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Abb 4.

Durchgang der Erde durch den Schweif eines Kometen. Links oben die Sonne, schraffiert die Fläche der Kometenbahn, die auf der Erdbahnebene schräg steht. Der Komet läuft von rechts oben nach links unten. Sein Schweif ist der Sonne gerade abgewendet und etwas — wegen des rasenden Laufes des Kometen — zurückgebogen. Im Vordergrunde die Erde, die von den äußeren Schweifmassen gestreift wird.

Material | link | 27. July 2006

Das Kryptophon klingelte und also verließ mich der General für eine Weile. Er führte ein gedämpft-unverständliches Gespräch mit dem Stützpunkt, durch die Milchglastür sah ich seine Silhouette in ruhiger Bewegung. Die Autorität des Mannes mußte spürbar sein am anderen Ende der Leitung. Ich hörte derweil dem Knacken des Feuers zu und dem Blubbern des Phonboilers und wunderte mich. Seltsam erschien (und erscheint) mir nicht, was mich umgab, sondern daß ich noch vor ein paar Wochen ein Leben in einer Berliner Hinterhofwohnung geführt hatte. Daß sich die Dinge so drastisch ändern konnten, ohne mich auch nur im Entferntesten hilflos zu lassen, war vielleicht die stärkste Erkenntnis der letzten Wochen. Wie ich da so saß, packte mich wieder das wilde Gefühl, das mich durch diese ganze seltsame Geschichte begleitet hatte: Man hat es, wenn die Tatsache heraufdämmert, daß man eine riskante Wette gewinnen wird. Als der General zurückkam, mir Tee anbot, sich zurechtsetzte und mich bat, fortzufahren, war ich fast ebenso euphorisiert wie in den Tagen, von denen ich ihm dann erzählte.

Protokoll | link | 

Nach einem ungewöhnlich ärgerlichen Lars-von-Trier-Film beschlossen Etienne und ich noch einen Whisky im Reingold. Die Frau saß in einem der tiefen, dunkelroten Sessel im hinteren Teil, die Beine übergeschlagen und mit einer schwarzer Stiefelspitze aufregend wippend. Sie trug, ich senkte die Stimme, der General beugte sich vor: Eine grüne Hose mit schottischem Karo, die perfekt saß und mit sanftem Schwung über den Fesseln den Blick auf das Wesentliche lenkte: Auf die hypnotische Stiefelspitze und ihren Gegenpol, einen schmalen, nicht zu hohen Absatz.
Sie nahm einen Schluck aus einem zart auffunkelnden Glas, als wir den Raum betraten; über den Rand hinweg blickte sie mir gelassen ins Auge mit dem Blick der Schönen oder der gleichgültigen Phase der Trunkenheit. Ich wußte wohl, daß ich an diesem Abend doch ordentlich aussah und mir auch bislang noch keine Patzer geleistet hatte, keine unsicheren Blicke, kein Griff an Hemd oder in die Haare oder in den Nacken, letzteres machte ich fast immer in solchen Situationen, diesmal nicht. Obwohl ich verschont blieb, war meine Sicherheit dahin unter ihrem ersten Blick, der übrigens natürlich kaum mehr war als das kurze Blinken, mit dem Neuankömmlinge nun mal geprüft werden. Sie war nicht alleine, stellte ich fest, sie war in Begleitung eines gut angezogenen Paares: Junge Frau mit dunklem Hemd und breiter grauer Hose mit Bügelfalte, junger Mann an ihrer Hand in weissem Hemd und einer Krawatte, die sich nicht für ihre Anständigkeit schämte. Ein Jackett hing über der Lehne des Sessels, ziemlich sicher Teil eines Anzugs, aber das Licht ließ solche Schlüsse auf Entfernung eigentlich nicht zu. Viel näher kam ich nicht. Ich bemerkte noch Susanns Hemd (sehr blaß rosa) und einen Pullover aus feiner weicher Wolle, dann schaffte ich mich seitwärts in einen Sessel, eindeutig ungeschickter, als es nötig gewesen wäre. Etienne redete über die gequälten Frauen bei Lars von Trier, ich musste nur gelegentlich nicken. Immerhin saß ich so, daß ich immer wieder einen Blick riskieren konnte, denn ich musste mehr über ihr Gesicht herausfinden. Und mich darauf vorbereiten, daß es mir völlig unmöglich sein würde, die Frau anzusprechen oder sonst etwas zu unternehmen. Und daß ich deswegen einen sehr frustrierten Abend verbringen würde. Es ging schon los. Ich wusste doch, wie sowas ausging, es endete immer damit, daß ich eine Woche lang glücklichmachende Musik hören musste, um die Schmach meiner Feigheit wieder vergessen zu machen.
Die Bar war sonst weitgehend leer, zwei junge Medientypen am Nebentisch unterhielten sich, wenn ich mich nicht irre, über die Unmöglichkeit, in Berlin anständig zu leben, der eine glaubte’s nicht, der war Münchner. Ich suchte Susanns Blick. Da sprach sie grade mit dem vergebenen Burschen an ihrem Tisch, sagte was und lehnte sich mit feinem Lächeln zurück, während er zu Erklärungen anhob, zumindest gestikulierte er erklärend und präzis, elegant, ab und zu die Zigarette abschnippend. Susann saß derweil da, hörte zu und schaute ihn konzentriert an, mit einer kleinen Falte von Aufmerksamkeit zwischen den Augen, Arme auf den Lehnen, vorn die Hände lässig über die Kanten drapiert, und wippte mit der Fußspitze. Sie überraschte mich, wie Mädchen mich jedesmal überraschen können mit einer ganz eigenen und neuen Sorte Großartigkeit, einem nie gesehenen prächtigen Wesen zwischen Zerbrechlichkeit und Macht. Fasziniert schaute ich ihr beim Zuhören zu. (Daß Etienne redete und für uns bestellte, nahm ich wahr.) Auf der Straße und in schwarzer Kleidung hätte ich sie für eine Musikerin gehalten: Klare Züge, schmale Augen, genaues Kinn, beim Lächeln sah man nur einen Spalt Zähne zwischen ihren Lippen, nicht gerade zu dünn, aber so unbetont wie beweglich und weich. Sie war nicht älter als ich, fünfundzwanzig vieleicht. Dunkelblondes Haar, nichts spektakuläres, zusammengefasst zu einem kurzen kräftigen und waagrechten Pferdeschwanz. Also? Sie war nicht mein Typ. Sie war das Schönste, was mir seit langem begegnet war. Um Klassen zu großartig für mich. Ich war mir sicher, daß sie das wüsste, hätte sie mich wahrgenommen. Ein Gutteil ihrer Ausstrahlung beruhte, machte ich mir klar, auf der ruhigen Gewissheit ihrer Großartigkeit. Ich schaute hin. Sie erwischte mich nicht. Zweimal blickte sie her, beide male war ich schnell genug, und als ich selbst hinschaute, war sie schon wieder gelassen und konzentriert im Gespräch.

Protokoll | link | 17. July 2006

Um ehrlich zu sein, sagte ich, gehörte Etienne zu diesen gutaussehenden Mistratten, die den Verführer spielen können und dann eben sehen, wie lange die Sache trägt. Ein Raubtier halt. Einer, dem ein Rindvieh wie ich nur traurig nachschaute, wenn er seine Reißzähne in weiße Beutehälse haute und irgendwann sein Lendenfutter wegschleppen konnte für ein paar Nächte oder Wochen oder Monate. Die Raubtiere (schnaubte ich); sie fanden sich da draußen mit triumphierendem Funkeln, Götter der Gegenwart, starke und rücksichtslose Beherrscher ihres Daseins, mächtig heulend: Gib mir, Leben! – denn mir steht zu qua meiner Herrlichkeit, nachzuprüfen in Zweifelsfall anhand wöchentlich aktualisierter bunter Checklisten. Herrisch, fordernd, nehmend, beiderlei Geschlechts, führten sie Beziehungen, wie die offizielle Sprachregelung für ihren Sport lautete. Ich war der Meinung, daß man nur Krieg führte. Ich war für Geschichten, richtige Geschichten. Es war hoffnungslos. Ich würde hier, sagte ich zum General, dies tausendfach gehörte Lamento nicht wiederholen, wenn sich nicht eine Geschichte vorbereitete. Einige Wochen, bevor die Dinge anfingen, sehr seltsam zu werden, sah ich Susann zum ersten Mal.

Protokoll | link | 13. July 2006

Etienne war einer von denen, die ihre menschliche Fehlbarkeit für einen Abend zu Hause lassen und mühelos alles richtig machen konnten. Ich erinnere mich an einen Samstagabend im Spätsommer vor zwei Jahren, den wir damit verbrachten, ziellos durchs nächtliche Berlin zu ziehen. Eine angenehme Nacht, von Spätkauf zu Spätkauf hangelten wir uns Flasche für Flasche,von Mitte in den Prenzlauer Berg hinein. In einem der Trash-Orte, die das überholte Konzept Eisdiele mit knubbeligem Inventar aus vergangenen Jahrzehnten, leeren Flower-Power-Zeichen und Britpop-Frisuren aktualisierten, blieben wir dann hängen. Die Musik war nicht ganz auf dem neuesten Stand, aber sorgfältig ausgesucht, also sehr gut. Wir bestellten todesmutig süße Waffeln; im Raum roch’s fahrig nach heißem Zucker und Staub; die Frauen waren schön, müde und selbstsicheren Burschen durchaus aufgeschlossen.

Ich beendete den Abend allein. Sie hieß Sylvie und schrieb ihm noch ein Jahr später, während der Zeit, von der ich hier sonst erzähle, Briefe. Sehr empfindsame sogar, nach allem, was ich hörte.

Protokoll | link | 9. July 2006

Keine Boheme also, denn dazu gehört mehr als Wohnung und Bücher eines Malers. Wer die meisten Abende vor dem Fernseher verbringt oder mit Arbeit, sollte böhmisches Leben besser vergessen. Meine Wochenenden begannen mit gehetzten Einkäufen im Supermarkt und endeten in langen Mißgeburten von Sonntagen. Immerhin schafften sie es manchmal, in den einförmigen Strom meiner angenehmen und sicheren Tage einen Abend zu schieben, der tatsächlich für pätere Erinnerung taugte. Meist sah ich nur Etienne, der nach Studium und früher Promotion bei einem besonders obskuren Startup angeheuert hatte, das es, seltsamerweise und auf Sparflamme, offenbar immer noch gab. Nie habe ich herausgefunden, was die eigentlich machten, und ich hatte den Verdacht, daß Etienne es ebenfalls nicht wusste und die Leute, bei denen er arbeitete, im Grunde auch nicht. Aber sie behielten ihn, vermutlich aus optischen Gründen. Wenn man ihn nicht genauer kannte, schien seine wesentliche Qualifikation das Tragen rotgetönter Sonnenbrillen zu sein. Er schaffte es immer noch, nach Reichtum, High-Tech und Nerderie auszusehen. Ein Grund mehr, ihn zu mögen. Genau wie ich hatte er die echte Informatiker-Sozialisation verpasst. Wir waren immer die beiden gewesen, die Douglas Adams und dem Herrn der Ringe nur ein notdürftig interessiertes Lächeln abgewinnen konnten. Was nicht heißt, daß wir nicht beide, wenn auch auf subtilere Art, hoffnungslose Nerds gewesen wären. Etienne war, allem voran, rettungslos ans Kino verloren, ein Fanatiker der übelsten Sorte. Die meisten Freitagabende verbrachten wir in verlotterten alten Kinos mit klapprigem Sound, die er in einer übrigens nicht prätentiös gemeinten Vorliebe für altmodisches Deutsch hartnäckig “Lichtspielhäuser” nannte. Ich war dankbar für die Abwechslung, obwohl er mich nie wirklich für Filme interessieren konnte, in denen deprimierte finnische Arbeiter in deprimierenden Fischfabriken Fische schrubben.

Protokoll | link | 1. July 2006