Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, wie überwältigt ich war, als ich das Kristallhaus sah und das Panorama.

Natürlich erklärte ich dem General nicht, wie das Kristallhaus aussieht – er kennt es sehr wohl. Deswegen verlasse ich meine — ohnehin schon stark bearbeitete — Erzählung vom Kamin des Generals und ergebe mich für einen Moment der Schwärmerei. Das Kristallhaus, man sagt auch: Alpen-Palast, liegt ganz knapp oberhalb der Vegetationslinie auf einem Plateau, umgeben von Felsnadeln, und nur scheinbar bedroht von einem zahm zerfransenden Gletscherausläufer. Wenn man von einer der Terrassen des Kristallhauses talwärts blickt, sieht man den Bach über Stufen springen und die Füße gläserner Nadeln umtoben, die entlang einer steilen Treppe zwischen den Felsen aufgestellt sind und sich meterhoch in die Luft recken. Geschliffen, gedreht oder korkenzieherartig gewunden formen sie das Sonnenlicht zu einem Strahlenpfad durch die kahlen Felsen, der auf das Kristallhaus zuführt und sich an der untersten der Terrassen in ein Treppendelta verliert. Das Haus selbst ist ein unfassbares Ineinander aus gläsernen Kuppeln, verdrehten Türmen, Treppen und Bögen. Von jedem Punkt aus sieht man tief in den Rest des Hauses hinein, aber nie weiß man, wie viele Wände man gerade durchblickt; die Räume werden ununterscheidbar und zahllose Spiegelungen tun den Rest. Ich bemerkte, daß ich unwillkürlich versuchte, die spiegelnden Stellen zu meiden, als hätte ich Angst, mein Bild in diesen Tempel zu entlassen: Während mein irdener Körper sich darin mit spielerischer Leichtigkeit zurechtfand, konnte es meinem unsteten, über die Spiegel flitzenden lichten Ebenbild wohl kaum gelingen, aus diesem Haus wieder zu entkommen, wenn es erst einmal zwischen die Spiegel geriet. Während ich aus einer klaren Vor-Struktur ins Freie trat, schoß mein Bild also wohl für immer zwischen den gläsernen Wänden des Hauses hin und her. (Es fängt bekanntlich die Bilder seiner Erbauer.) Während ich unter den Kuppeln des schweigenden Tempels staunte, war ich nichts als Ehrfurcht — und als ich auf die oberste Terrasse trat: Quellende Euphorie. Nicht nur die Nadelspitzen am Weg funkelten – im Panorama der Alpen glommen neue Elemente. Ich habe mich in den Alpen nie ausgekannt und hätte auch die Namen der Gipfel nicht nennen können, die sich verändert hatten, aber daß sie sich verändert hatten, daran konnte kein Zweifel sein. Einer war behauen worden — seine Form hatte man ihm allerdings gelassen, oder vielleicht: Man hatte ihm geholfen, seine Form auszukristallisieren — der ganze Berg über der Vegetationsgrenze bestand aus gewaltigen glatten Flächen mit messerscharfen Kanten. Dicke Schneeschichten hielten sich nicht mehr, nur Flächen mit geringer Schräge trugen gleißend Schneegeometrien. An anderer Stelle war eine flache Bergkuppe überbaut mit gewaltigen und offenkundig zweckfreien Bögen, die in Symmetrie durch die Wolken stießen. Es gab noch mehr zu sehen, stufenförmig entwickelte Berge, zackige Strukturen in der Sonne, dann ein Bergsee, der von einer grünschimmernden Reihe Nadelspitzen umwogt wurde, schließlich ein Turm, der offenbar nicht fertig war. An einigen Stellen sah ich Kräne und gewaltige, glühende Öfen. Ich starrte stundenlang in diese verstärkten Berge, bis meine Augen schmerzten und ich nicht mehr sagen konnte, warum sie tränten. Ich schaute hin, bis mein kühl erzogener 90er-Jahre-Geschmack seinen Todeskampf beendet hatte. Er zerbrach in der Spannung zwischen Hingabe an die überwältigend Reinheit dieses Ortes und dem Entsetzen angesichts von Zu Viel. Aber Reduktion war die Forderung an meine Kultur. Mein Geschmack war auf diese fremde, geformte Natur nicht anwendbar. Er erlag knirschend und ließ mich zurück ohne Urteil.

Protokoll | link | 29. October 2006