriegten sie das Licht nicht an. Man mußte dafür drei Schalter in der richtigen Reihenfolge umlegen, von denen einer das Licht im Treppenhaus ausschaltete. Es gab Gäste, die hartnäckig behaupteten, wenn man die Schaltung nicht sorgfältig vornähme, ginge nicht nur das Licht nicht an, sondern auch die Spülung funktioniere nicht. Vermutlich war’s ein Scherz, aber ich habe es nie ausprobiert. Wer will schon riskieren, ohne Spülung auf einem dunklen Etagenklo zu enden. Das war es nicht wert. Da ich ohnehin nicht oft Gäste hatte, war das mit dem Schaltplan-Klo nicht schlimm.

Protokoll | link | 26. June 2006

Das war so eine Sache, die damit angefangen hatte, daß eines Abends im Februar die Glühbirne im Zimmer ihren aussichtslosen Widerstand gegen die übermächtige Finsternis aufgegeben hatte. Sie knackte zum Abschied leise und gab den Geist auf. Seither fehlte mir eine Glühbirne. Weil die Birne im Zimmer schwer zu erreichen war, schraubte ich die aus der Küche ins Zimmer und wechselte seither die andere zwischen Flur und Küche hin und her, ganz nach Bedarf. Es war nicht so, daß ich kein Geld gehabt hätte für eine dritte Glühbirne, so schlimm war es nicht. Aber nachdem ich ungefähr eine Woche zu faul gewesen war, eine neue Birne zu besorgen, fing die Sache mit der Graienbirne an, mir Spaß zu machen. Ein Kilo Watte müsste eine ziemliche Menge sein, dachte ich, als ich das Interesse an dem Graien-Gedanken verloren hatte. Ein Kilo Watte, das müsste sicher ein ganzer Eimer sein. Käme vielleicht auf die Watte an.

Protokoll | link | 23. June 2006

Das Beil machte Toon-Bewegungen, hackte sich durch die Küche und wütete wild im Geranienbeet. Ich jagte mit einer biegsamen Fliegenklatsche hinterher. In der Ecke zwischen Gasherd und Mülleimer stellte ich das rebellische Hackebeil, nervös und metallen klapperte es gegen den Herd, hackte eine Scharte in den fleckigen Gips und schien sich gerade ergeben zu wollen, als ihm bewusst wurde, daß es ein Beil war und ich bloß ein Typ in einem dreckigen Pullover, bewaffnet mit einer schadhaften Fliegenklatsche. Einige Zeit schauten wir uns in die Augen, das Beil und ich, dann fing ich an, mich zu fragen, mit welchen Augen mir das Beil eigentlich in die Augen seh. Als ich genügend darüber nachgedacht hatte, gab es ein glucksendes Geräusch, ich machte erschrockene Saugbewegungen und wischte benommen meine Hand am Pullover ab. Meine Güte, wie unangenehm. Gut, dass mich hier keiner sah. Glitt vom Sofa, kam auf die Füße und ging erst einmal nachschauen, ob ich vielleicht doch ein Geranienbeet in der Küche hatte. Ich hatte keins. Das Beil war auch wieder, wo es hingehörte, nämlich auf Augenhöhe: Ein mit Kohle an die lange Seite des Zimmers gezeichneter Umriss, einziger Schmuck der ziemlich dreckigen, braunen, tapetenlosen Wand. Einer meiner Vorgänger hatte da seine Wut verewigt, oder was immer man verewigen will, wenn man eine Kohle-Wandzeichnung von einem Beil anfertigt. Vielleicht war er auch nur betrunken gewesen und hatte mit einem Stück Kohle ein Beil an die Wand gemalt. Jedenfalls hatte ich ein Gefühl im Mund wie von einem Kilo gekauter Watte. In der Küche spülte ich durch, aber viel besser wurde es nicht. In der Küche war es finster; die Glühbirne brauchte ich im Flur, weil da der Spiegel hing.

Protokoll | link | 22. June 2006

Ich genoß meinen schlurf-wippenden Schritt mit den nach innen gedrehten Fußspitzen. Trat an die Jalousie und spreizte Lamellen in privat-detektivischer Manier. Ich wohnte in der fast leeren und zu dunkeln Wohnung eines Malers, hatte meinen Gang einem Volksbühnen-Schauspieler abgeschaut und spähte in den Innenhof, als hätte ich eine Mission. Hier roch es nicht nur nach Geranien, es stank nach dem letzen, erschöpften Rest von Bohème. Besser gesagt, nach einer Bohème, die seit acht Wochen in den Fußboden rottete. Jenseits der Jalousie, auf der anderen Seite des Innenhofs, in dem es nur nach Müll roch, saß eine Katze auf dem Fensterbrett. Sie blieb sitzen, als ich die Jalousie hochzog. Wir starrten uns eine Weile an, asymmetrisch wie üblich, harten Auges die Katze, weich der Mensch. Links und rechts hingen lose Kabel vorm braunen Putz, und in der Mitte des Hofs zitterte ein spindeldürres Bäumchen, das nie erfahren würde, was Wind ist.

Protokoll | link | 20. June 2006

Ich kippte Soße über die Nudeln, trottete ins Zimmer und stellte sie auf dem fleckigen Dielenboden ab. Beim Essen im Schneidersitz dachte ich ergebnislos über Geranien und Geraniengeruch nach. Einen kleinen Klumpen Nudeln ließ ich übrig und trug ihn zurück in die Küche, und nur einen Moment zögerte ich, dann entschied ich mich gegen das Abwaschen und ließ das ganze Ensemble dem Schimmel. Denn noch hatte ich drei saubere Gabeln, spürte aber für einen Moment die Tendenz zum Abwasch. “Dieser Mann hatte ganz offensichtlich weder sich selbst noch sein Leben im Griff” war das Urteil der Pro-7-Dokumentation im Vorabendprogramm, mit Grabesstimme. Die Küche des zerfallenen Toten, die dabei im Bild gewesen war, erinnerte in Ausstattung und Zustand stark an meine. Ich entschied mich trotzdem gegen das Saubermachen und einfach dafür, bis zum nächsten Abwasch nicht zu sterben, nicht acht Wochen in den Teppichboden zu rotten wie der Mann in der Pseudodokumentation. Verdammte Pro-7-Scheißer. Mich kriegten sie nicht. Ich wusch schon aus Trotz und Verachtung für die Vorabendprogrammwixer nicht ab. Statt dessen drehte ich das Licht im Zimmer an, setzte mich auf das zerschlissene Ledersofa mit den Farbspritzern und starrte die Wand an. Den Lichtschalter mochte ich besonders. Er war schwarz, abgegriffen und man musste daran drehen, um das Licht einzuschalten. Über dem Drehschalter stand in weißem Halbrund “LICHT”. Der schräghängende Blechlampenschirm an der viel zu hohen Decke warf einen dreistufig ovalen Schatten an die Wand, der einen wahnsinnig machen konnte: Auf eine verdrehte Art mussten diese Biegungen und Helligkeitsstufen mit der Lichtbrechung am runden Lampenschirmrand zu tun haben, aber ich durchschaute das nicht. Ich war sehr dankbar für den schäbigen Lampenschirm. Er hing schon dort, als ich einzog und ersparte mir den Gang zum Baumarkt oder zum Möbelhaus. Abgesehen davon, daß der Proll-Horror in Baumärkten und Möbelhäusern besonders aufdringlich war, gab es auch nur Mist zu kaufen. In Farben, die Verkäufer “poppig” nennen. Mein VEB-Lampenschirm war ein anderes Kaliber. Ich war dankbar. Als die Probleme der Lichtbrechung ihn nicht mehr fesselten, schweifte mein Geist und gab mir wieder einmal auf, den Dielenboden zu schleifen. Die Farbspritzer dort gehörten nicht zu mir, sondern zu meinem Vorgänger, dem Künstler. Obwohl es dazu viel zu dunkel gewesen sein musste, hatte er hier gemalt. Ein armes Schwein vielleicht, mein Vorgänger. Romantisch. Wenigstens hatte er zu tun gehabt, immerhin war er Maler. Maler zu sein schien mir so unzeitgemäß wie ein Bergmann zu sein oder Partisan. Ein Beruf aus einer alten, mythischen Zeit, vor den Karriere-Tips im Uni-Spiegel und all den anderen Chancen unserer Tage.

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Sie begann, wie gesagt, mit meinem albernen Kampf gegen IKEA-Möbel, den ich verlor: Ich zog aus und ließ die Möbel, wo sie waren. Ich zog ein in die Wohnung des Malers. Den Maler habe ich nie kennen gelernt, aber die Wohnung sah sehr wie die Wohnung eines Malers aus, der sich kein Atelier leisten kann. Ich bekam das Zimmer auf dem üblichen Weg, über die Anzeige eines Maklers im Tagesspiegel, provisionsfrei zu vermieten, billig, teilmöbliert. Die ersten Wochen in der Wohnung des Malers waren angenehm, ich genoß, wie ungewohnt alles war. Deutlich in Erinnerung sind mir die charakteristischen Einzelheiten aus dem einsamen Halbdunkel dieser Wohnung: Der immergleiche Vogelschrei aus dem Innenhof und der rätselhafte Geruch nach Geranien, wenn ich das Spaghettiwasser in den Ausguß rinnen ließ.

Protokoll | link | 19. June 2006

Wenn einer wie ich an der Grenze zu den Tiefebbefrostgebieten gefunden wird und einen nützlichen Eindruck macht, stellen sie ihm einen Freiwillgen zur Seite, der beim Übergang hilft. Daß mein Freiwilliger ein unzugänglicher, aber sehr interessanter ranghoher Offizier war, war angeblich Zufall. Übrigens erschöpft sich mit dieser Maßnahme die Fürsorglichkeit des Imperiums. Wer einen Freiwilligen erwischt, der nichts taugt, hat Pech. Ich hatte Glück. Der General hat mich untergebracht, bis ich die Wohnung im Backsteinviertel bekam, und auch sonst war er unersetzlich. Meine Sympathie für ihn wurde noch befeuert von meinem Eindruck, daß er mindestens ebenso interessiert an mir und meiner Vergangenheit in den Tiefebbefrostgebieten war wie ich an ihm und meiner neuen Umgebung. Erklärtermaßen spannend fand er, wie ich es geschafft hatte, wegzukommen — mir wurde auch klar warum, als ich erfuhr, wie wenige von uns es hier gab. Ich musste dem General die Geschichte im Detail erzählen, in mehreren langen Sitzungen in seiner Stadtwohnung, bei der ich noch immer nicht herausbekommen habe, ob ich sie typisch für einen Offizier finden soll oder nicht: Voller Bücher; und nicht nur Clausewitz und Sun Zu, sondern auch eine Menge französischer Romanliteratur. An den Wänden (und davor angelehnt) allerdings Schlachtengemälde, unheimliche Wirrware aus Piken, Zacken, Schwertern und Männern, unordentlich geknüpfte Geflechte Sterbender und Stechender mit schmerz- und blutrauschverzerrten Gesichtern und auf den Hügeln verlassene oder umkämpfte Artillerie; ein Feldherr mit zwei Läufern und einer Fahne über dem Durcheinander, in dem seine Männer sterben und sein Schicksal geboren wird. Auch einige besonders verstörende Ölgemälde moderner Waffen und Schlachten gibt es, das kannte ich nicht, und anders als die alten Bilder kann man sie nicht mit einem verklärenden Blick lesen: Es ist vollkommen unmöglich, dem Bild einer mobilen AAA-Einheit den bloß romantischen Schrecken des historischen Arsenals abzugewinnen — übrigens vielleicht nur für mich, dem General konnte ich den Unterschied nie erklären. Die besonders seltsamen Bilder zeigen riesige stählerne Schiffe, die aber offenbar gesegelt werden, ganze Flotten. (Leider zivil, sagt mein Mentor.) Zwischen Bildern und Büchern schaut ein kleiner offener Kamin heraus, auf dessen übervollem Sims der General alles abstellt, was er einmal angefasst hat und wieder loswerden muß: Einen schwarzen Springer, Füllfederhalter, Papier, Bücher, Teetassen, Kerzen, die er vom Tisch räumt, um Platz für das Schachbrett zu machen, bevor er sich auf die Suche nach dem Springer macht, kleine indische Götterfiguren, eine Glühbirne. Vermutlich räumt er den Sims ab und zu auf, oder es hat sich ein Fließgleichgewicht eingestellt. Vor dem Kamin ducken sich drei Sessel, die blasiert aussähen, hätten sie nicht ihre besten Tage längst hinter sich. Das alles erwähne ich nur, um den Ort anzudeuten, von dem aus ich heute meine Geschichte wiedererzähle.

Protokoll | link | 12. June 2006

Ich war entmutigt und nahm den Stuhl wieder mit. Natürlich hätte ich einfach einen Entrümpler anrufen können. Aber ich hatte inzwischen keine Lust mehr, irgend jemandem zu erklären, warum ich alle meine Möbel wegwerfen wollte. Ich wollte auch niemanden mehr anrufen und ihn über meinen wahren Geschmack bei Schränken aufklären. Ich wollte überhaupt keine Fragen beantworten zu diesem Thema. Niemandes. Insbesondere wollte ich nicht zugeben müssen, daß ich neurotisch genug war, einen profunden Haß auf meine Wohnungseinrichtung zu entwickeln und dann beim Loswerden derselben an lächerlichen inneren Zwängen und ein paar Pannen zu scheitern. Nach drei Wochen spitzte sich die Lage zu. Nicht nur, daß ich meine Möbel hasste, sie führten mir auch jeden Tag meine Unfähigkeit vor Augen. Ein radikaler Schritt war nötig, so viel stand fest. Ich dachte ein wenig darüber nach, den Gashahn aufzudrehen und die Wohnung in die Luft zu sprengen, in der Hoffnung, dabei schizophren, cool und sexuell attraktiv wie Tyler Durdon zu werden, gab den Plan aber in Ermangelung eines Gashahns auf. Nachdem ich lange genug in farbenfrohen Detonationsphantasien geschwelgt hatte. Die harmlosere Variante des selben Planes lautete: Entweder die Möbel kleinhacken und die Einzelteile in der Badewanne in Säure auflösen, oder einfach gleich umziehen und die Möbel lassen, wo sie waren. Das schien mir zwar sehr irrational, versprach aber gründlich und trickreich alle Probleme zu umgehen. Was tut man schliesslich nicht alles, um den Seelenfrieden wiederzubekommen, ohne das Selbstbild zu gefährden. Die Möbelsituation war verfahren, und aus ihr sprossen die weiteren Entwicklungen wie Kresse aus der Watte am Fenster.

Protokoll | link | 5. June 2006