Also stürmten große Massen von galaktischem Grob- und solarem Feineis auf die Erde zu. Ein gewaltiges, wohlberechnetes Eisfeld lag in der Erdbahn. Die Herren hatten die bekannte besondere Empfindsamkeit des Wassers für Raumkraftphänomene für sich genutzt und diese Verdichtung des Mittels lange vorbereitet und betrieben. Eine weite Strecke Wegs würde der Mond (die Luna, sagten sie) durch dieses Feld müssen und dabei eine Menge Impuls verlieren, es sei schon vor Stunden losgegangen, sagte Wernitz. Was normalerweise, bei normaler Mittelstärke, im Lauf von Tausenden von Jahren sich vollzog, vollzog sich jetzt innerhalb von drei oder vier Tagen: Die Mondbahn schrumpfte und der Mond beschleunigte jetzt schon auf den stationären Punkt zu — bisher allerdings ohne die Erdrotation und die Tiden groß zu verändern, es ging sehr schnell.

Ich musste raus. Ich musste den Mond sehen. Meine Brust kribbelte vom Einschlag einer Phantasiewaffe, und diese Bande alter Spinner redete von der Beschleunigung des Mondes im Keller eines alten Fernmeldebunkers. Ich fühlte mich nicht wohl. Ohne Worte machte ich kehrt, ließ die Alten stehen und rannte den käsigen Gang entlang. Vielleicht sagte ich “ach verdammt”, vielleicht brüllte ich auch wie angeschossen. Sie dachten nicht daran, den jungen Kerl mit der Pistole zu verfolgen, da er ihnen schon den Gefallen tat, sich davonzumachen. Über singende Metallstufen stolperte ich nach oben, verpasste den Ausgang und sah mich kurz siebentausend orangeroten Bettgestellen gegenüber, stolperte zurück, fand die Tür und war draußen. In der Kanalisation. Ratten stoben, oder stoben nicht. Die Luke zum Keller der Pallasstraße 7 war zu, und so blieb mir nur, aufs Geratewohl eine Richtung zu wählen. Nach einigen Schritten schon hörte ich sie hinter mir die Bunkertür verschließen. Die waren froh, mich los zu sein. Und sie waren froh, an die Reparatur ihrer Urmaschine gehen zu können und mit meinem Aggregat und ihrem Metallkasten die Mondbahn zu manipulieren. Ich warf die Pistole in die Fäkalien und Binden zu meinen Füßen, bevor ich darüber nachdenken konnte, ob ich sie nochmal würde brauchen können. Ich hastete ins Dunkel, zweimal glitt ich aus und fiel beinahe dahin, wo ich nicht einmal hinsehen wollte.
Eine Röhre, in der ich nach oben kletterte, endete an einem eisernen Schachtdeckel, der in regelmäßigen Abständen dumpf knallte. Offenbar mitten auf einer befahrenen Straße, dieser Ausgang. Später war mir einmal, als hörte ich nebenan die U-Bahn fahren, aber das war Unsinn, das hier war Schöneberg, da fuhr die U-Bahn auf Stelzen. Ich muß eine ganze Zeit willkürlich Abzweigungen genommen haben, am Ende krabbelte ich nördlich des Potsdamer Platzes, schon fast im Tiergarten, auf einer Wiese aus dem Schacht. Die Luna war nicht zu sehen, vielleicht schon stationär auf der anderen Seite des Erd-Apfels. Dafür hagelte es bestialisch, ich rannte geduckt auf die neuen Tempel am Potsdamer Platz zu und schüttelte mich erleichtert, als ich einen der totalitären Eingänge zum unterirdischen Bahnhof erreichte. Mit der sturmgeschüttelten, unter einschlagenden Eiskörnern singenden S-Bahn fuhr ich bis Bornholmer Straße.

Protokoll | link | 26. October 2006