Was war mit mir passiert? Die Vogelfrauen, ich war bei ihnen, wissen es nicht. Nach meinem Besuch lag ich lange in der emaillierten Wanne meines schmalen Badezimmers, schaute unbewegt auf rostige Armaturen und hörte das ferne Tropfen und Gluckern des unauffindbaren großen Bades. Ich war nicht sicher, was genau sich verändert hatte. Und ich war nicht sicher, auf welcher Seite die Vogelfrauen standen. Hier ist, was sie mir über meine Berliner Reichsarbeitsgemeinschaft “Das kommende Deutschland” sagen konnten:

1895 wurde Max Valier in Bozen, Tirol, als Kind nicht eben reicher Eltern geboren. Zwei Dinge prägten seine Jugend: Die Liebe zu seiner Alpenheimat und eine manische Faszination für die Sterne. Im selben Jahr, 1895, schrieb der Pole Stanislaw Przybyszewski in Berlin den Roman “Satans Kinder”. Roman und Autor sind heute in den Tiefebbefrostgebieten fast völlig vergessen, aber um die Jahrhundertwende war Przybyszewski eine zentrale Figur des literarischen Berlin: Der “geniale Pole mit dem unaussprechlichen Namen”, dessen (von Munch gemalte) Portraits einen slawischen Charakterkopf und einen beunruhigend hypnotischen Blick zeigen, gehörte von Anfang an zum Kreis des schwarzen Ferkels. Das Schwarze Ferkel war ein Weinlokal an der Ecke Neue Wilhelmstraße / Unter den Linden. Ursprünglich namenlos, war es von Strindberg so getauft worden nach einer kopf- und schwanzlosen Widderhaut, die an eisernen Hacken verwittert über der Tür baumelte.

Przybyszewski traf im Schwarzen Ferkel Dagny Juel. Diese war von Munch dort eingeführt worden; das literarische Berlin war ihr verfallen, weil sie rauchen und tanzen konnte wie keine sonst. Auch trug sie, so heißt es, am schlanken Leib bevorzugt Kleider jener Art, die Bewegungen und Glieder unerreichbar und unsichtbar, aber eben auch hinreichend als festen Körper in weichem Gewand ahnbar macht, um in quasi-nackter Verschleierung ruchlos einem phantasiebegabten Kerl mehr zu bieten als der nackte Leib selbst es je vermocht hätte. Und doch schrieb man über sie, daß man statt von ihr auch genausogut Liebkosungen von einer Rauchsäule hätte begehren können, mit demselben Erfolg — Dagny Juel war verrucht, aber nicht zu haben. Der Satanist und in allerlei okkulten Künsten bewanderte Stanislaw Przybyszewski heiratete sie im selben Jahr, da er sie kennenlernte: 1893. Er schrieb im Folgenden seine Totenmesse, ein Werk von wilder, gieriger und morbider Liebe, das nicht nur (so sagten die Vogelfrauen) literarische Techniken vorwegnimmt, die man heute Jahre und Jahrzehnte später von anderen erfunden wähnt, sondern in seinem reichen, intensiven und schmutzigen Glühen auch einer Sorte von deutschsprachiger Literatur angehört, die es offiziell gar nicht gibt in diesem Land, das maßlos ewig das Ewig-Maßvolle des verdammten alten Goethe bewundert.
Dabei war Przybyszewskis Maßlosigkeit nicht unbedingt eine Maßlosigkeit der Liebe, sondern eine der Seele überhaupt: In seinem folgenden Buch, den Vigilien, ruft der Protagonist, als er seine Frau mit einem Freunde ekstatisch, vierhändig und eindeutig unkeusch Klavier spielen sieht: – Jetzt musst du ihn küssen, du musst, dem Künstler schenk ich mein Weib! und schließlich: – Noch standen sie wie verzaubert. Da plötzlich legte sie ihre Hände um den Kopf, reckte ihren Körper auf den Zehen hoch in die Linie des geschwungenen Bogens — sie sah ihn an! Oh Gott, wie sie ihn ansah! Diese brünstige Innigkeit, diese schamhafte, schamlose Hingebung: eine ganze Welt der Brunst lag in dieser Bewegung, und ihre Brust keuchte. Munch, so schreiben Przybyszewskis Biographen, hat diese Szene 1895 gemalt. Przybyszewski ist auf dem Bild zu sehen, und unschwer ist die “Frau des Helden” als Dagny zu erkennen. Wir müssen annehmen, daß die Szene stattgefunden hat. Przybyszewski verließ den Raum und überließ dem Künstler sein Weib.

Dagny Przybyszewski starb 1901 in Tbilisi. Sie wurde erschossen von einem Verehrer, mit dem sie durchgebrannt war und der sich nach dem Mord an Dagny selbst richtete.

Protokoll | link | 3. November 2006