Ich hatte das geahnt wie Sie es längst ahnen: Vor mir stand die Urmaschine, dieses phantastische Ding, von dem ein einziges auf Erden genügt, um die biodynamischen Aggregate mit dem Anfangsimpuls zu versorgen, den sie brauchen, um Energie aus dem Erdmagnetfeld zu saugen: Hier war sie. Sechs Kugeln rotierten auf stählernen Stangen langsam um eine siebte. Mein kleines Aggregat stand daneben, war mit einem unisolierten Leiter mit der Urmaschine verbunden und mit zwei Drähten an einen großen Metallkasten angeschlossen, den ich nicht deuten konnte. An den Wänden lief rundherum eine Werkbank, die überquoll von elektrischem Kleinkram aus allen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts. Ich erkannte eine kleine Teslaspule, angeschlossen an einen Spreequell-Sprudelkisten-Kondensator: Einen Menge Drähte führten aus silberumwickelten Flaschen zusammen zur Funkenbahn der Spule. In einer Ecke des Raumes wurde offenbar Chemie betrieben, dort standen die malerischsten Sorten Kolben, Fallen, Röhren und Flaschen stand herum. Übrigens sahen diese Sachen überraschend benutzt und neu aus, im Gegensatz zu den staubigen und altmodischen elektrischen Sachen. Broschüren mit Pumakopf gab es ebenfalls.
Als ich den Raum betrat, drehte sich Wernitz zu mir, ebenso die beiden anderen, die am Metallkasten mit dem Lötkolben arbeiteten. Als Wernitz sah, daß ich die konventionelle Waffe hatte, reagierte er geistesgegenwärtig und überraschend schnell mit einem knackenden Ausfallschritt zur Urmaschine. Der gußeiserne Elektromotor jaulte jäh auf, die sechs Kugeln beschleunigten ihren Lauf. Schon nach einigen Sekunden flogen Lichtbögen zwischen der Zentralkugel und den kaum noch sichtbaren rotierenden Trabanten hin und her. Eine wandernde kleine Zirkuskuppel aus Entladungen stand auf, und ihr blaues unstetes Leuchten trieb die Furchen tiefer in die Gesichter meiner alten Gegner, so daß nur scharfe Konturen blieben und flackernde Abstraktionen, freischwebend bärtige Charaktere im Licht ihresn wirbelnden Lebenswerks. Ich zweifelte an meiner Jugend, als ich sie so sah, die alten Herren mit ihren entschlossenen Gesichtern und ihrem Eifer. Viel hatte ich ihnen nicht entgegenzusetzen. Der Weißbart griff wieder an einen Draht und ein gelber, langsamer Blitz kroch aus seiner Stabwaffe auf mich zu. Ich duckte mich, aber das war erstaunlich sinnlos: Der Blitz hatte es zwar nicht eilig, mich zu erreichen, änderte aber die Richtung ebenso schnell wie ich mich bewegen konnte. Als er meine Brust traf, fühlte sich das an wie der Baß bei einem lauten Open-Air-Konzert in der vordersten Reihe. Herz und Atmung fanden das ungewöhnlich genug für einen kleinen Aussetzer und folgende Unregelmäßigkeiten. Ich sank, ohne auch nur einen Anflug von Schmerzen zu haben, zur Seite wie ein Sack. Die Alten waren auf eine Weise gelassen, die mir nun wirklich nicht mehr behagte. Sie griffen nicht einmal nach der Pistole, an die ich mich klammerte. Belämmert saß ich, schüttelte den Kopf und versuchte, nicht zu lachen, schon weil mein Brustraum kribbelte und von innen juckte und ich nicht wusste, ob Lachen helfen würde. Wernitz redete tadelnd auf meinen Kopf ein. Unklar, was er sagte, ich war dort nicht recht anwesend und zudem jaulte der Motor. Sicher sagte er etwas nettes in der Art von: Wir wollen Ihnen doch nichts, seien Sie nicht so hartnäckig, und sehen Sie, ihr Aggregat ist eben das einzige funktionstüchtige seit Jahren, diesmal könnte es klappen, wir hatten schon seit zwei Jahrzehnten keinen so guten Fritter mehr.
Und dann knallte etwas, die Lichtbögen brachen zusammen, die Urmaschine fraß sich kreischend fest und der Motor lief im Leerlauf aus. Etwas passierte mit dem Licht, die einzige Leuchtstoffröhre im Raum ging aus und es wurde stockfinster. Als ich aufstand und zwei eilige Schritte machte, stieß ich mit einem von den Alten zusammen, dann hörte ich einen Lichtschalter, ein paar schwache Glühbirnen gingen an. Die vier Herrschaften wichen jetzt sichtbar erschrocken zurück vor meiner Schußwaffe. – In Ordnung, sagte ich, was also geht hier vor?

Protokoll | link | 24. October 2006

Das war also, was ich wusste, als ich da saß im Keller des Hochbunkers Pallasstraße und abwartete, was geschehen würde. Nebenan arbeiteten die drei Alten mit dem Lötkolben an einer Apparatur, mit dem sie offenbar das interplanetarische Mittel “erhöhen” wollten, wie immer das gehen sollte und was immer sie damit bezweckten. Was immer sie planten, sie schienen die Bahn des Mondes oder der Erde manipulieren zu wollen. Geistesverwirrte Apokalyptiker vermutlich, die den armen blauen Planeten in die Sonne steuern wollten. Nach der Geschichte mit Susann sah ich allerdings nicht ein, daß ausgerechnet ich zur Rettung der Welt vor diesen alten Herren schreiten sollte. Das war auch nicht meine Kragenweite. Ich beschloß, mich nicht totschiessen zu lassen wegen dieser Sache.
Allerdings fiel mir ein, daß die Alten nicht bei Trost waren und mich festhielten mit einer Waffe, an die ich nicht glaubte. Und mich hier bedrohen zu lassen, das musste eigentlich nicht sein. Ohne viel nachzudenken warf ich mich über den Tisch und griff ich nach der Pistole. Der Weißbart zuckte, aber ab siebzig überschätzt man seine Reflexe wohl leicht. Das Ergebnis war eine Art mexican standoff. Ich hielt dem alten Herrn die Pistole unter die Nase, er mir seinen Drahtapparat mit der Kugel. Es war reichlich albern. Er griff an einen dicken, unisolierten Draht an der Wand und sagte: – Ich bin nicht verwundbar, solange ich das hier trage, versuchen sie’s also gar nicht erst, junger Herr. Werden sie vernünftig. Ich antwortete ihm, daß ich weder an seine Unverwundbarkeit noch an seine verrückte Waffe glaubte. Dann wurde es still, wir mussten beide erst einmal nachdenken. Dann lachte ich. Natürlich würde ich hier keine verrückten alten Herren erschiessen. Dann lachte er auch. Die Machtverhältnisse blieben… unklar. Da sie immerhin wenigstens unklar waren, stand ich auf und ging zur Tür. Natürlich rückwärts, so mutig, ihm den Rücken zuzukehren, war ich dann doch nicht. Der Weißbart kam hinter mir her, sah mich ich ins Nebenzimmer treten und sagte nur traurig: – Herrje.

Protokoll | link | 23. October 2006

Zu jedem Mondabsturz, auch dem des Känomondes, gehört neben dem Heranschrumpfen der Mondbahn die Beschleunigung des Mondes. Man teilt die Zeit eines Mondkataklysmus daher in drei Phasen: Vorstationäre Phase, Stationäre Phase, Nachstationäre Phase. Dahinter verbirgt sich nicht mehr als die Tatsache, daß ein sich beschleunigender Mond irgendwann genauso schnell sein wird wie die Erdrotation: In dieser stationären Phase scheint er über einem Punkt der Erde festzustehen und pendelt nur noch zwischen Umlaufebene une Äquatorebene hin und her.

In knapp Vorstationärer Zeit entstehen Hochflutgebiete, das sind dauerhaft von nacheilenden Wassermassen bedeckte Abschnitte der Erde und Tiefebbefrostgebiete: Kalte, tief liegende Gebiete unter der Mondbahn, aufzuteilen in Pendelfrostgebiete (unterhalb der erwähnten Pendelbewegung des Mondes) und Spurfrostgebiete, die direkt unter der Spur des Mondes zwischen zwei Flutbergen liegen. In der nachstationären Zeit schließlich bilden sich Gürtelhochfluten: Die Gezeiten haben sozusagen keine Zeit zum Rückschwappen mehr, bevor die Schwerkraft des rasend umlaufenden Mondes sie wieder erfasst. Sie werden in einem einzigen stabilen Wassergürtel unter der Mondbahn hochgesaugt.

1927 berechnete Hanns Hörbiger diese Stadien für den Känomond, rechnete Tageslängen und Monatslängen, Mondentfernungen, Fluthöhen und Ebbgebiete aus für alle denkbaren Zeitabschnitte.
Die “schiefen” Strandlinien im Hochland von Peru konnten nur aus der knapp nachstationären Phase des Känomondkataklysmus stammen. Zu dieser Zeit war ein Tag etwas mehr als 29 heutige Stunden lang, ein Sonnenjahr dauerte also rund 290 Tage, denn zwar wird die Rotationsgeschwindigkeit der Erde um ihre eigene Achse vom Mond beeinflusst wegen der bremsenden oder beschleunigenden Kräfte der umlaufenden Flute, der Lauf um die Sonne aber hängt vom Mond nicht ab. Der Känomond, nur sechs Erdradien von der Erde entfernt (nicht 60 wie die Luna), lief im Jahr 447 mal um.

1929 fand Kiß decodierte Kiß das Sonnentor von Tiahuanaco und fand darin genau diese Daten. Die Jahreszwölftel, die keine Monate waren, weil der Mond das Jahr in 447 Anschnitte teilte und nicht in zwölf wie heutzutage, enthielten 24 oder 25 Tage. Insgesamt zählt man im Kalenderfries 290 Tageszacken, unter der Annahme von 29-Stunden Tagen exakt ein Sonnenjahr. Und die Zahl der “Monate”, der echten Mondumläufe also, in der nachstationären Zeit kürzer als Tage – sie müsste, bei 477 Mondumläufen im Jahr wie von Hörbiger berechnet, pro Jahreszwölftel etwa 38 betragen. 38 Zacken finden sich am Leib der größeren und detaillierteren “Septemberfigur”. Der Puma mit dem fischförmigen Leib, von Tiahuanaco-Forschern seit jeher als Mondsymbol gedeutet, schließt die Jahreszwölftel ein, und die Gesamtzahl der Zacken im Fries, also 290 Tageszacken, 106 Kondor-Toxodon und Pumaköpfe am Mäanderfries und 157 Extra-Zacken -Köpfe zusätzlich, ergibt 477. Der Kalenderfries am Sonnentor von Tiahuanaco war der Kalender einer Kultur unter einem anderen, abgestürzten Mond.

Trotz solcher Erfolge wurde die Welteislehre von orthodox-wissenschaftlicher Seite immer für Humbug gehalten. Hörbiger, sein viel jüngerer Freund Max Valier, der Privatastronom Professor Philipp Fauth und einige mehr verfochten ihre Glazial-Kosmogonie jedoch mit Eifer, schrieben populärwissenschaftliche Bücher und ließen sich nicht irre machen. Hörbiger ging so weit, die klassische Unterscheidung zu konstruieren: Seid mit mir oder seid gegen mich – es ist jetzt eine Glaubensfrage. Seine Anhänger trafen und organisierten sich, 1923 wurde in Berlin der “Verein für kosmotechnische Forschung e.V.” gegründet.

Große Bevölkerungsschichten waren fasziniert. Die WEL brachte nicht nur wissenschaftlich und mathematisch formulierte Erklärungen hervor, sie schaffte es auch, diese mit großer Sprach- und Bildermacht darzustellen. Sie war so gar nicht wie die abstrakten und unanschaulichen Postulate der aufkommenden neuen Physik.
Darüber hinaus war sie eine Welt-Eis-Lehre, und wer germanisch empfand, hatte, zumindest bis zum Russlandfeldzug, eine Schwäche für das Eis, in dem er seine Vorfahren gestählt glaubte und das er für seinen Verbündeten hielt. Kein Wunder, daß große Teile der Nazi-Eliten WEL-Anhänger waren. Hitler wollte Hörbigers Statue in seinem österreichischen Astronomentempel haben, neben Ptolemäus und Kopernikus. Himmler war begeisterter WEL-Anhänger, und selbstverständlich beschäftigte sich auch diejenige Organisation mit der WEL, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die jüdisch unterwanderte orthodoxe Naturwissenschaft und den Katholizismus mit germanischem Geist zu bekämpfen: Das SS-Ahnenerbe, das Hörbiger jahrelang unterstützte. (Übrigens auch Kiß’ Forschungsreisen nach Südamerika.) Die Popularität der Welteislehre ging so weit, daß in Zeiten, als populär und nationalsozialistisch für eine Weile das selbe waren, das Propagandaministerium des Reiches bekanntgeben musste, daß man durchaus ein guter Nationalsozialist sein könne, ohne an die Welteislehre zu glauben.
Um 1930 wurde in Wien das Hörbiger-Institut gegründet, das bis 1976 die “Mitteilungen des Hörbiger-Institutes” herausgab, Stellungnahmen zum astronomischen, meteorologischen und geologischen Geschehen aus WEL-Perspektive. Erst 1989 stellte das Hörbiger-Institut seine Tätigkeit ein.

Protokoll | link | 22. October 2006

Durch den leeren, von allen Stoffen völlig freien Weltraum bewegt sich ein Stück Materie (sagen wir: Eis) reibungsfrei und ungebremst. Doch der Weltraum ist nicht leer, sondern erfüllt von streunendem Roheis: Überreste der großen galaktischen Entstehungskatastrophe. Zudem verdampfen Roheisbrocken beim Sturz in die Sonne als Sonnenflecken, weswegen von der Sonne ein beständiger Strom feinen, erkaltenden und wieder gefrierenden Wasserdampfes ausgeht. Dieses wandernden Eismassen, dazu das Roheis aus den Tiefen der Eismilchstraße, bilden das interplanetarische Mittel, ein Mittel, also Medium, durch das auch die schwereren Himmelskörper, namentlich die Planeten, hindurch müssen auf ihren Bahnen um die Sonne. Dabei verlieren sie Energie, weil sie das interplanetarische Mittel verdrängen müssen — nicht viel, ihr Impuls ist aufgrund der höheren Masse ungleich größer, aber auf lange Sicht wirkt die Reibung am interplanetarischen Mittel als eine Art Bremse der durchs Eis pflügenden Planeten. Weil die einzige Kraft, die ein kreisender Körper der Schwere seines Zentralkörper entgegenzusetzen hat, seine Fliehkraft ist, wird er, wenn sich die Rotation verlangsamt und diese abnimmt, näher an den Zentralkörper heransinken — und dabei auf niedrigerer Bahn wieder schneller werden. Paradoxerweise bewirkt das interplanetarische Mittel also neben einer Bahnverengung auch eine Beschleunigung. Auf lange Sicht kreist der Körper auf immer engeren Bahnen immer schneller um den Zentralkörper und muß schließlich, wenn sein schneller Fall um die zentrale Masse seine eigene Schwerkraft völlig aufwiegt, auseinander brechen und in Einzelteilen in den Zentralkörper stürzen. Das ist das Schicksal jedes kreisenden Körpers — es sei denn, er gerät zwischenzeitlich in das Schwerefeld einer weiteren, größeren Masse. Dann wird er von dieser eingefangen und ihr Trabant, hat fortan also einen neuen Zentralkörper, an den seine Bahn heranschrumpft: Er ist ein Mond geworden.
Die Erde hat auf ihrem langsam kreisenden Weg zur Sonne schon mehrfach Monde eingefangen. Mehrfach sind diese Monde, gebremst vom interplanetarischen Mittel, in die Erde gestürzt, haben ihre Oberfläche verändert oder neu gestaltet in gewaltigen Katastrophen. Luna, unser heutiger Mond, ist der siebente Trabant der Erde und wurde eingefangen, als schon Menschen die Erde bewohnten und den Einfang beobachten konnten. Mythen und Sagen verschiedener, weit voneinander entfernt lebender Völker berichten von einer mondlosen Zeit und datieren lang zurückliegendes auf eine Zeit bevor der Mond am Himmel erschien. Noch Aristoteles spricht von den Proselenen, den vor dem Mond lebenden: Diese Arkader wohnten schon in Griechenland, bevor der Monad am Himmel erschien. Die Griechen aber dachten die Abwesenheit des Mondes zusammen mit dem goldenen Zeitalter: Ein ruhiger ewiger Frühling herrschte auf Erden, bevor Luna, die große Beobachterin, am Himmel erschien. Die Berechnungen der WEL-Theoretiker zeigen, warum eine Zeit ohne Mond eine goldene ist: Luna formt nicht nur durch Ebbe und Flut, sie formt auch direkt die Kruste der Erde im Tanz um den gemeinsamen Schwerpunkt. Eine mondlose Zeit wäre (war) eine Zeit der Ruhe, ohne schwere Wetter, ohne Gezeiten, ohne Gewalt und ohne Forderung. Der Einfang der Luna verheerte weite Landstriche und riß die Erde in einen wilden Taumel um einen neuen Schwerpunkt, hob und senkte Landstriche, Berge verschoben sich und Meere wanderten, Platons Atlantis versank in den Wassermassen.
Was aber der Absturz der Luna anrichten müsste, kann ermessen werden am Absturz des Vorgängermondes, des Känomondes: Durchmesser 1800 km und nur ein Zwanzigstel der Lunamasse. Der Absturz des kleinen Känomonds löste die Sintflut aus am äußersten Rand der menschlichen Erinnerung, und nur eine einzige Kultur legt Zeugnis ab von der schieren Existenz dieses Mondes: Die versunkene Hochkultur von Tiahuanaco im Hochland von Peru. Dort in den Anden, auf tausenden von Metern Höhe, haben die Einwohner von Tiahuanaco einen Seehafen gebaut — wofür? Der Titicacasee, viel zu klein und zu weit entfernt, kann der Grund nicht gewesen sein. Es muß ein Meer gegeben haben in Tiahuanaco. Und siehe da: Es finden sich konsistente Strandlinien an den umliegenden Bergen, die Küste eines vergessenen Meeres. Verlängert man diese Strandlinien, so füllt der gedachte Ozean das heute trockene Hafenbecken von Tiahuanaco genau — allein: Der Meeresspiegel liegt nicht orthogonal zur Linie vom Erdmittelpunkt zur Erdkurste, sondern heute “schief”: Dieser uralte Ozean lag nicht nur ungewöhnlich hoch, er wurde auch von etwas nach dort oben gesaugt. Die Schwerkraftverhältnisse müssen ganz anders gewesen sein, als sie es heute sind.

Ein WEL-Theoretiker (und übler Rassist), Edmund Kiß, decodierte 1937 das berühmte Sonnentor von Tiahuanaco. Es zeigt einen rätselhaften Kalenderfries, dessen Kalender das Jahr zwar in zwölf klar erkennbare Abschnitte teilt:

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(Das Sonnentor von Tiahuanaco. Klicken vergrößert das Bild.)

sonnentor-kalender.jpg

(Kalender im Mäanderfries, Erläuterung. Klicken vergrößert das Bild.)

Ich blickte lange auf die große Septemberfigur, als ich das alles am Tag vor diesem denkwürdigen Besuch im Keller des Hochbunkers Pallasstraße las. Das komplizierte Gesicht, die Haare, eins für jeden Septembertag. Sommer- und Wintersonnwende, Tag- und Nachtgleichen stimmen mit den Verhältnissen auf der Südhalbkugel vollkommen überein auf diesem Kalender — lediglich die Tageszacken der einzelnen Figuren geben Rätsel auf. Man müsste also annehmen, daß die Erbauer des Sonnentores einen Kalender hergestellt hätten, der zwar die Monate korrekt wiedergab, dann aber Elemente hatte, die nichts oder eine falsche Zahl von Tagen pro Monat bedeuteten. Oder die Zahl der Tage war richtig, der Kalender korrekt — aber für eine Astronomie, die es nicht mehr gibt. Der Kalender von Tiahuanaco war identisch mit dem unserem bei genau den Daten, die nur von der Sonnenumlaufbahn abhängen.

Protokoll | link | 21. October 2006

Als ich das alles dem General erzählte, kannte ich die physikalischen und historischen Zusammenhänge noch nicht vollständig, und wenn ich ehrlich bin, ganz im Klaren bin ich immer noch nicht. Ich habe meine namenlose Bekannte bei den Vogelfrauen um Aufklärung gebeten und sie hat versprochen, mir zu erklären, warum diese Greise taten, was sie taten und wie sie es taten. Allerdings bin ich erst für morgen eingeladen, und also will ich vorher noch aufschreiben, was ich schon damals über die Glazial-Kosmogonie und den Mond wusste, als drei nicht unsympathische alte Herren im Nebenraum über die Erhöhung des interplanetarischen Mittels redeten und ein weiterer netter alter Herr mich mit einem Glas Orangensaft und einer phantastischen Waffe bewachte.

Protokoll | link | 20. October 2006

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Tafel III.

Material | link | 19. October 2006

Das sah zunächst so aus, daß mir einer von ihnen ein seltsames Ding unter die Nase hielt, das ebenso altertümlich wie waffenartig aussah. Ein metallenes Rohr, das aber statt eines Kolbens eine Kugel hatte und statt einer Mündung ein verzweigtes, spitz zulaufendes und geometrisch ziemlich aufwendiges Drahtgewirr. Der Mann, der das Ding bediente, ein schlohweißer, sorgfältig gekleideter Mensch mit intelligentem, aber gerötetem Gesicht, ließ keinen Zweifel an dessen Waffennatur, und ich ließ es lieber nicht darauf ankommen, daß die hier komplett verrückt waren. Ich tat, wie man mich hieß, und setzte mich erst einmal. Übrigens gab es auch eine klassischere Waffe im Raum. Der General konnte sie nach meinen Beschreibungen identifizieren, aber ich habe vergessen, was genau es war. (Ziemlich sicher eine Walther PP oder PPK. Der Hrsg.) Mir war nicht klar, warum sie einen Uneingeweihten statt mit der Phantasiewaffe nicht lieber mit der Pistole bedrohten, aber entweder wussten sie nicht, was sie taten, oder sie wussten es sehr viel genauer als ich. Jedenfalls wartete ich erst einmal ab, während Wernitz mit seinen zwei Conrad-Tüten und den beiden anderen Herren den Raum verließ. Es blieb übrigens unklar, wer hier der Chef war. Mein Bewacher sagte gar nichts und saß nur da, vor sich auf dem Tisch lagen Pistole und sein seltsam provisorischer Kugel-Draht-Apparat. Ich hatte erstaunlicherweise keine richtige Angst. Übrigens nicht, weil ich ohnehin in einer Verfassung war, in der ich am liebsten erschossen worden wäre. Es war eher, daß meine Gegener zu alt und zu kultiviert waren. Und die Situation zu seltsam.
Im Nebenraum wurde gearbeitet. Die drei unterhielten sich, einmal wurde etwas schweres gerückt; der typische Lötgeruch hing in der Luft. Dann lief ein Elektromotor an. Besonders interessant war natürlich, was gesprochen wurde. Neben Elektrotechnik wurde auch die angestrebte Modifikation des interplanetarischen Mittels diskutiert. Und darüber wusste ich schon mehr. “Interplanetarisches Mittel” ist ein WEL-Begriff.

Protokoll | link | 

Wieder stand ich vor der Tür der Pallasstraße 7, wieder klingelte ich bei der Volkshochschule, diesmal auch beim Zentralbüro für kosmotechnische Meteorologie, wieder geschah nichts. Diesmal probierte ich auch die anderen Klingeln, um wenigstens durch die Haustür zu kommen, aber es schien niemand da zu sein; und die, die da waren, hörten wohl, daß überall geklingelt wurde, schimpften in ihren Küchen vor sich hin und taten nichts. Nichts zu machen.

Auf dem Rückweg zum U-Bahnhof Bülowstraße begegnete ich Wernitz. Der alte Mann versuchte gar nicht erst, wegzulaufen und ergab sich grimmig in sein Schicksal. Er war durchaus nicht unfreundlich. Er erklärte, daß er in wirklich dringender Eile sei und daß ich das Aggregat nicht zurückhaben könne, auf keinen Fall, es ginge nicht, so leid ihm das tue. In beiden Händen trug er Plastiktüten von Conrad Elektronik. Ich war nicht in besonders nachsichtiger Verfassung an diesem Tag, und immerhin hatte dieser Mann meine Tür aufgebrochen und eine verrückte Magnetkugel gestohlen, die mir gehörte. Also packte ich ihn am Schlafittchen, versuchte drohend auszusehen und kündigte ihm an, daß er gerne auch Prügel bekommen könne, wenn er mir nicht endlich erzähle, was hier los sei, und er könne nicht erwarten, daß ich ihn einfach in meine Wohnung einbrechen lasse. Er gab klein bei. Bei der Erwähnung des “kommenden Deutschland” und des glazialkosmologischen Büros zuckte er, sammelte sich aber und gab klein bei. Er dachte (meine Hand immer noch an seinem Kragen, die Leute guckten weg) kurz nach und versprach kleinlaut, mich mitzunehmen, unter der Bedingung, daß ich ihn nicht weiter aufhielte, weil er es wirklich sehr eilig habe.

Der Keller des Hauses Pallasstraße 7 sah aus wie der Keller im Wedding oder meiner im Prenzlauer Berg oder jeder andere Mietshauskeller. Auch hier gab es keine Aggregate, sondern Reifen, Tapeziertische und Ratten. Und dazu eine Geheimtür wie aus dem Bilderbuch. In einem der Verschläge gab es ein Blech, so daß man nichts sah, und eine Reihe leerer Kartons. Schob man die tiefer in den Raum, gab es eine Klappe und darunter eine Treppe in die Kanalisation. Wernitz hatte eine Lampe, ich hatte keine Lust auf den Rattenduft, und so unterquerten wir die Pallasstraße schnell und mit den Nasen in den Hemden. Auf der anderen Seite des schmalen, gar nicht mal so übelriechenden Kanals war die gemauerte Decke von einen massiven Betonblock unterbrochen, und für die stählerne Tür dort hatte Wernitz einen Schlüssel. Sie ging leicht und geräuschlos und gab einen Gang frei, der, von einer einzigen Bauleuchte erhellt, auf ein Treppenhaus führte. Wernitz zeigte nach oben: – Zivilschutz. Falls Sie siebentausend orangenfarbene Bettgestelle und verdorbene Kekse brauchen: Da lang. Brauchten wir nicht, wir stiegen nach unten. Am Fuß der Treppe gab es eine weitere Tür, für die er einen weiteren Schlüssel hatte, dahinter noch einen Gang, da schien es zwei Räume zu geben. Im ersten saßen drei alte Herren und schauten Wernitz verstört an, als sie mich erblickten. – Der junge Herr, dessen Wohnung wir vor einigen Tagen besucht haben, erklärte er, er ist uns leider auf die Schlichte gekommen, und er besteht absolut darauf, daß wir ihn einweihen.

Protokoll | link | 18. October 2006

menschpuma.png

Menschenkopf, Bedeutung vermutlich “überwundener Gegner”; Pumakopf

Material | link | 17. October 2006

Drei seltsame Stunden lang tat ich nichts außer im Netz herumzusurfen auf Seiten, die ich seit Jahren nicht mehr besucht hatte: Japanische Designer, die mir wieder einfielen, amerikanische Komiker, französische und italienische Städte, in denen ich mal gewesen war, mit Webcams auf den Marktplätzen; lange schaute ich den Schleifen zu. Ich könnte heute auch schwören, daß ich dreimal aufstand, um die Heizung auf Stufe 3 zu drehen, und daß sie jedesmal zwischen dem * und der 0 stand, wenn ich sie anfasste. Möglicherweise machte ich auch die Tür mehr als einmal zu und merkte nichts davon, nichts vielleicht als ein Gefühl steigender Beunruhigung. Vermutlich sind aber Projektionen, ich weiß es nicht. Vermutlich war ich nicht so derangiert, meine eigenen Handlungen, ohne es zu bemerken, andauernd rückgängig zu machen. Jedenfalls beschloß ich, etwa um vier, noch einmal nach Schönefeld zu fahren und bei der Volkshochschule für Dynamotechnik zu klingeln. Ich musste dringend etwas tun, um Susanns zarte Quecksilberseele loszuwerden, die in mir spukte.

Protokoll | link | 
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