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Das Baugebiet

Material | link | 31. October 2006

An einen weiteren Abend beim General erinnere ich mich. Wir spielten Schach, ich verlor wie fast immer, aber dieses mal schaffte ich es immerhin, ihn zu einem langweiligen Endspiel mit wenig Material zu zwingen, statt wie sonst früh auf eins seiner vergifteten Opfer hereinzufallen. Ich wusste zwar, daß er nicht einfach Figuren einstellte, aber weil ich auch bei langer Grübelei nie sah, worauf er hinauswollte, hielt ich es meist doch für die sicherere Wette zu schlagen — und natürlich ging es nie gut, zwei Züge später merkte ich dann auch, was los war. Ich erzählte ihm, als die Figuren wieder im Holzkasten auf dem Kamin verstaut waren, aus meinem Berliner Alltag. Irgendwann kam ich aber, ich weiß nicht mehr wie, auf die Begeisterung zu sprechen, die mich gepackt hatte, als ich zum ersten Mal ein Luftschiff benutzte: Das Imperium holte mich am Tag nach meinem Erwachen im Kristallpalast mit einem Zeppelin ab. Ich erfuhr später, daß man mich auch so in die Alpen gebracht hatte. Sie machen das mit Neuankömmlingen aus den Tiefebbefrostgebieten immer: Wer nach einem Übergang im Kristallpalast aufwacht, lernt schnell, was fortan wichtig ist.

Von einer Terasse herab sah ich das Luftschiff schon von weitem zwischen den Gipfeln und Zacken kreuzen: Auf Augenhöhe. Tags zuvor war mir bereits aufgefallen, daß ich nicht allein war dort oben in den Bergen, in einem der weiter talwärts liegenden Glashäuser schien es regen Publikumsverkehr zu geben, und auf den in die Täler geschwungenen schmalen Brücken sah man Menschen und gelegentlich Fahrzeuge (die übrigens, nebenbei, nicht von Pferden gezogen wurden.) Eine kleine Gruppe von Männern befestigte das Luftschiff auf einer Plattform unterhalb meiner Aussichtsterrasse. Das Schiff wirkte nicht sehr groß zwischen den Felsen, aber natürlich täuschte der Eindruck: Die Streichholzschachtel am Rumpf erwies sich als bequemes, zweistöckiges Haus. Schlafräume, ein Waschraum, ein Salon mit flauschigen Teppichen und angenehmen Sesseln samt wohlverschraubten Beistelltischchen. Die Verschraubung erwies sich auch in der Luft als weitgehend unnötig, das Schiff lag wie ein aufgehobener Berg im Himmel — das Tolle an Zeppelinen ist ja, daß sie zwar schwer und majestätisch hingleiten, man in ihrem Innern aber eine Art von Leichtigkeit spürt, die es in von brutalen Motoren getriebenen Flugzeugen nicht gibt. Auftrieb durch Bewegung zu Erzeugung ist genau genommen eine Bestialität. Wenn die Motoren von Zeppelinen anlaufen: Das ist kein stahlfäustiges In-die-Wolken-Packen, wie ich das kannte, es hat mehr von Atemholen. Als sei sich das Schiff selbst genug und kümmere sich nur aus Gutmütigkeit um die Reisewünsche derer, die da in der umgehängten Schachtel saßen: So ging das los. Ich saß im Salon und rauchte zwischen tiefroten Stoffe mit hübschen Rankenornamenten, schwarzen Leisten und Messingleuchtern, die den Raum kaum aufhellen konnten. Es war alles sehr reizvoll. Schwärme langhalsiger, großer Vögel, die ich nicht benennen konnte, begleiteten das Schiff, bis sie ihr Ziel erreichten oder wir ihnen zu langsam waren: Sie stellten das langsame Schlagen ihrer Schwingen ein, streckten sich in die Breite, kippten und glitten auf schräger Ebene in Täler und Seenlandschaften hinein. Man ließ mich allein im Salon, und ich fragte nicht weiter. Außer mir war nur die Besatzung an Bord. Schlackenborg, der mich auf der Terrasse des Kristallpalastes abgeholt hatte, trug die kuriose Uniform der Zeppelinführer und entsprach auch sonst jedem Klischee: Er trug Schifferbart und schien kein Wort mit mehr als zwei Silben zu kennen. Es lagen Bücher und Broschüren aus, und ich nahm an, daß man von mir erwartete, daß ich sie läse. Weil ich sonst nichts zu tun hatte, las ich sie. Eins davon, ein wirklich aufwendig gemachter Druck, war Bruno Tauts “Alpine Architektur” und ganz offenbar so etwas wie der erste Entwurf der Architekturwunder, von denen das Schiff mich gerade wegtrug. Beim Blättern merkte ich, wie wenig ich gesehen hatte, falls alle diese Entwürfe umgesetzt waren.

Protokoll | link | 

Damals, auch als ich am Tag nach meiner Ankunft abgeholt wurde, sagte mir niemand, wer die Architekten dieser Alpenbauten und Alpenumbauten waren. Ich hätte auch nichts anfangen können mit dem Namen Bruno Taut und der Tatsache, daß die Entwürfe schon so alt waren, daß man sie, wenn man ein wenig stöberte, auch in den kunstwissenschaftlichen Bibliotheken der Tiefebbefrostgebiete noch fand. Ein paar Zusammenhänge fehlten mir noch. Ich wußte noch nicht, daß Bruno Tauts Alpenarchitektur eine gemeinsam mit Paul Scheerbart entwickelte Idee war. Ich wußte noch nicht, wer Paul Scheerbart war und mit wem der verkehrte.

Protokoll | link | 30. October 2006

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Kristallhaus in den Bergen

Material | link | 29. October 2006

Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, wie überwältigt ich war, als ich das Kristallhaus sah und das Panorama.

Natürlich erklärte ich dem General nicht, wie das Kristallhaus aussieht – er kennt es sehr wohl. Deswegen verlasse ich meine — ohnehin schon stark bearbeitete — Erzählung vom Kamin des Generals und ergebe mich für einen Moment der Schwärmerei. Das Kristallhaus, man sagt auch: Alpen-Palast, liegt ganz knapp oberhalb der Vegetationslinie auf einem Plateau, umgeben von Felsnadeln, und nur scheinbar bedroht von einem zahm zerfransenden Gletscherausläufer. Wenn man von einer der Terrassen des Kristallhauses talwärts blickt, sieht man den Bach über Stufen springen und die Füße gläserner Nadeln umtoben, die entlang einer steilen Treppe zwischen den Felsen aufgestellt sind und sich meterhoch in die Luft recken. Geschliffen, gedreht oder korkenzieherartig gewunden formen sie das Sonnenlicht zu einem Strahlenpfad durch die kahlen Felsen, der auf das Kristallhaus zuführt und sich an der untersten der Terrassen in ein Treppendelta verliert. Das Haus selbst ist ein unfassbares Ineinander aus gläsernen Kuppeln, verdrehten Türmen, Treppen und Bögen. Von jedem Punkt aus sieht man tief in den Rest des Hauses hinein, aber nie weiß man, wie viele Wände man gerade durchblickt; die Räume werden ununterscheidbar und zahllose Spiegelungen tun den Rest. Ich bemerkte, daß ich unwillkürlich versuchte, die spiegelnden Stellen zu meiden, als hätte ich Angst, mein Bild in diesen Tempel zu entlassen: Während mein irdener Körper sich darin mit spielerischer Leichtigkeit zurechtfand, konnte es meinem unsteten, über die Spiegel flitzenden lichten Ebenbild wohl kaum gelingen, aus diesem Haus wieder zu entkommen, wenn es erst einmal zwischen die Spiegel geriet. Während ich aus einer klaren Vor-Struktur ins Freie trat, schoß mein Bild also wohl für immer zwischen den gläsernen Wänden des Hauses hin und her. (Es fängt bekanntlich die Bilder seiner Erbauer.) Während ich unter den Kuppeln des schweigenden Tempels staunte, war ich nichts als Ehrfurcht — und als ich auf die oberste Terrasse trat: Quellende Euphorie. Nicht nur die Nadelspitzen am Weg funkelten – im Panorama der Alpen glommen neue Elemente. Ich habe mich in den Alpen nie ausgekannt und hätte auch die Namen der Gipfel nicht nennen können, die sich verändert hatten, aber daß sie sich verändert hatten, daran konnte kein Zweifel sein. Einer war behauen worden — seine Form hatte man ihm allerdings gelassen, oder vielleicht: Man hatte ihm geholfen, seine Form auszukristallisieren — der ganze Berg über der Vegetationsgrenze bestand aus gewaltigen glatten Flächen mit messerscharfen Kanten. Dicke Schneeschichten hielten sich nicht mehr, nur Flächen mit geringer Schräge trugen gleißend Schneegeometrien. An anderer Stelle war eine flache Bergkuppe überbaut mit gewaltigen und offenkundig zweckfreien Bögen, die in Symmetrie durch die Wolken stießen. Es gab noch mehr zu sehen, stufenförmig entwickelte Berge, zackige Strukturen in der Sonne, dann ein Bergsee, der von einer grünschimmernden Reihe Nadelspitzen umwogt wurde, schließlich ein Turm, der offenbar nicht fertig war. An einigen Stellen sah ich Kräne und gewaltige, glühende Öfen. Ich starrte stundenlang in diese verstärkten Berge, bis meine Augen schmerzten und ich nicht mehr sagen konnte, warum sie tränten. Ich schaute hin, bis mein kühl erzogener 90er-Jahre-Geschmack seinen Todeskampf beendet hatte. Er zerbrach in der Spannung zwischen Hingabe an die überwältigend Reinheit dieses Ortes und dem Entsetzen angesichts von Zu Viel. Aber Reduktion war die Forderung an meine Kultur. Mein Geschmack war auf diese fremde, geformte Natur nicht anwendbar. Er erlag knirschend und ließ mich zurück ohne Urteil.

Protokoll | link | 

Helles Licht fiel durch Glasziegel und faltete sich.

Ich erinnere mich mit großer Klarheit an meine ersten Momente hier. Licht und Stille und die Klarheit leichter Höhenluft erzeugten viel mehr Realität, als ich gewohnt war. Besonders die Stille war von einer Art, die ich nicht kannte, von deren Existenz ich in großen Kirchen aber schon früh etwas zu ahnen gelernt hatte: Sie lastete nicht, sie schwang in samtiger Ruhe. Kein akustisches Nichts, keine unbestimmte Abwesenheit von Klang, sondern die entschiedene und präzise Abwesenheit dessen, was an Lärm nicht zu ertragen ist.

Der enorme Raum, in dem ich lag, war aus Glasziegeln in eine noch größere Halle gemauert. Die Wände endeten ohne Decke, so daß der Blick frei war auf die Dachkonstruktion der Halle, eine kristalline und tausendfach gebrochene Struktur aus Glas vor einer Kulisse aus Wolken, die wussten, was sie wollten und einem Himmel, der sie gewähren ließ. Ich war allein; nicht einmal besonders verstört. Ich nahm die neuen Tatsachen hin, es war in diesem speziellen Fall nicht allzu schwierieg. Die Welt war aus den Fugen, gut, sollte sie. Heute, füge ich hinzu, wundere ich mich über meine Gelassenheit. “Die Welt war aus den Fugen”, das sagt man so leicht, tatsächlich schien ich gerade einen Mondniederbruch er- und überlebt zu haben und von unbekannter Hand an diesen seltsamen Ort gerettet worden zu sein. Wo waren die anderen? Wo war sie?

Ich verschob aus naheliegenden Gründen das Nachdenken über die jüngere Vergangenheit erst einmal, um herauszufinden, ob die gängigen Jenseitsvorstellungen um Glasbausteine ergänzt werden mussten. Immerhin konnte ich sehr wohl tot sein und gleich meinem Schöpfer begegnen. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob man im Jenseits Hunger haben sollte und schlimmen Muskelkater.

Protokoll | link | 27. October 2006

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Tafel IX

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Tafel X

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Die Geschichte, wie ich im kalten Nebel, der dem Hagel folgte, erst nach Hause und dann aus Berlin floh, kennen Sie schon vom Anfang meiner Erzählungen. Zweimal hastete ich die Bornholmer Straße entlang, einmal von Westen, also dem S-Bahnhof her, ich klingelte folgenlos bei Susann, einmal von Osten her, als ich schon zu Haus gewesen war und schließlich die Kontrolle verlor.

Ich entkam der Stadt in immer klapprigeren und unwirklicheren Zügen, umgeben von einer Menge schwarzen, schweigenden Volkes, auf der Flucht vor dem Mond oder ihn jagend, es war schwer zu sagen. Die letzte Stadt, die ich erkannte, war Leipzig, danach wurden die Bahnhöfe dunkler und seltener. Irgendwann, nach Stunden, erschien der Mond am Horizont, größer als er je gewesen war und fast sichtbar beschleunigend. Seine Oberfläche flimmerte nervös, es sah aus wie das Ameisenrauschen auf Fernsehschirmen und fühlte sich an wie die Nachwirkungen einer schwachen Raumkraft-Waffe. Noch beim ersten Aufgang sah sah man seine Beschleunigung, innerhalb einer Stunde raffte er sich von kaum merklich schleichender zu sichtbarer Bewegung auf, und als er endlich untergegangen war, war er schon nach einer halben Stunde wieder da, größer und schneller denn je. Mächtige Grobeisbrocken durchschlugen die Erdatmosphäre mit langem Dampfschweif, und den neuvernarbten Mond umschossen Sternschnuppen so schnell, daß man sich auf’s Geratewohl etwas wünschen konnte, man erwischte immer eine und es war kein Mangel an Korrekturmöglichkeiten und Nachschlag. Es war sehr beeindruckend. Luna überstrahlte dann schon längst auch die hellsten Sterne, außer Scheibe und Schnuppen blieb nichts am Himmel. Ein blaues Neonlicht glänzte klar auf den Dingen und warf lange Schatten. Nie war Luna, der siebte Mond der Erde, so hell erschienen, nie so groß und nie so vernarbt, nie so nah und nie so schnell. Während ich im Gang des Zuges saß und rauchte, auf einem niedergeklappten Notsitz, durchpflügte Luna den Himmel, ging unter und ging auf; die blauen Schatten kreisten eilig um die Dinge: Nervöse, auswandernde Zeiger. Hin und wieder musste ich aufstehen, um düstere Mitreisende passieren zu lassen, während der Zug bockte und sprang und uns gegen die Abteiltüren warf. Einmal ging ich zur Toilette, schwankender Ort mit Spiegel, der schon so viele übernächtigte Reisegesichter gesehen hatte in ihrer erschöpften Schönheit, der nicht zu beschädigenden Schönheit der Reisenden. Als ich zurückkam, saß ein Mädchen an meinem Platz im Gang, blickte blicklos in die kreisenden Schatten der Neonnacht, dem eilenden Mond hinterher. Schwarzes Haar mit messerscharfer Kante fiel über ein Auge und teilte ihr Gesicht in eine unsichtbare und eine rätselhafte Seite. Sie lehnte, Schulter an der Scheibe, im schwarzen Einteiler (Nylon, dachte ich, Absatz); trat die Zigarette aus (kein Filter), stand auf, war groß, und sah mich aus dem sichtbaren Auge ungerührt an, ohne Lächeln, ohne Bewegung. Drehte sich um und verschwand und wankte nicht im wankenden Zug, bestand nur aus schattenumkreistem Blau und Schwarz. Wieder allein auf dem Gang, ließ ich mich von Stahl, den ich nicht geformt hatte und nicht verstand, auf ein Ziel zutragen, das ich nicht kannte. Ich zitterte beim Anzünden der nächsten Zigarette, erst recht, da mir auffiel, daß die Flamme am Feuerzeug ebenso neonblaß geworden war wie das Mondlicht, es blieben nur kaltes Blau und seine Privation.
Ich dachte an die unendlich elegante Susann in kräftigem Grün und Beige, und für einen Moment hoffte ich, redete ich mir ein, glaubte ich, fürchtete eigentlich, sie begleite mich: Der Grund für meinen Aufenthalt auf dem Gang sei, daß sie schliefe im Abteil, das ich da bewachte und dem Irrsinn hier draußen den Schrecken nähme, vielleicht träumte sie ihn ja. Aber als ich die Abteiltür aufschob und den Vorhang zur Seite, blickte ich in androgyne kalkweiße Gesichter zwischen klammer Netz- und Fetzenkleidung. Unmöglich zu erkennen, wie viele es waren, mehr als drei und weniger als acht, näheres ließ sich nicht ermitteln im Durcheinander: Das ziehende Licht konfigurierte Körperteile zu Körpern und löste sie wieder, Glieder wanderten und gruppierten sich neu, verwandelten sich von geknickten Armbeugen in Nasen und von Beinen in Oberarme, bevor sie ganz ins Dunkel tauchten oder in eine andere Ecke des Abteils wanderten. Ich schob die Tür wieder zu und hätte nicht sagen können, über wessen Schlaf ich hier wachte. Susanns war es nicht. (To love is to lose and to lose is to die.)

Als der Zug schließlich stand, auf freiem Feld, unter dem rasenden Mond, und die Leiber sich regten, als sie aus den Abteilen stakten und ins freie Feld hinaustraten, rief ich nach Susann. Etwas war mit dem Wind passiert, zu durchrufen war er nicht mehr. Eine Kolonne schwarzer Gestalten formierte sich im Sturm, seltsam fetzenumweht marschierten sie übers leere Feld auf eine schwarze Masse hin. Wann immer der Mond unterging (Gigant, der den Horizont füllte), konnte man vor seiner gleißenden Riesenscheibe ahnen, daß die dunkle Masse eine Fabrik sein musste oder ein Lagerhaus, jedenfalls von Menschenhand. Darauf folgte eine Phase völliger Dunkelheit, bevor Luna in unserem Rücken emporschoß und unsere fahrigen Schatten über die der Gräser bis fast zum Lagerhaus jagte. Bei einem dieser Mondaufgänge bemerkte ich sie, das Mädchen aus dem Zug, fast an meiner Seite in dieser Karawane der Verängstigten, angeführt von wer weiß wem. Sie sah nicht her, als ich sie anstarrte; niemand sprach ein Wort, zu mächtig rauschte der Wind. Rauschte der Wind? Luftmassen wälzten sich böig und kraftvoll dem Mond hinterher und in unsere Rücken, aber: War es noch Luft, die da rauschte? Konnte sie von Ferne so tosen? Vielleicht rauschte da viel Ungeheureres auf die falsche Mondbahn zu: Die überrumpelte Gürtelflut, wer wusste das, wer hatte je gegen solche Umlaufbahnen die Trägheit der Ozeane verrechnet?

Im Kühlhaus hingen rostige Tierleiber an blutigen Haken. Stählerne Scharniere krischen auf, träge ließen schwere Türen die Kolonne in den kahlen Saal, dessen Decke unsichtbar blieb unter gefrorenen Kadavern, geteilten Rindern und geschlitzten Schweinen, die sich, aufgehängt am sinnreichen Transportsystem des Hauses, in Schlangenlinien (und dabei sanft schlingernd) über den menschlichen Gestalten in der leeren Halle hinwanden. Unstetes Neon fiel abwechselnd von zwei Seiten durch milchige Oberlichter in den Raum, fasste kurz Kadaver und Menschen an, das Rauschen schwoll, bis die Türen verschlossen waren und mit porösen kalten Riegeln verrammelt.
Das Mädchen aus dem Zug neben mir, schwarz, Beine und ein halbes Gesicht, und deutete schon Tanzschritte an, als ich noch um mich schaute. Ein Schriftzug (ODEON) glomm auf an weißer Wand, kreischend kamen die Kadaver zum Stillstand, und zirpende Synthesizer wuchsen über die Menge. Nebel. Diskreter Raum aus Zweimeter-Zweimensch-Zellen.
– Tanz mit mir sagte das Mädchen aus dem Zug, erste hörbare Stimme der Nacht. Dann mehr Elektronik, Klang und Struktur, unbestimmte Bewegung unbestimmter Körper im Nebel in blitzendem Mondlicht; ich erkannte Welle:Erdball.


Startbereit – Die letzte Nacht
Mein Gefühl – Wird umgebracht
Rendevouz – Im Neonlicht
Kaltes Herz – “Vergiß mich nicht!”
Nur geträumt – Und elegant
Pommerland – Ist abgebrannt
Augenblick – Und Flucht nach vorn
“Tanzt den letzten Tanz!”
“Kommt alle ins ODEON!”
Tanz mit mir die ganze Nacht
Nur Du weißt was mich glücklich macht
Vergessen wir die Welt um uns herum
Tanz mit mir die ganze Nacht
Die neue Welt in uns erwacht
Zu viele Stunden haben wir verschenkt
Glockenschlag – Um Mitternacht
Aus der Traum – Und aufgewacht
Denk daran! – Wir sind dabei
“Halt mich fest! Der Mond…”

(Text und Musik: Welle:Erdball)

Luna, der siebte Erdmond, erreichte in den frühen Morgenstunden eine Umlaufbahn, in der Erdgravitation und Fliehkraft größer als ihre eigene Oberflächenschwere wurden, und also riß die Rochesche Kraft den Trabanten mit sanfter Gewalt, langsam auseinander. Er löste sich auf an den Rändern, innen und aussen, versah die Erde mit zwei Saturnringen aus berstendem Eis, dazwischen raste er näher und verlor sich in den Spuren seiner Trümmer. Nahe genug herangestürmt zerbrach der siebte Erdmond in eine ungestüme Menge großer Stücke, die noch einmal gemeinsam die Erde umkreisten, dann verwandelten sie sich in eine Nadelwolke unzählbarer Eisbrocken, die, ungehemmt und immer noch weiterbeschleunigt, um die Erde stürzten. Eine kalte Bahn der Verheerung legten sie auf die Oberfläche des blauen Planeten, bevor die träge über Land gesaugten Ozeane sich unter der letzten Mondbahn donnernd begegneten. Krachend wuschen sie davon, was dort in Aufruhr lag: Eismassen von Luna, des zerbrochenen siebten Mondes der Erde, und tief darunter begraben: Die Trümmer eines rostüberzogenen Kühlhauses. Ozeane (zur Gürtelhochflut aus ihren Betten aufgestanden, um sich zu Lunas Begräbnis zu treffen) schwappten müde über die deformierte Erde zurück. Deren Kruste selbst schwang lange nach, gedämpft auf ihrem warmen Magmakern, Gebirge versanken und standen auf, Städte bewegten sich und gruppierten sich neu, wie sie es lange hatten tun wollen (siehe: Prag bekam einen Platz an der Sonne). Die Menschen verschwanden mit dem letzten blauen Mondlicht, aber bald, so ahnte man, würden die Städte wieder von ihren Schatten bewohnt werden, oder von denjenigen, deren Schatten bisher die Städte bewohnt hatten, in der Zeit Lunas, des siebten Mondes der Erde.

Protokoll | link | 

Also stürmten große Massen von galaktischem Grob- und solarem Feineis auf die Erde zu. Ein gewaltiges, wohlberechnetes Eisfeld lag in der Erdbahn. Die Herren hatten die bekannte besondere Empfindsamkeit des Wassers für Raumkraftphänomene für sich genutzt und diese Verdichtung des Mittels lange vorbereitet und betrieben. Eine weite Strecke Wegs würde der Mond (die Luna, sagten sie) durch dieses Feld müssen und dabei eine Menge Impuls verlieren, es sei schon vor Stunden losgegangen, sagte Wernitz. Was normalerweise, bei normaler Mittelstärke, im Lauf von Tausenden von Jahren sich vollzog, vollzog sich jetzt innerhalb von drei oder vier Tagen: Die Mondbahn schrumpfte und der Mond beschleunigte jetzt schon auf den stationären Punkt zu — bisher allerdings ohne die Erdrotation und die Tiden groß zu verändern, es ging sehr schnell.

Ich musste raus. Ich musste den Mond sehen. Meine Brust kribbelte vom Einschlag einer Phantasiewaffe, und diese Bande alter Spinner redete von der Beschleunigung des Mondes im Keller eines alten Fernmeldebunkers. Ich fühlte mich nicht wohl. Ohne Worte machte ich kehrt, ließ die Alten stehen und rannte den käsigen Gang entlang. Vielleicht sagte ich “ach verdammt”, vielleicht brüllte ich auch wie angeschossen. Sie dachten nicht daran, den jungen Kerl mit der Pistole zu verfolgen, da er ihnen schon den Gefallen tat, sich davonzumachen. Über singende Metallstufen stolperte ich nach oben, verpasste den Ausgang und sah mich kurz siebentausend orangeroten Bettgestellen gegenüber, stolperte zurück, fand die Tür und war draußen. In der Kanalisation. Ratten stoben, oder stoben nicht. Die Luke zum Keller der Pallasstraße 7 war zu, und so blieb mir nur, aufs Geratewohl eine Richtung zu wählen. Nach einigen Schritten schon hörte ich sie hinter mir die Bunkertür verschließen. Die waren froh, mich los zu sein. Und sie waren froh, an die Reparatur ihrer Urmaschine gehen zu können und mit meinem Aggregat und ihrem Metallkasten die Mondbahn zu manipulieren. Ich warf die Pistole in die Fäkalien und Binden zu meinen Füßen, bevor ich darüber nachdenken konnte, ob ich sie nochmal würde brauchen können. Ich hastete ins Dunkel, zweimal glitt ich aus und fiel beinahe dahin, wo ich nicht einmal hinsehen wollte.
Eine Röhre, in der ich nach oben kletterte, endete an einem eisernen Schachtdeckel, der in regelmäßigen Abständen dumpf knallte. Offenbar mitten auf einer befahrenen Straße, dieser Ausgang. Später war mir einmal, als hörte ich nebenan die U-Bahn fahren, aber das war Unsinn, das hier war Schöneberg, da fuhr die U-Bahn auf Stelzen. Ich muß eine ganze Zeit willkürlich Abzweigungen genommen haben, am Ende krabbelte ich nördlich des Potsdamer Platzes, schon fast im Tiergarten, auf einer Wiese aus dem Schacht. Die Luna war nicht zu sehen, vielleicht schon stationär auf der anderen Seite des Erd-Apfels. Dafür hagelte es bestialisch, ich rannte geduckt auf die neuen Tempel am Potsdamer Platz zu und schüttelte mich erleichtert, als ich einen der totalitären Eingänge zum unterirdischen Bahnhof erreichte. Mit der sturmgeschüttelten, unter einschlagenden Eiskörnern singenden S-Bahn fuhr ich bis Bornholmer Straße.

Protokoll | link | 26. October 2006

Ich erhielt Erklärungen: Ich war tatsächlich auf die Überreste der Reichsarbeitsgemeinschaft das kommende Deutschland gestoßen, die seit dem Ende des zweiten Weltkriegs unter wechselnden Namen in Berlin an dieser Maschine gearbeitet hatte, in Zusammenarbeit mit mehreren Hörbiger-Vereinen und Reich-Instituten. Von den vier Herren war nur einer schon so lange dabei, die Anfänge noch gekannt zu haben. Er musste fast neunzig sein und sprach nicht viel, meistens äußerte er Mahnungen: Vril müsse friedlich genutzt werden, wir versündigten uns. Die vier suchten schon seit Jahrzehnten auf nach dem Fritter, jenem schwarzen Material, das im Inneren der Stabmagnete in den Aggregaten die Verbindung zur Urmaschine aufrecht erhält. Die Maschine, mit der man diesen Fritter herstellen konnte (das “Schwarzgerät”) war seit Kriegsende verschollen, und so waren sie auf die Reste von Fritter in Aggregaten angewiesen, die noch intakt waren und irgendwo auftauchten. Wie eben meines. Was sie eigentlich vor hatten, war schwerer zu erfahren. Nazi-Revanchisten jedenfalls waren die Herren nicht. Sie redeten statt dessen von Max Valier, dem transzendentalen Gesicht und dem Primat des Geistes, das sie wiederherstellen wollten durch einen Kataklysmus, der so gewaltig wäre, daß nichts stehenbleiben konnte von den Konstruktionen der Gegenwart. Ich verstand das nicht. Was ich verstand, war, daß sie, schon seit sie mein Aggregat und also frischen Fritter hatten, die Erhöhung des interplanetarischen Mittels betrieben, also schon seit mehreren Tage. Also?

Protokoll | link | 25. October 2006
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