Laszlo hatte ihre Mailadresse nicht im Kopf, und also besuchte ich ihn am nächsten Tag im Verlag. Dieser Verlag war eine ausgesuchte Seltsamkeit, und die Räume, in denen Laszlo ihn betrieb, hatten eine Menge Ähnlichkeiten mit hiesigen Geschäftsräumen, obwohl sie doch im Berliner Friedrichshain lagen. Laszlos Kleinstunternehmen trug den Namen “Edition Tentakel” und war einer dieser idealistisch geführten Krauter-Verlage, die schon aus Prinzip immer kurz vor der Pleite stehen. Aus unverständlichen Gründen hatte Laszlo vor fast zehn Jahren Geld von einigen älteren Herrschaften dafür bekommen, und seither schaffte er es jedes Jahr aufs neue, zwei Banken davon zu überzeugen, daß er noch ein Jahr weitermachen müsse. Kein Mensch weiß, ob die Bankmenschen glaubten, ihr Geld je wiederzusehen, ob es wider Erwarten Idealisten in Kreditabteilungen gab oder ob sie dort einfach alle Hoffnung hatten fahren lassen und wussten, daß beim Tentakel ohnehin nichts von Wert in Konkurs zu schicken gewesen wäre. Der Verlag machte keine Gewinne, aber, und das war das Entscheidende für Laszlo und seine publizistische Spinnerzuflucht: Er kam jedes Jahr mit einem blauen Auge davon. (Ich erzähle das, beruhigte ich den auf den Fortgang meiner Liebesgeschichte drängenden General, weil dieser Verlag noch ziemlich wichtig wurde in der Folge von Ereignissen, die mich hierhergebracht haben.)
Um die Räume der Edition Tentakel zu erreichen, musste man kurioserweise eine Schule durchqueren: Am Eingang des neoklassizistischen Schulgebäudes gab es zwischen bröselnden Pilastern drei Klingeln: Eine für das Gymnasium, eine für den Hausmeister, an der dritten aber stand “Edition Tentakel. / Verlag für verschrobenes Geistesgut”. Man mußte nur klingeln, wenn die Schule nicht ohnehin offen war. Allerdings war Laszlo meist erst nach Schulschluß überhaupt im Büro, oben im Dachgeschoß. Ich klingelte also, die Tür ging auf, ich durchquerte zwei verlassene Etagen der Schule, dann noch eine, die nicht mehr genutzt wurde, seit Sekretariat, Schulleitung und Lehrer in die direkte Nachbarschaft der Klassenzimmer gezogen waren. Statt dessen standen dort schäbige Tische auf dem Gang herum und staubige, verbeulte, mausgraue Spinde mit “Fickt-Schafe”-Aufklebern und in Edding verewigter Schülerweisheit. (“If you go me on the Nerven / I will put you in the Gullie / And the Deckel obendruff / And you never come back / To the Tageslicht.”) Zum dem Teil des Dachgeschosses, in dem das Tentakel residierte, gab es seit dem Umbau nur noch einen einzigen Zugang am Ende einer langen Treppe aus schwarzen Steinstufen, die an einer Wand entlang ins Dunkel stieg. Oben endete sie in einer kleinen Plattform, nur einen Meter im Quadrat. Die Tür dort, mit Knauf, nie abgeschlossen, führte auf einen Vorraum, so groß wie die Plattform und leer. Ein Durchgang in einen Gang war verhängt mit Schnüren aus bunten Glasperlen im Stil vergangener Jahrzehnte, der Gang auf der anderen Seite verzweigte: Weiter nach rechts der Verlag, gradeaus ein Abstellraum mit schrägem Dach. Das Büro selbst war, vor dem Bau der Turnhalle, eine Art Körperertüchtigungsraum gewesen — viel zu klein für ernsthaften Ballsport, aber zwei Stockwerke hoch, mit einer Galerie, von der aus man per Wendeltreppe zwischen die Regale und Schreibtische absteigen konnte. Auf der Galerie lagen dubiose Matratzen und Stapel von Büchern. Eine gilbe Stehlampe verbreitete lustlos Licht, das müde auf kleine Haufen von billigem Plastikspielzeug fiel, auf Pferde, Krokodile, Zäune, Cowboys, Pistolen, Flugzeuge, einen eingedrückten Zeppelin und noch mehr Pistolen.

Protokoll | link | 23. August 2006

Es passierte dann etwas, was nur im Imperfekt passiert: Ich traf die Frau wieder auf der Geburtstagsfeier von Laszlo, dem Kleinverleger mit den grauen Schals. Wenig später also, mein Selbsthaß war noch frisch und kräftig, stand sie in einer trüb beleuchteten Küche einfach neben mir am Tischchen mit den unvermeidlichen Salaten. Ohne daß ich auch nur eine Chance gehabt hätte, mich schnell noch zu fürchten, geriet wir beide in eine verwickelte und in engagierten Politphrasen geführte Diskussion über den Küchendisputklassiker schlechthin, den in Plastikschüsseln herumschmierenden Nudelsalat. Wir steigerten die Zahl der Brechungen etwa genauso schnell wie die der grinsenden Zuhörer und die vernichtende Heftigkeit der Argumente, bis sie lachend ausstieg, rundheraus fragte, wer ich eigentlich sei, sich kerzengerade und sachte knirschend um die eigene Achse drehte, mit drei spitzen Finger über meinem rechten Schulterblatt knisterte, mich in einen Sessel schob und sich in einen zweiten schräg gegenüber warf. Meine zwei Tage alte Niederlage, bisher ein Krampf in der Herzgegend, erschrak, ließ los, plumpste in die Magengrube, taute und öffnete sich zu einer explosiven Blüte. Ich weiß nicht mehr, was ich an diesem Abend redete, es ist mir ein Rätsel, wie ich überhaupt mehr als stottern konnte. Pappbecher mit klebrigem Wein stürzend gab ich wohl, vielmehr eine gute Figur. Daß ich’s seltsamerweise wusste, schadete heute nicht. Wir verbrachten gute Zeit, in der ich lernte: Sie lachte dreistufig, erst hinter schmal vorgehaltener Hand, dann legte sie sie, flach, schmal, auf den Bauch, flach, schmal, schließlich blitzte es in den Augen und sie legte kurz den Kopf zurück: lauthals. Sie saß nie in der Mitte des Sessels, sondern immer ganz links und lehnte nach rechts oder anders herum, immer mit geradem Rücken und wenigstens einer ruhigen Hand auf der Lehne. Ich vermute doch, daß ihr nicht entging, wie ich mich bemühen musste, sie nicht fassungslos anzustarren, denn wenn ich in Gefahr geriet, in Trance zu verfallen, schürzte sie die Lippen leicht asymmetrisch zu einem amüsierten Lächeln und legte wieder vor mit einer weiteren unhaltbaren Behauptung, so daß ich mich ins Reden flüchten konnte. Großer Abend. Dabei entspannt, ich schaffte es sogar, nicht allzu angestrengt hinter ihr her zu sein. Wie alle machte ich die Runde, stand über eine Stunde ohne sie in der Küche und redete mit einem Literaturwissenschaftler und einer hübschen Galeristin in lilanen Wildledersneakers Unsinn über O’Brien und die Frage, welche Fahrräder die besseren Liebhaber seien. Als Susann dann, sehr viel später, aufbrach und, schon mit Schal und festgeschnürtem Mantel, ins verkrümelte Wohnzimmer winkte, packte ich zwei beeindruckte Sessellehnen an, stemmte mich hoch und traf sie im Flur, von wo sie eben in die Küche winkte. Ich frag Laszlo nach deiner Mailadresse, okay?, sagte ich. (Laszlo ein gemeinsamer Bekannter, ist denn sowas möglich?) Sie nickte Klar. Das freute sie, das freute mich — aber sie kürzte die Sache nicht ab und gab mir gleich eine Nummer, sondern winkte noch einmal in die Küche, wartete auf die Zofen, die ihre Röcke aufhoben, gab ein kleines Zeichen mit kreisendem Zeigefinger und schritt hinaus. Als ich nach Hause kam, machte Liegestützen bis ich Sterne vor den Augen hatte und auf die Dielen plockte, rollte auf den Rücken, starrte zur Decke und teilte der zur Unkenntlichkeit übermalten Rosette mit, was hiervon zu halten war: Oh, wow, sagte ich zu dem schäbigen Ding.

Protokoll | link | 16. August 2006

Als Susann und das Paar das Reingold dann verließen, erschrak ich fast, weil sie so groß zu sein schien. Nur schien, wenn man die zwei Stufen und die Perspektive aus dem Sessel abzog, war sie nicht größer als ich selbst, aber ihre Silhouette schwang sich auf so angemessen indirekten Wegen und großer Bestimmtheit um die Horizontale, daß sie auch ohne Perspektive groß wirkte. Es handelte sich unverkennbar um eine Frau, kein Mädchen. Ich atmete aus und hielt die Luft an, als sie vorbeiging. Feig war ich schon gewesen und hatte gewartet bis jetzt, nun wäre es noch einmal darauf angekommen. Ich rührte mich nicht. Ob sie sich umdrehen würde an der Tür, vielleicht? Sie drehte sich nicht um, selbstverständlich; und freilich bedeutete das nichts, besonders keine Ablehnung, sie hatte mich nicht anders bemerkt denn als einen von denen, die in Bars nun einmal in Sesseln sitzen. Selbst meine Furcht davor, als einsamer Möchtegernwolf erkannt zu werden, war fehl am Platz. Zum einen machen sich andere ohnehin immer weniger Gedanken über einen selbst, als man denkt (dafür aber bösartigere), zum anderen passten Etienne und ich hierher, und ich hatte also gar keinen Grund, mich verkleidet und gefährdet oder irgendwie auffällig zu fühlen. Etienne bemerkte irgendwann, daß ich zu dänischem Kino ebensowenig zu sagen hatte wie zu schwedischem. Ich schaffte es, den Rest des Abends mit trocken-galgenhumorigen Gesprächsbatzen zu bestreiten, thematisch kreisend um die Schwerpunkte “Ach Frauen”, “Oh Mann” und “Ach Scheiße”. Etienne kannte mich gut genug, um zu wissen, was hier gerade los gewesen war.

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