Die Geschichte, wie ich im kalten Nebel, der dem Hagel folgte, erst nach Hause und dann aus Berlin floh, kennen Sie schon vom Anfang meiner Erzählungen. Zweimal hastete ich die Bornholmer Straße entlang, einmal von Westen, also dem S-Bahnhof her, ich klingelte folgenlos bei Susann, einmal von Osten her, als ich schon zu Haus gewesen war und schließlich die Kontrolle verlor.

Ich entkam der Stadt in immer klapprigeren und unwirklicheren Zügen, umgeben von einer Menge schwarzen, schweigenden Volkes, auf der Flucht vor dem Mond oder ihn jagend, es war schwer zu sagen. Die letzte Stadt, die ich erkannte, war Leipzig, danach wurden die Bahnhöfe dunkler und seltener. Irgendwann, nach Stunden, erschien der Mond am Horizont, größer als er je gewesen war und fast sichtbar beschleunigend. Seine Oberfläche flimmerte nervös, es sah aus wie das Ameisenrauschen auf Fernsehschirmen und fühlte sich an wie die Nachwirkungen einer schwachen Raumkraft-Waffe. Noch beim ersten Aufgang sah sah man seine Beschleunigung, innerhalb einer Stunde raffte er sich von kaum merklich schleichender zu sichtbarer Bewegung auf, und als er endlich untergegangen war, war er schon nach einer halben Stunde wieder da, größer und schneller denn je. Mächtige Grobeisbrocken durchschlugen die Erdatmosphäre mit langem Dampfschweif, und den neuvernarbten Mond umschossen Sternschnuppen so schnell, daß man sich auf’s Geratewohl etwas wünschen konnte, man erwischte immer eine und es war kein Mangel an Korrekturmöglichkeiten und Nachschlag. Es war sehr beeindruckend. Luna überstrahlte dann schon längst auch die hellsten Sterne, außer Scheibe und Schnuppen blieb nichts am Himmel. Ein blaues Neonlicht glänzte klar auf den Dingen und warf lange Schatten. Nie war Luna, der siebte Mond der Erde, so hell erschienen, nie so groß und nie so vernarbt, nie so nah und nie so schnell. Während ich im Gang des Zuges saß und rauchte, auf einem niedergeklappten Notsitz, durchpflügte Luna den Himmel, ging unter und ging auf; die blauen Schatten kreisten eilig um die Dinge: Nervöse, auswandernde Zeiger. Hin und wieder musste ich aufstehen, um düstere Mitreisende passieren zu lassen, während der Zug bockte und sprang und uns gegen die Abteiltüren warf. Einmal ging ich zur Toilette, schwankender Ort mit Spiegel, der schon so viele übernächtigte Reisegesichter gesehen hatte in ihrer erschöpften Schönheit, der nicht zu beschädigenden Schönheit der Reisenden. Als ich zurückkam, saß ein Mädchen an meinem Platz im Gang, blickte blicklos in die kreisenden Schatten der Neonnacht, dem eilenden Mond hinterher. Schwarzes Haar mit messerscharfer Kante fiel über ein Auge und teilte ihr Gesicht in eine unsichtbare und eine rätselhafte Seite. Sie lehnte, Schulter an der Scheibe, im schwarzen Einteiler (Nylon, dachte ich, Absatz); trat die Zigarette aus (kein Filter), stand auf, war groß, und sah mich aus dem sichtbaren Auge ungerührt an, ohne Lächeln, ohne Bewegung. Drehte sich um und verschwand und wankte nicht im wankenden Zug, bestand nur aus schattenumkreistem Blau und Schwarz. Wieder allein auf dem Gang, ließ ich mich von Stahl, den ich nicht geformt hatte und nicht verstand, auf ein Ziel zutragen, das ich nicht kannte. Ich zitterte beim Anzünden der nächsten Zigarette, erst recht, da mir auffiel, daß die Flamme am Feuerzeug ebenso neonblaß geworden war wie das Mondlicht, es blieben nur kaltes Blau und seine Privation.
Ich dachte an die unendlich elegante Susann in kräftigem Grün und Beige, und für einen Moment hoffte ich, redete ich mir ein, glaubte ich, fürchtete eigentlich, sie begleite mich: Der Grund für meinen Aufenthalt auf dem Gang sei, daß sie schliefe im Abteil, das ich da bewachte und dem Irrsinn hier draußen den Schrecken nähme, vielleicht träumte sie ihn ja. Aber als ich die Abteiltür aufschob und den Vorhang zur Seite, blickte ich in androgyne kalkweiße Gesichter zwischen klammer Netz- und Fetzenkleidung. Unmöglich zu erkennen, wie viele es waren, mehr als drei und weniger als acht, näheres ließ sich nicht ermitteln im Durcheinander: Das ziehende Licht konfigurierte Körperteile zu Körpern und löste sie wieder, Glieder wanderten und gruppierten sich neu, verwandelten sich von geknickten Armbeugen in Nasen und von Beinen in Oberarme, bevor sie ganz ins Dunkel tauchten oder in eine andere Ecke des Abteils wanderten. Ich schob die Tür wieder zu und hätte nicht sagen können, über wessen Schlaf ich hier wachte. Susanns war es nicht. (To love is to lose and to lose is to die.)

Als der Zug schließlich stand, auf freiem Feld, unter dem rasenden Mond, und die Leiber sich regten, als sie aus den Abteilen stakten und ins freie Feld hinaustraten, rief ich nach Susann. Etwas war mit dem Wind passiert, zu durchrufen war er nicht mehr. Eine Kolonne schwarzer Gestalten formierte sich im Sturm, seltsam fetzenumweht marschierten sie übers leere Feld auf eine schwarze Masse hin. Wann immer der Mond unterging (Gigant, der den Horizont füllte), konnte man vor seiner gleißenden Riesenscheibe ahnen, daß die dunkle Masse eine Fabrik sein musste oder ein Lagerhaus, jedenfalls von Menschenhand. Darauf folgte eine Phase völliger Dunkelheit, bevor Luna in unserem Rücken emporschoß und unsere fahrigen Schatten über die der Gräser bis fast zum Lagerhaus jagte. Bei einem dieser Mondaufgänge bemerkte ich sie, das Mädchen aus dem Zug, fast an meiner Seite in dieser Karawane der Verängstigten, angeführt von wer weiß wem. Sie sah nicht her, als ich sie anstarrte; niemand sprach ein Wort, zu mächtig rauschte der Wind. Rauschte der Wind? Luftmassen wälzten sich böig und kraftvoll dem Mond hinterher und in unsere Rücken, aber: War es noch Luft, die da rauschte? Konnte sie von Ferne so tosen? Vielleicht rauschte da viel Ungeheureres auf die falsche Mondbahn zu: Die überrumpelte Gürtelflut, wer wusste das, wer hatte je gegen solche Umlaufbahnen die Trägheit der Ozeane verrechnet?

Im Kühlhaus hingen rostige Tierleiber an blutigen Haken. Stählerne Scharniere krischen auf, träge ließen schwere Türen die Kolonne in den kahlen Saal, dessen Decke unsichtbar blieb unter gefrorenen Kadavern, geteilten Rindern und geschlitzten Schweinen, die sich, aufgehängt am sinnreichen Transportsystem des Hauses, in Schlangenlinien (und dabei sanft schlingernd) über den menschlichen Gestalten in der leeren Halle hinwanden. Unstetes Neon fiel abwechselnd von zwei Seiten durch milchige Oberlichter in den Raum, fasste kurz Kadaver und Menschen an, das Rauschen schwoll, bis die Türen verschlossen waren und mit porösen kalten Riegeln verrammelt.
Das Mädchen aus dem Zug neben mir, schwarz, Beine und ein halbes Gesicht, und deutete schon Tanzschritte an, als ich noch um mich schaute. Ein Schriftzug (ODEON) glomm auf an weißer Wand, kreischend kamen die Kadaver zum Stillstand, und zirpende Synthesizer wuchsen über die Menge. Nebel. Diskreter Raum aus Zweimeter-Zweimensch-Zellen.
– Tanz mit mir sagte das Mädchen aus dem Zug, erste hörbare Stimme der Nacht. Dann mehr Elektronik, Klang und Struktur, unbestimmte Bewegung unbestimmter Körper im Nebel in blitzendem Mondlicht; ich erkannte Welle:Erdball.


Startbereit – Die letzte Nacht
Mein Gefühl – Wird umgebracht
Rendevouz – Im Neonlicht
Kaltes Herz – “Vergiß mich nicht!”
Nur geträumt – Und elegant
Pommerland – Ist abgebrannt
Augenblick – Und Flucht nach vorn
“Tanzt den letzten Tanz!”
“Kommt alle ins ODEON!”
Tanz mit mir die ganze Nacht
Nur Du weißt was mich glücklich macht
Vergessen wir die Welt um uns herum
Tanz mit mir die ganze Nacht
Die neue Welt in uns erwacht
Zu viele Stunden haben wir verschenkt
Glockenschlag – Um Mitternacht
Aus der Traum – Und aufgewacht
Denk daran! – Wir sind dabei
“Halt mich fest! Der Mond…”

(Text und Musik: Welle:Erdball)

Luna, der siebte Erdmond, erreichte in den frühen Morgenstunden eine Umlaufbahn, in der Erdgravitation und Fliehkraft größer als ihre eigene Oberflächenschwere wurden, und also riß die Rochesche Kraft den Trabanten mit sanfter Gewalt, langsam auseinander. Er löste sich auf an den Rändern, innen und aussen, versah die Erde mit zwei Saturnringen aus berstendem Eis, dazwischen raste er näher und verlor sich in den Spuren seiner Trümmer. Nahe genug herangestürmt zerbrach der siebte Erdmond in eine ungestüme Menge großer Stücke, die noch einmal gemeinsam die Erde umkreisten, dann verwandelten sie sich in eine Nadelwolke unzählbarer Eisbrocken, die, ungehemmt und immer noch weiterbeschleunigt, um die Erde stürzten. Eine kalte Bahn der Verheerung legten sie auf die Oberfläche des blauen Planeten, bevor die träge über Land gesaugten Ozeane sich unter der letzten Mondbahn donnernd begegneten. Krachend wuschen sie davon, was dort in Aufruhr lag: Eismassen von Luna, des zerbrochenen siebten Mondes der Erde, und tief darunter begraben: Die Trümmer eines rostüberzogenen Kühlhauses. Ozeane (zur Gürtelhochflut aus ihren Betten aufgestanden, um sich zu Lunas Begräbnis zu treffen) schwappten müde über die deformierte Erde zurück. Deren Kruste selbst schwang lange nach, gedämpft auf ihrem warmen Magmakern, Gebirge versanken und standen auf, Städte bewegten sich und gruppierten sich neu, wie sie es lange hatten tun wollen (siehe: Prag bekam einen Platz an der Sonne). Die Menschen verschwanden mit dem letzten blauen Mondlicht, aber bald, so ahnte man, würden die Städte wieder von ihren Schatten bewohnt werden, oder von denjenigen, deren Schatten bisher die Städte bewohnt hatten, in der Zeit Lunas, des siebten Mondes der Erde.

Protokoll | link | 27. October 2006