An jenem Abend im Oktober also öffnete sich für einen Augenblick das Fluchtfenster: Die Luft kündete schon drohend von winterlicher Grausamkeit, aber noch war sie nicht machtvoll genug, schon zu lähmen. Der Sommer dagegen war deutlich zu Ende; seine versöhnliche Kraft schwach geworden wie die Sonne, die beim Werben um Laub vom Wind ausgestochen wurde. Ein schlafloser Schwebezustand machte die Wahrnehmung klar: Die Stadt schickte sich an, einen weiteren Winter aus meinem Leben zu schneiden. Dann kam dieser Abend wie von Snoopy erdacht: Alternde Reihen gelblicher Laternen funzelten durch die schon laublosen Äste hoffnungsloser junger Alleebäumchen. Das Licht klebte an einem dünnen Film von Feuchtigkeit auf steinernen Gehsteigplatten, bevor es sich müde weiterstreuen ließ. Einige Bäume hielten noch mit aller Kraft an Blättern fest, die faul und grau schon von Wasser troffen. Ununterscheidbar zischten Wagen über den Asphalt, lange Phasen mit aufgescheuchter Feuchtigkeit und verschwommenen Scheinwerfern folgten kurzen Phasen des Niedersinkens, während derer sich Nebel und wirbelnder Schleim in den Rinnsteinen sammelten. Gelegentlich brauste es drängender zwischen die Häuser, wenn die riesenhafte Metallfratze eines Sattelschleppers den Blick nach oben unterbrach. Vor jeder Lichtquelle döste dort klammes Wasser, und über den Dächern brütete die glibbrige Kuppel aus schwerem gelbem Licht: Hier war Leben, denn hier war Elektrizität — auch wenn sie es schwer hatte in der übersatt kalten Atmosphäre. Mit Mühe konnte ich die Uhrzeit lesen an der Ecke zur Schönhauser Allee: Halb elf erst. Eine Strassenbahn mit beschlagenen Scheiben heulte und versuchte fröhlich auszusehen wie immer. Über ihr knackte ein blauer Lichtbogen auf; kaum zu erkennen in der Gischt. Ich hatte Angst, daß der herrenlose Blitz sich langsam durch die Feuchtigkeit fressen könnte, daß er jedes Ende jeder seiner Verästelungen an jedes Astende jedes Alleebaumes legen und die ganze Bornholmer in einen knisternd blauen Spinnenleib verwandeln könnte; daß am Ende die jungen Alleebäume, von hier zur Bösebrücke, in qualmende Fackeln verwandelt wären, in stinkende Feuer im Nebel. Aber der Lichtbogen knallte nur kurz und schwach, und die Strassenbahn zog sich am Schleifer nach Osten davon: Aus der Schiene platschte verdrängtes Schwarzwasser. Mit einem letzten Jaulen beschleunigte die Bahn aus dem Sichtfeld und eine weitere Rotte zischender Wagen fiel über die zusammengekauerte Kreuzung her. Unter den stählernen Pfeilern der aufgebockten Untergrundbahn warteten vielleicht drei Gestalten auf den grünen Fleck auf der anderen Seite und ließen sich nach vorn fallen, als er erschien. Ich begegnete ihnen in der Mitte der Strasse, eine alte Frau, glaube ich, schaute nicht auf. Sie zerrte einen fetten Hund, der mit panischen Augen ins Streulicht stierte. Ein dicker Tropfen, zeckentückisch an der U-Bahn auf Lauer, traf mich an der Stirn und rann in mein rechte Auge. Kalt war das Wasser und blieb dort, als ich mit einem feuchtem Handschuh über ein Gesicht fuhr, das den Handschuh nicht kannte und von ihm nicht erkannt werden wollte. Das Schild des Franchise-Bäckers war nicht zu lesen, ebenso wenigstens drei Gesichter. Auch die (sicher hässlichen) Schuhe der Leute blieben im dumpfen Zwielicht unterhalb meiner Kniee. Immer wieder droschen die Wagen Gummi in den dünnen Film auf Asphalt. Ein Russe spielte Akkordeon in einer Ecke, oder einer, der wie ein Russe klang, oder ein Tonband, oder eine Erinnerung an den Sommer. Vor der Sparkasse lag im Rinnstein ein Taubenkörper, halb plattgefahren und zerzaust. Als ich stehen blieb, um mich meines Ekels zu versichern, überholte mich ein Mann mit Mantel und altmodischem schwarzem Schirm, den ich hinter mir nicht bemerkt hatte. Über seinem Kopf, meinem und dem der toten Taube geisterte die Untergrundbahn in den U-Bahnhof, über dem der Fernsehturm nicht zu sehen war. Der Mond fehlte auch, er war schon in die stationäre Phase getreten auf der anderen Seite der Erde. Panisch nestelte ich im Schloß meiner Wohnungstür und packte. Dabei sprach ich, in fraktalen Wiederholungen, zu mir selbst, ohne Kontrolle über was genau ich da murmeln mochte. Ich erinnere mich nicht daran, nur daß Zwangsvokabeln eine Rolle gespielt haben müssen. (Und: “Überall außerhalb der Welt?”) Ich kletterte zur U-Bahn hinauf; der verrückte Amerikaner, der dort normalerweise mit zwei Trommelstöcken auf dem Treppenabsatz lärmte und den nie jemand bei einer Pause ertappt hatte, saß, die dreckigen Stöcke neben sich, reglos da. Nach zwei kalten Stunden voller Flüche und nervösen Gängen zur Kreuzung und zurück vor Susanns verschlossener Haustür war ich endlich verzweifelt genug, die Nerven zu verlieren und ohne sie zu fliehen. Zwischen Pulks schwarzgekleideter Gestalten, die irgendwoher wissen mussten, was los war, fuhr ich zum Alexaderplatz, vor mich hinbrabbelnd im Autopilot. Später saß ich in einer Regionalbahn nach Süden. Als sie nicht weiter fahren wollte, stieg ich um. Ich wartete einige Stundenteile an verlassenen Ost-Bahnhöfen und hatte schon bald weder Ahnung, wo ich mich befand, noch Interesse daran. Ich wählte meinen nächsten Zug zweimal danach, ob er altmodisch genug aussah, damit ich Gänge hätte, in deren ratternder Durchgangswelt ich nervös rauchend auf und ab gehen könnte.

Protokoll | link | 26. May 2006