An diesem Abend, an dem ich Berlin verließ, ergriff ich eine jener selten Gelegenheiten, dieser Stadt zu entkommen. Denn im Sommer verliert man sich dort in Grünanlagen und auf Dachterrassen in träger Melancholie, behaglich, versöhnlich und verträumt. Die Sommer allerdings sind nur hübsche Larven, uns zu ködern, im Oktober schon wirft die Stadt ihre Sommermaske von sich und zeigt ihre trübe Fratze mit verhangenen Lidern. Der sadistische Berliner Dämon packt all diejenigen, die zu lange zu träge zur Flucht waren, ein weiteres mal und quält und hetzt sie hungrig durch die Wintermonate. Denn der Winter schmerzt, man geht über Felder kalter Klingen und die kollektive Depression der Stadt ist nur die schleimige Oberfläche einer Höllenfontäne von Selbsthaß und Qual, die vom originellen Dämon alljährlich in die Innenhöfe der Altbau-Mietshäuser gepisst wird. Erst im späten April ebbt diese Flut ab, kurioserweise ohne eine Spur im Gedächtnis der Menschen hinterlassen zu haben, sonst würden sie kaum bleiben. Berliner Winter sind geraubte Zeit, sie werden nicht er-, sondern überlebt.

Protokoll | link | 24. May 2006