Helles Licht fiel durch Glasziegel und faltete sich.

Ich erinnere mich mit großer Klarheit an meine ersten Momente hier. Licht und Stille und die Klarheit leichter Höhenluft erzeugten viel mehr Realität, als ich gewohnt war. Besonders die Stille war von einer Art, die ich nicht kannte, von deren Existenz ich in großen Kirchen aber schon früh etwas zu ahnen gelernt hatte: Sie lastete nicht, sie schwang in samtiger Ruhe. Kein akustisches Nichts, keine unbestimmte Abwesenheit von Klang, sondern die entschiedene und präzise Abwesenheit dessen, was an Lärm nicht zu ertragen ist.

Der enorme Raum, in dem ich lag, war aus Glasziegeln in eine noch größere Halle gemauert. Die Wände endeten ohne Decke, so daß der Blick frei war auf die Dachkonstruktion der Halle, eine kristalline und tausendfach gebrochene Struktur aus Glas vor einer Kulisse aus Wolken, die wussten, was sie wollten und einem Himmel, der sie gewähren ließ. Ich war allein; nicht einmal besonders verstört. Ich nahm die neuen Tatsachen hin, es war in diesem speziellen Fall nicht allzu schwierieg. Die Welt war aus den Fugen, gut, sollte sie. Heute, füge ich hinzu, wundere ich mich über meine Gelassenheit. “Die Welt war aus den Fugen”, das sagt man so leicht, tatsächlich schien ich gerade einen Mondniederbruch er- und überlebt zu haben und von unbekannter Hand an diesen seltsamen Ort gerettet worden zu sein. Wo waren die anderen? Wo war sie?

Ich verschob aus naheliegenden Gründen das Nachdenken über die jüngere Vergangenheit erst einmal, um herauszufinden, ob die gängigen Jenseitsvorstellungen um Glasbausteine ergänzt werden mussten. Immerhin konnte ich sehr wohl tot sein und gleich meinem Schöpfer begegnen. Allerdings war ich mir nicht sicher, ob man im Jenseits Hunger haben sollte und schlimmen Muskelkater.

Protokoll | link | 27. October 2006