An einen weiteren Abend beim General erinnere ich mich. Wir spielten Schach, ich verlor wie fast immer, aber dieses mal schaffte ich es immerhin, ihn zu einem langweiligen Endspiel mit wenig Material zu zwingen, statt wie sonst früh auf eins seiner vergifteten Opfer hereinzufallen. Ich wusste zwar, daß er nicht einfach Figuren einstellte, aber weil ich auch bei langer Grübelei nie sah, worauf er hinauswollte, hielt ich es meist doch für die sicherere Wette zu schlagen — und natürlich ging es nie gut, zwei Züge später merkte ich dann auch, was los war. Ich erzählte ihm, als die Figuren wieder im Holzkasten auf dem Kamin verstaut waren, aus meinem Berliner Alltag. Irgendwann kam ich aber, ich weiß nicht mehr wie, auf die Begeisterung zu sprechen, die mich gepackt hatte, als ich zum ersten Mal ein Luftschiff benutzte: Das Imperium holte mich am Tag nach meinem Erwachen im Kristallpalast mit einem Zeppelin ab. Ich erfuhr später, daß man mich auch so in die Alpen gebracht hatte. Sie machen das mit Neuankömmlingen aus den Tiefebbefrostgebieten immer: Wer nach einem Übergang im Kristallpalast aufwacht, lernt schnell, was fortan wichtig ist.

Von einer Terasse herab sah ich das Luftschiff schon von weitem zwischen den Gipfeln und Zacken kreuzen: Auf Augenhöhe. Tags zuvor war mir bereits aufgefallen, daß ich nicht allein war dort oben in den Bergen, in einem der weiter talwärts liegenden Glashäuser schien es regen Publikumsverkehr zu geben, und auf den in die Täler geschwungenen schmalen Brücken sah man Menschen und gelegentlich Fahrzeuge (die übrigens, nebenbei, nicht von Pferden gezogen wurden.) Eine kleine Gruppe von Männern befestigte das Luftschiff auf einer Plattform unterhalb meiner Aussichtsterrasse. Das Schiff wirkte nicht sehr groß zwischen den Felsen, aber natürlich täuschte der Eindruck: Die Streichholzschachtel am Rumpf erwies sich als bequemes, zweistöckiges Haus. Schlafräume, ein Waschraum, ein Salon mit flauschigen Teppichen und angenehmen Sesseln samt wohlverschraubten Beistelltischchen. Die Verschraubung erwies sich auch in der Luft als weitgehend unnötig, das Schiff lag wie ein aufgehobener Berg im Himmel — das Tolle an Zeppelinen ist ja, daß sie zwar schwer und majestätisch hingleiten, man in ihrem Innern aber eine Art von Leichtigkeit spürt, die es in von brutalen Motoren getriebenen Flugzeugen nicht gibt. Auftrieb durch Bewegung zu Erzeugung ist genau genommen eine Bestialität. Wenn die Motoren von Zeppelinen anlaufen: Das ist kein stahlfäustiges In-die-Wolken-Packen, wie ich das kannte, es hat mehr von Atemholen. Als sei sich das Schiff selbst genug und kümmere sich nur aus Gutmütigkeit um die Reisewünsche derer, die da in der umgehängten Schachtel saßen: So ging das los. Ich saß im Salon und rauchte zwischen tiefroten Stoffe mit hübschen Rankenornamenten, schwarzen Leisten und Messingleuchtern, die den Raum kaum aufhellen konnten. Es war alles sehr reizvoll. Schwärme langhalsiger, großer Vögel, die ich nicht benennen konnte, begleiteten das Schiff, bis sie ihr Ziel erreichten oder wir ihnen zu langsam waren: Sie stellten das langsame Schlagen ihrer Schwingen ein, streckten sich in die Breite, kippten und glitten auf schräger Ebene in Täler und Seenlandschaften hinein. Man ließ mich allein im Salon, und ich fragte nicht weiter. Außer mir war nur die Besatzung an Bord. Schlackenborg, der mich auf der Terrasse des Kristallpalastes abgeholt hatte, trug die kuriose Uniform der Zeppelinführer und entsprach auch sonst jedem Klischee: Er trug Schifferbart und schien kein Wort mit mehr als zwei Silben zu kennen. Es lagen Bücher und Broschüren aus, und ich nahm an, daß man von mir erwartete, daß ich sie läse. Weil ich sonst nichts zu tun hatte, las ich sie. Eins davon, ein wirklich aufwendig gemachter Druck, war Bruno Tauts “Alpine Architektur” und ganz offenbar so etwas wie der erste Entwurf der Architekturwunder, von denen das Schiff mich gerade wegtrug. Beim Blättern merkte ich, wie wenig ich gesehen hatte, falls alle diese Entwürfe umgesetzt waren.

Protokoll | link | 31. October 2006