Susann, Etienne und ich waren verabredet, mit unbestimmten Kinoplänen und bestimmteren Trinkplänen für danach. Vorher wollten die beiden die seltsame Magnetkugel in meiner Küche sehen. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wann dieser Abend genau war und wieviel ich damals schon wusste, jedenfalls habe ich den beiden nur Vages über die Mond/Sonnen-Symbolik erzählt.

Der Film war mittelmässig. Ein Erstling von einem Lynch-Fan, das war offensichtlich, und der junge Regisseur folgte erkennbar der wichtigsten Erkenntnis, wenn es um David Lynch geht: Wer schlecht träumt, kann immer noch gute Filme daraus machen. Jedoch: Wer sich an einem Lynchschen Realitätsschlamassel versucht, sollte drauf achten, daß der Film am Ende wenigstens grob aufgeht, sonst wird es ärgerlich. Und wir hatten den Eindruck, daß dieser Film nicht aufging, sondern einfach nur ziellos verwirrende Anspielungen machte; darauf läuft es ja doch meist hinaus, wenn Zeitreisen im Spiel sind. Wir beschlossen nach einer kleinen Debatte vor der Kinotür, das Zusammentragen von Theorien abzubrechen und uns einen Ort zum Sitzen und ein neues Thema zu suchen.
Wir zogen zweimal um, weil uns die Leute an den Nebentischen wahnsinnig machten aus den üblichen Gründen. Den halben Abend versuchten Etienne und ich, Susann unsere Überzeugung zu vermitteln, daß die Welt Scheiße war. Sie verstand es nicht. Sie stimmte uns zu, wenn wir auf den Proletenkult fluchten und das Versagen der Eliten, die nichts mehr entgegenzusetzen hatte, weder Haltung noch Kultur, sondern sich nur anbiederten. Aber sie verstand nicht, warum uns das alles so beschäftigte. Ich kam in ziemliche Erklärungsnot. Sicher, schriller Dreck ist lästig und man kann ihn kaum mehr vermeiden. Trotzdem kann man sich praktisch doch ziemlich weitgehend schützen und ausserdem Gleichmut üben. Sie, wie sie dasaß in ihrer strahlenden Herrlichkeit war der Beweis, daß sie Recht hatte. (Und was für eine strahlende Herrlichkeit war das! Ich schäkerte ein wenig; sie ließ es geschehen. Wenn sie Wein getrunken hatte, produzierte ihre Haut etwas, was ich nur als transparentes Glühen beschreiben kann. Etienne musste mich einmal stupsen, weil ich mitten in einer verschachtelten Abhandlung über die Rückkopplung der Dummheit im Privatfernsehen still wurde und sie anstarrte.) Wir gaben uns schließlich geschlagen. Es gab keinen Grund, sich mit dem Mist zu beschäftigen, solange man nicht Teil davon war: Sie hatte Recht. Es war eine Schwäche, sich nicht einfach zurückzulehnen und die Ungeheuerlichkeiten abprallen zu lassen. Ich probierte noch einen Ausfall mit richtigem und falschen Leben, aber es klang so ranzig, daß ich’s aufgab aus Angst, mich lächerlich zu machen. Wir einigten uns darauf, daß wir Gleichmut lernen würden von ihr und gingen noch etwas essen: Eine gemeinsame, knusprige, billige und schmackhafte Mitternachtsente im “Asia Palace”. Und dann nach Hause, in drei verschiedene Wohnungen. Großer Abend, glänzende Augen und Nettigkeiten, das besagte Glühen, angeregte Unterhaltung und ein neues, interessantes und noch sehr unausgelotetes Einverständnis, sodaß man dauernd den Eindruck haben konnte, Susann und ich sprächen aus einer gemeinsamen Position, obwohl wir uns ja durchaus nicht einig waren.
Der Zettel war mit einer Reißzwecke an meiner Wohnungstür befestigt. Es war ein Briefbogen, im Kopf eine undeutliche Figur, ein Tierkopf, und der Satz: Durch Tatstrahlung – Frei! Darunter: “Wir ersuchen Sie höflich, uns die magnetische Kugel, die Sie in ihrer Küche angefunden haben, zu übergeben. Sie ist unser rechtmäßiges Eigentum. Die Übergabe ist von höchster Wichtigkeit. Sie werden entschädigt. Wir würden gerne von für Sie unangenehmeren Schritten absehen. Wir kontaktieren Sie. Gez. Reichsarbeitsgemeinschaft Das kommende Deutschland.” Ich hatte genug Wein getrunken, um erst eine Viertelstunde zu lachen, bevor mir doch ein wenig paranoid zumute wurde.

Protokoll | link | 30. September 2006

Meine Wohnung, so erzählte ich einige Tage später weiter, lag an diesem Abend im bräunlichen Dämmerlicht der Hinterhöfe. Durch das offene Fenster zogen Gesprächsfetzen, verhalten quiekende Aufschreie, die Titelmelodie von Star Trek Voyager und zähes Tellergeklapper. Die Luft roch nach Fleisch und Zigarettenrauch. Ich las Deleuzes “Proust und die Zeichen” aus dem Bücherregal des Malers. Die Füße zeigten über das Fensterbrett in den Himmel. Ich war nicht beunruhigt. Eher voll der unbestimmten Hoffnung, die Susanns bloße Existenz mir einflößte; und umschmeichelt von der sanften Atmosphäre eines seidenen Spätsommerabends. Manchmal, wenn die schon kühle Luft sich Wege durch das bewohnte Haus suchte, streifte sie vom Vorderhaus her durch die offenen Balkontüren meiner Nachbarn, durch Zimmer und Flure, um hier und dort mit einem Vorhang zu wehen an einem offenen Fenster.

Protokoll | link | 29. September 2006

Trotz allem war ich seltsam gelassen, wenn ich sie sah. Ich konnte spielen. Einmal, um unter einem Schild auf die Digitaluhr einer Apotheke sehen zu können, kniete ich mich hin; es bereitete mir diebische Freude, ihr in der Pose der heißherzigen Verehrer die Uhrzeit anzusagen. Ich bin absolut der Meinung, daß Männer vor den richtigen Frauen knien sollen, aber die dulden’s ja leider nicht ohne Weiteres. Derlei Gesten der Verehrung, das pfeifen, glaubte ich, die Spatzen aus dem Blätterwald, sind entweder das Resultat triebhaft-schmieriger Schuftigkeit, unangebrachte Blödelei oder gehören zu einer Sorte unvernünftiger Emotionalität, die zu unausgewogenen Beziehungen führt oder jedenfalls dazu, daß jemandem weh getan wird am Ende, und das gilt es ja in jedem Fall zu vermeiden, das darf nicht sein; ich echauffiere mich. Nun, jedenfalls: Zur Sicherheit wendete ich Kriegslist an, um ein wenig knien zu dürfen, und las eine halbverdeckte Digitaluhr ab.

Die Zeichen, daß sie mich möglicherweise mochte, verdichteten sich übrigens durchaus. In Nebensätzen deutete sie an, daß sie immer gleich kaufte und las, wovon ich schwärmte, wenn sie’s nicht kannte. Einmal legte sie mir beim Abschied die Hand auf den Arm, ganz unnötigerweise. Ich reagierte nicht — warum nicht? — und nach einigen langen, gar nicht peinlichen Sekunden, nahm sie sie wieder weg. Ich ging fluchend nach Hause, nannte mich einen Idioten und ein Rindvieh und wusste doch nicht, ob ich nicht wieder alles richtig gemacht hatte. Ich wurde nicht klug aus unserer Zaghaftigkeit. Ich tat das Richtige, meist, das fühlte sich alles richtig an, aber wo führte es hin? Jede Minute der Gegenwart lohnte sich zweifellos so wie sie war, nur: Sie konnte unmöglich übersehen haben, daß ich mich um sie bewarb. Also was? Es war einfach nicht herauszufinden, wie wir eigentlich zueinander standen. Ich genoß das, wie gesagt, es war richtig, man muß nicht alle Räume sofort dicht machen. Es machte mich wahnsinnig. Besonders gefielen mir heimliche Pläne, zusammen zu reisen: Wir würden gemeinsam Asien sehen, malte ich mir aus: In bequemer Kleidung auf indonesischen Dschunken von Insel zu Insel über schimmernde Wasser hin; elegant und rauchend auf den Terassen verrottender Kolonialhotels. Tennis auf einem modrigen, dem Dschungel abgekämpften Platz, mein mieses Tennis der Unbeholfenen, ihre Grazilität. (Dabei wusste ich nicht einmal, ob sie spielte, ich war einfach sicher: Sie spielte ausgezeichnetes Tennis, leicht und beweglich, fließend und beherrscht.) Ich grübelte lange, ob es mir genügen würde, sie zu begleiten und Tennis zu spielen. Manchmal dachte ich, daß es fast noch besser wäre als eine komplizierte Herzensangelegenheit, und daß sie die perfekte Frau wäre für derartig kühle Gemeinsamkeit. Kaum hatte ich mich davon überzeugt, quälten mich die Konsequenzen. Kein Kuß, und wie es wohl wäre? Nie einen Arm um diese Taille? Diese Taille, die mir Rätsel aufgab in ihrer leisen Bewegung, ihrer vermuteten Festigkeit und raschen Biegsamkeit. Einmal die Hände auf diese Hüften. – dachte ich in den begehrlicheren Momenten; der Zugriff blieb meiner Phantasie einziges Futter, kurz vor dem Kuß untersagte ich mir alles Weitere. Innere Minne schützt alle Beteiligten, auch das die scheuen Möglichkeiten selbst bleiben unerforscht und ungewünscht. Man ahnt ja doch nie, wie es sein würde.)

Ich erinnere mich, daß ich den General an dieser Stelle verließ, es war spät geworden und die Heftigkeit meiner Regung war mir peinlich. Ich nahm eine Droschke, in der es scheußlich kalt war, und ließ mich nach Hause schaukeln, aufgekratzt und schlotternd. Susann damals und diese erste, wirre Zeit mit dem Aggregat –

Protokoll | link | 28. September 2006

In den Tagen, da wir das alles herausfanden und der alte Wernitz noch schwieg, wartete ich in jeder freien Minute gierig auf Mails von Susann. An den ereignislosen Tagen, an denen also keine Mail mich erreichte, wartete ich ungeduldig auf den Abend, damit ich schlafen gehen konnte und mich des lästigen Tags entledigen. Ich versuchte, möglichst lange zu schlafen. Nicht so sehr um zu träumen, denn man träumt ja leider nie dann von einer Frau, wenn man es sich wünscht, eher platzen Träume, die neue Verliebtheit zu alten Lieben hinterlassen, in die nüchternsten und arbeitsamsten Zeiten, und darum erhoffte ich mir nichts vom Schlaf — nichts, als daß er mich der nächsten Mail näher brächte und einer Entscheidung. Denn eine Entscheidung stand an, es würde klar werden müssen, ob wir uns vorsichtig und behutsam absichtsvoll umschlichen, ob wir vielleicht mit einer Möglichkeit spielten, ob wir die Aufregung genossen, oder ob ich mich nur allein berauschte am Gedanken eines Ausbruchs.

Protokoll | link | 27. September 2006

Im Halbdunkel der vollgestopften Räume des Tentakel-Verlags nippte ich vom billigen Orangensaft, spielte mit der Fußspitze an einem antiquierten, dunkelgrünen Locher und las vor (ich entfaltete meine Abschrift):

Um der Indifferentialzone eines bipolaren Kraftfeldes beizukommen, müßte es uns gelingen, diese Kraftindifferenz aufzuspalten, d.h. zu differenzieren. Dann hätten wir in jedem stofflichen Bezug, soweit er uns magnetisch vor Augen steht, vier Pole, wobei die beiden peripherischen Aussenpole sich zu indifferenten Polen umbilden könnten, während die in der Mittelzone differenzierten Indifferenzpole kraftaktiv würden. Um ein Wortspiel zu gebrauchen: Das ganze Bestreben geht eigentlich darauf hinaus, Krafindifferenz zur Indifferenz Kraft zu gestalten.

Durch die Lösung des Problems der Differenzierung einer magnetischen Indifferenz wird uns ein Vordringen zur bereits erwähnten Gravitationskonstanten ermöglicht. Die Dynamotechnik ist jene Wege gegangen, die notwendig waren, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Sie löst die Frage dadurch, daß sie einem aus zwei Halbkugeln bestehenden hohlen Kugelmagneten (sphärischen Magneten) einen Stabmagneten zupolt, der sich im Kugelhohlraum befindet und den Kugel-Nord-Südpol zu magnetischem Aggregat verbindet. Wird aus diesen eingebauten Stabmagneten die indifferente Mittelzone herausgeschnitten, dann haben wir das Problem der “Differenzierung der Indifferenz” im magnetischen Kugel-Stabaggregat tatsächlich bewältigt.

Wir erhalten an der Peripherie der sphärischen Magneten zwei indifferente Pole (Nord-Süd-Pol) und im Innern des Aggregats — zwei differenzierte Indifferenzpole am Stabmagneten. Die peripheren Kugelpole sprechen dann genau wie unsere magnetischen Erdpole nur auf bereits polarisiertes (differenziertes) Eisen, wie es uns z.B. in der Kompaßnadel vor Augen steht, an, während die zentralen “differenzierten Indifferenzpole” auch jedes gewöhnliche Eisen (indifferentes Eisen) anziehen! Wird dieser sphärische Magnet nun noch als Vakuum eingerichtet (luftleer gemacht), so schaffen wir heridurch die Möglichkeit, ektropistische Energie aus der aufgeschlagenen Indifferenzzone zur technischen Verwertung an Hand zu bekommen. Wird unsere Kugel mit einem elektrischen Potential (akkumulierte Elektrizität) geladen, und der Akkumulator in seinem Stromkreis geerdet, wobei die Stromkreisschaltung erst durch Schluß der in den beiden hohlen Stabmagneten eingebauten, “chemischen Füllmasse” – des vitalelektrischen Schließungsleiter (Kohärer, Fritter) zustande kommt, so bedarf es hierzu lediglich nur einer spezifischen magnetischen Sendung (Anregungsimpuls) durch die “Urmaschine”, um aus dem Erdkraftfeld die abgenommene Energie ständig selbsttätig ergänzen zu können”.

Ich gönnte dem General eine Pause an dieser Stelle, er holte sich nun ebenfalls Orangensaft, schenkte ein und hörte weiter mit amüsierter Miene zu. – Also? fragte er.

Also wussten wir, womit wir es in meiner Küche zu tun hatten: Einem Biodynamo, basierend auf dem uralten Prinzip des kalten Feuers, um 1920 neu formuliert von begeisterten Laienwissenschaftlern, 1930 neu formuliert und mit Bauanleitungen herausgegeben von der Reichsarbeitsgemeinschaft, 1947 spöttelnd von einem deutschen Raketenwissenschaftler in einem amerikanischen Science-Fiction-Magazin erwähnt und seither als geheimnisvolle und mythenumwobene Maschine einem esoterischen Untergrund wohlbekannt.

Unmittelbar einleuchtend, warum der alte Wernitz die Apparatur so dringend haben wollte: Er wollten in den Besitz der universalen Macht der Vril-ya im Roman von Bulwer-Lytton gelangen.

– Erklären Sie mir das, wir kennen den hier nicht, sagte der General. Ich erklärte ihm, daß der Roman, mit dem Titel, nun, eben: “Vril”, auch im Imperium verfügbar sein müsste, Edward Bulwer-Lytton war ein Zeitgenosse Lovecrafts. Nur kennt ihn kaum jemand, und zwar auch in den Tiefebbefrostgebieten nicht, weil seine phantastischen Romane von einer kaum zu überbietenden Langweiligkeit sind. So auch “Vril”, ein Reisebericht aus dem Inneren der Erde, wo die Vrilya wohnen, “the coming race”, ein Geschlecht von Wesen, die das Vril beherrschen. Der Roman behandelt vor allem die Frage, wie eine Gesellschaft beschaffen sein müsste, in der jedem Mitglied jederzeit ungeheure Zerstörungsmacht zur Verfügung stünde. Unglücklicherweise wäre in so einer Gesellschaft, so lange sie eben bestünde, leider zu wenig los, um Stoff für einen spannenden Roman abzuwerfen. Die Reichsarbeitsgemeinschaft hat aus dem Buch deswegen auch eigentlich nur den Namen der universalen Kraft übernommen: Vril.

Protokoll | link | 26. September 2006

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(Systematik, Seite 43.)

Der Vorgang, welcher die Erscheinungen der allgemeinen Schwere erzeugt, wird nicht von einer unerklärbaren geheimnisvollen Kraft im Innern der Körper, sondern durch Druck von außen bewirkt. [...]
Die aus dem Weltraume von den Himmelskörpern zur Erde dringenden allseitigen und gegenseitigen Strahlen werden in Bezug auf einen freifallenden Stein z.B. vom Erdkörper teilweise abgefangen. Es entsteht ein Druckschatten, sodaß der Stein einseitigen Ueberdruck erhält. Er “fällt” also nicht, sondern er wird zur Erde getrieben.”

(Seite 37f, Kapitel III Strahlungsbetrieb irdischer Erscheinungen, Abschnitt 1. Der allgemeine Raumdruck.)

Verborgene Gewalten im Weltgeschehen. Johannes Zacharias, Vlg. Otto Wilh. Barth, München 1922

Material | link | 25. September 2006

Wir hatten also eine ungefähre Idee, womit wir es zu tun hatten: Mit einem biodynamischen Aggregat zur Urbarmachung einer unerschöpflichen Energieform, die 1930 von einer obskuren Reichsarbeitsgemeinschaft angeblich entdeckt und als zukünftige Energiequelle des Reiches propagiert wurde und die seither keine Rolle mehr spielte, wenn man von dem bizarren Eigenleben absah, das das Gedankengut von der diodynamischen Energie seither führte: Über mehrere Traditionspfade Teil sowohl des revanchistischen Naziokkultismus als auch diverser zeitgenössischer energie-esoterischer Theoriegebäude. Laszlo und ich lasen noch weitere zwei Tage. Wir erfuhren, was aus dem Biodynamismus geworden war: So ziemlich jede okkulte Theorie, die in unseren Tagen neue Energieformen behauptet, von tellurischer Strahlung über Tachyonen bis hin zu Wilhelm Reichs Orgon, alle identifizierten sie ihre Version der geheimnisvollen Energie mehr oder weniger explizit mit dem Vril aus der anonymen Broschüre der Reichsarbeitsgemeinschaft — die allerdings nicht ohne Kontext war. Es gab schon in den zwanziger und frühen dreissiger Jahren auch außerhalb der Reichsarbeitsgemeinschaft einen regen Publikationsbetrieb zur sogenannten Raumkraftlehre. Dünne Heftchen, herausgegeben von wissenschaftlichen Laien im Forschungsfieber, gebaut aus Schulphysik und wilden Methoden. Sie alle, die historischen Laienforscher und heutigen Esoteriker, eint, daß sie nicht wissen, wie Wissenschaft funktioniert. Sie betrachteten sie als eigentlich politisches Phänomen, als ein Herrschaftssystem bezahlter Torhüter und dogmatischer Lehrmeinungen. Die Laien dagegen forschten sich frei in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Das waren Leute, die aus Neugier angefangen hatten, im Schuppen mit Elektrizität zu experimentieren oder mit Wasser in Schüsseln, und alle machten sie den Denkstil ihrer jeweiligen Berufsausbildung zur Wissenschaft: Es gab Artillerieoffiziere a. D., die mit dem Grafen Zeppelin bekannt waren und deswegen nach einem “allgemeinen Naturgesetz zur Beherrschung der Lüfte” forschten und mit Haubitzen Versuche zur Schallgeschwindigkeit durchführten. (Ergebnis: Der Schall ist gar nicht immer gleich schnell. Ergo: Licht auch nicht.) Sie stürzten bestehende Gesetze, schlossen “geisteswissenschaftlich” in Analogien und schienen überhaupt eine gärende, begeisterte und gut vernetzte Subkultur zu sein, die sich vor allem am Begriff der Energie berauschte. Es war toll.

Ihre Konzepte wandten sich gegen das, was sie “krassen Materialismus” nannten, und mit religiösem Ernst, unter dem Banner der Wahrheit, stellten sie ihre Konzepte dagegen: “Nicht deshalb werden sie den Sieg davontragen, weil sie von allen Irrtümern frei sind, sondern weil sie dem Geist unserer Zeit entsprechen” — den Geist selbst wollten sie in die Naturwissenschaft zurückholen, der Geistnatur alles Seienden entsprechend. Die Intelligenteren hatten erkennbar Kant und die Idealisten gelesen und eigene Schlüsse gezogen.

Viele von ihnen glaubten an die Möglichket einer neuen Lehre der Raumkraft. So die Leute vom “kommenden Deutschland”, ein gewisser populärwissenschaftlich einflußreicher Elektroingenieur namens Johannes Zacharias, weiters ein Herr Max Valier, der später als einer der Erfinder der Rakete berühmt wurde und schon in den dreissiger Jahren mit Professor Oberth zusammen eine erste Mission in den Weltenraum starten wollte. (Der General horchte auf.)

Die Raumkraftlehren führen alle Kräfte auf Strahlungsbetrieb zurück; sie betrachten die Erde als einen apfelförmigen (und magnetisch apfelförmig strahlenden) lebendigen Motor im Weltraum, aufgespannt zwischen einem mütterlich-negativen Aufbaupol, der Weltkraftkathode am Fruchtboden des Apfels, und einem väterlich-positiven Anschlußpol, der Weltkraftanode, an der Narbe des Apfels. Das Leben, möglich nicht als zufällige Konstellation von Materie, sondern als strahlendes Grundprinzip alles Seienden, strebt aufbauend von einem Pol zum anderen, und die technische Nutzung der lebendigen und schöpferischen Raumkraft — und ihre Umwandlung in Elektrizität — bedarf nur einiger einfacher Apparaturen. Diese verbrennen und zerstören nichts wie die alte Explosiv-Mechanotechnik, sondern als Dynamotechnik zieht die neue Technuk ihre Kraft direkt aus dem lebendig-sprudelnden Quell selbst, dem krafterfüllten Raum. Theosophie, indische Weisheit, biblische Überlieferung (Apfel der Erkenntnis), die mysteriöse Physik der Zeit (Energie ist in Materie wandelbar nach einer einfachen Formel), schließlich die gesamte hermetische Tradition gipfeln in dieser Entdeckung: Der Raumkraft. Und zusammenbrachen Jahrhunderte alte Wissensvorurteile, und der Flammenphönix des Geistes entstieg triumphierend dem verglimmenden Aschenbrand des Scheiterhaufens dogmatischer Schulweisheit, Zitat Ende. Die Artillerieleutnants und Elektroingenieure deckten ein Weltgeheimnis auf im Zeichen des Apfels, in dem alle Wahrheit in Form, Bipolarität und Geschichte schon enthahlten ist. Ihr Slogan war: Durch Tatstrahlung – frei! Und sie nannten sich: Die uranischen Strahlungsmenschen. In Schöneberg, in der Pallasstrasse 7I, hatten sie eine “Volkshochschule für Dynamotechnik” eingerichtet, wo sich die künftige Elite Deutschlands in der Handhabung der neuen Energieform ausbilden lassen konnte.

Protokoll | link | 

Die Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße, zu der es mich damals schlaflos zog bei jedem Wetter, ist ein bemerkenswerter Ort. Nicht nur, daß die Bestände beeindruckend sind, das Gebäude selbst scheint nicht von dieser Welt und nur im Innenraum real, ein Bau von Hans Scharoun — der ja, was für mich freilich erst heute relevant und interessant ist, Mitglied von Bruno Tauts Gläserner Kette war.
In den Lesesälen sitzen hunderte von Menschen über Büchern, und über den Büchern und Köpfen tritt das Tageslich durch kugelförmige Öffnungen in viel freien Sakralraum. In der großen Halle wird geblättert, geraschelt, ab und zu geflüstert. Kein Mobiltelefon klingelt, niemand erzählt Mist, jemand raunt, ein Deckel klappt. Es liegt nicht nur an den weichen Teppichböden, daß die komplexe Geräuschkulisse in diesem Haus als heilige Stille wahrgenommen wird unter Schwingen des Verlangens. Ein Ort von Kraft und Konzentration, seiner Nachbarschaft würdig: Die Philharmonie ist gegenüber, und schräg gegenüber die Neue Nationalgalerie. Drei Tempel des Geistes, raunende Gebete der Moderne.
Ich sprach diesen Gedanken aus, als ich mit Laszlo die Potsdamer Straße entlang ging und der Wind schon unter dunklen Wolken an unseren Haaren riß. Hinter uns lagen die alten Tempel und die Eindrücke unserer Recherche, vor uns die jungen Glasfassaden der Sonybauten und die hellen Terracotten des Daimler-Areals. Laszlo zeigte auf die schroffe Sony-Wand und fragte (prophetisch): – Aus Glas, ja, aber warum eigentlich? Eine Raumkunst, Traumkunst ist’s keine. Die Utopianer sind schlaff geworden.

Material für die nächste Schicht. (Die neuen Tempel haben schon Risse.)

Beim Abstieg zur S-Bahn kündigte sich das Unwetter schon an, und als der Zug den Erdboden des Friedhofs der St.-Hedwig-Gemeinde kurz vor dem S-Bahnhof Humboldthain wieder verließ, fuhr ihm ein wuchtiger Windstoß in die Flanke. Ich erreichte meinen drückenden Hinterhof gerade bevor der erste Donner rollte. Eine wilde Bö schlug die Scheiben aus dem Badezimmerfenster meiner Nachbarn; es knallte und schickte Scherbenschauer in den Hof. Ich stand reglos und sah den Regen gegen die Schornsteine kippen, bevor er über die Ränder der Dachrinnen quoll und in unregelmäßigen Kaskaden vor den Fenstern tanzte. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist eine ähnliche Situation auf dem Land, anrollender Donner und Flucht, der Geruch von schnell verdunstendem erstem Regen auf heißem Asphalt, der Geruch von frisch aus der Schale gegessenen Erbsen und kochendem Johannisbeergelee. Über den Hügeln zerwütetes Grau und Birken schütteln sich ängstlich in meine Richtung. Dann Blitze Knacken und Prasseln, das nicht zur Welt passen will: Kleine Hagelkörner schicken erst Nadelspitzen, dann größere, Schläge und Lärm. Binnen kurzem war das Geräusch betäubend und den Innenhof bedeckte spritzendes Eis. Mein Fenster knallte wütend, wenn ein besonders großes Stück einschlug, erschrocken sprang ich zurück. Eine Pause, ein neuer Ansatz; dann aber rissen die Wolken auf und die Sommersonne holte sich das Eis zurück. Innerhalb zwanzig Minuten war der Spuk vorüber; der Innenhof dampfte, als beherberge er nicht den Müll von 30 Mietparteien, sondern eine geschäftig brodelnde Wäscherei, wie man sie im Imperium häufig findet.

Protokoll | link | 24. September 2006

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Material | link | 23. September 2006

Ich wäre versucht gewesen, die Sache als besonders kuriose paranoide Erfindung abzutun, hätte es nicht auf einer ziemlich unzugänglichen und von Google nicht geindexten Seite eine Beschreibung eines Vril-Aggregats gegeben, das äußerlich bedenklich an die Kugel in meiner Küche erinnerte. Laszlo hatte in kürzester Zeit eine der Hauptquellen für den Mythos um die Vril-Gesellschaft aufgetrieben: Einen Artikel von einem gewissen Willy Ley in dem rundherum bemerkenswerten amerikanischen Magazin “Astounding Science Fiction”. Darin hatte Ley 1947 die Existenz einer Vril-Gesellschaft in den dreissiger Jahren behauptet – und sich über die Gesellschaft und ihr pseudowissenschaftliches Treiben lustig gemacht. Ley war Deutscher, von Beruf Raketenwissenschaftler und Autor und 1935 aus Berlin in die Staaten emigriert. Nach dem Krieg arbeitete er mit von Braun im Amerikanischen Raketenprogramm; der Mann hatte seine Sinne beisammen.

Astounding Science Fiction erwies sich als eine heiße Sache: Im Vorgängermagazin, Astounding Stories, hatte H.P. Lovecraft veröffentlicht. In Astounding Science Fiction dann nicht nur Leute wie Ley, sondern auch: Asimov, Heinlein und Philipp K. Dick – jeder, der heute Rang und Namen hat, schien dort angefangen zu haben. Insbesondere aber Hubbard. Offenbar hatte das Magazin eine ausreichend begeisterungsfähige Leserschaft: Die baute sich nicht nur aus Hubbards Texten Scientology, sondern auch aus Leys Hinweisen und einigen gängigen urban myths eine eigenständige Nazi-Verschwörungsmythologie.
Mit Hilfe von Internet und der Staatsbibliothek zu Berlin hatten wir nach weiteren zwei Tagen herausgefunden, daß es nie eine Vril-Gesellschaft gegeben hat. Diejenigen, die behaupten, Hitler sei Mitglied gewesen, verwechseln sie vermutlich sträflich mit der Thule-Gesellschaft oder reden einfach nur daher. Aber: Es gab eine Gesellschaft, die 1930 in Berlin eine Broschüre namens “Vril” publiziert hat, und eine zweite namens “Weltdynamismus”. Die “Reichsarbeitsgemeinschaft Das kommende Deutschland”. Laszlo und ich lasen die beiden dünnen Bändchen im Lesesaal der Staatsbibliothek. Erstaunlich war, wie harmlos die Texte waren: Das kommende Deutschland war stark national, aber explizit pazifistisch und ohne rassistische Vorbehalte, auch Einstein wurde erwähnt ohne die (wie ich später erfahren sollte) unter nationalsozialistisch empfindenden Halbgebildeten üblichen “Judenphysik”-Ausfälle.

Protokoll | link | 
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