Max Valier war 1919 ein schwärmerischer abgebrochener Student, der in der kuk-Armee nach Russland geschickt wurde, aber nie einen Schuß abfeuerte: Valier, der Erfinder der Rakete, war Pazifist, gläubig und schaffte es immer wieder, auf Posten zu kommen, wo sein technisches Talent und seine ansteckende Euphorie von Nutzen waren, ohne daß er selbst schießen musste. Er stürzte wenigstens zweimal ab, einmal aus einem abgeschossenen Ballon, einmal mit einem Flugzeugprototypen, den er als Techniker betreute. (Er kam mit einer kleinen Schulterverletzung davon, wie er auf einer Postkarte an den viel älteren Hörbiger, mit dem er damals schon befreundet war, schreibt.)
1919 war ein wildes Jahr für Europa. Valiers Heimat Tirol war gerade an Italien abgetreten worden, und so konnte er einstweilen nicht zurück. Valier hatte kein Geld, und trug den zivil umgearbeiteten grauen Rock der untergegangenen kuk-Armee. Er schrieb wie besessen. Seine metaphysischen Untersuchungen, die 1921 in München erscheinen sollten, waren schon in Arbeit, Das tranzendentale Gesicht trieb ihn um damals, aber noch war an eine Veröffentlichung nicht zu denken. Um Geld zu verdienen, hielt Valier in der Wiener Urania und an der Akademie der schönen Künste eine Reihe von Vorträgen über die Welteislehre. Im Selbstverlag veröffentlichte er den phantastischen Roman Spiridion Illuxt: Ein verschmähter Liebhaber beschliesst, sich an der Welt zu rächen. Er baut auf einer Südseeinsel eine Maschine, mit der sich Atomkerne spalten lassen. Die Kettenreaktion, die ausgelöst wird, weil Nachbaratome aus Sympathie mitzerspringen, reißt die ganze Erde in den Abgrund und vernichtet zuletzt den lachenden Spiridion Illuxt in seiner Raumkapsel. Valier schreibt das 1919.

In München war derweil eine Menge los: Die Räterepublik wurde ausgerufen. Anfang Mai wurden Mitglieder der frisch gegründeten Thule-Gesellschaft von Angehörigen der Roten Armee Münchens ermordet. Freikorps
unter der Führung von Franz Ritter von Epp, der schon 1906 in Deutsch-Südwestafrika an der Niederschlagung des Herero-Aufstandes beteiligt war, griffen München an. Einige Tage lang herrschte Bürgerkrieg, die Versorgungslage war katastrophal. Stanislaw Przybyszewski und seine Frau Dagny beschlossen, München zu verlassen und reisten über Wien nach Krakau.

Protokoll | link | 6. November 2006