Es war gar nicht so sehr, daß mich die Generation-Golfigkeit der Sachen abgestoßen hätte. Auch nicht, daß meine wenigen Gäste beim Betreten der Wohnung die lustigen Katalognamen der Möbelstücke hersagen konnten. Ich traf überhaupt keine bewußte Lifestyle-Entscheidung. Ich langweilte mich lediglich ein wenig bei meiner Lektüre und lümmelte deswegen unentschieden und in ungewöhnlichen Stellungen auf meinem blauen Sofa herum. Dabei überfiel mich das Bild der Wohnung im Spiegel, der zwischen Wand und Sofa stand, seit ich einen größeren fürs Bad gekauft hatte. Die Wohnung darin war nicht nur verkehrt herum, sie war auch viel größer. Und es standen unglaublich beschissene Möbel drin herum.
– Heilige! rief ich aus und starrte verdutzt auf meinen Schrank, ohne zu verstehen, womit der unschuldige Kasten meinen frischen Haß verdient hatte.
– Wuäh! Laut. Richtig laut. Es war mir ein Bedürfnis. Ich wollte sofort alle meine Bekannten anrufen und meine Möbel für ungültig erklären. Allen wollte ich sagen: Dieser Schrank, ich sehe jetzt ein, wie furchtbar er ist, tut mir leid, was mußt du nur von mir denken, weil du so einen Schrank in meiner Wohnung gesehen hast, kannst du bitte versuchen, diesen schlimmen Eindruck zu vergessen? — Wie gebissen schnalzte ich mich dann vom Sofa, so blau war es, es fiel mir grade wieder ein. Nicht dezent dunkelblau, leider nicht, sondern schlimm Junges-Wohnen-Blau. Blitzblau. Unerträglich blau. Was war passiert? Ich konnte nicht mal mehr meinen Milchglastisch leiden. War ich grade erwachsen geworden? Oder was? Um mich erst einmal eingehend selbst zu befragen, setzte ich mich auf den Fussboden und starrte den Stuhl an, zerlegte dieses Verbrechen mit Blicken in Einzelteile: Vier Beine, dann: igitt, helles Holz. Sitzfläche, schon wieder blau, Lehne, Schaumstoff innendrin, Gutegüte. Als Sofortmaßnahme hängte ich meine beiden Magritte-Poster ab und demontierte die silbergrauen Kabel mit den affigen Halogenstrahlerchen. Als die Wände weiß und kahl standen, war mir wohler. Der Haß auf die Möbel blieb – und wurde in den nächsten Tagen so mächtig, daß ich beschloß, sie loszuwerden. Schon am selben Abend schlief ich, auf der treuen Festival-Isomatte, am Boden. Am dritten Tag war ich so weit, wenigstens den Verkauf des Sofas in Angriff zu nehmen. Ich bot es bei ebay an, weil mir nicht einfiel, wie ich sonst auf die Schnelle ein Sofa loswerden sollte. Bei ebay wollte aber niemand so richtig Geld für mein teures Sofa zahlen. Nach einer Woche halbierte ich den Preis und bot auch das andere Zeug an. Niemand kauft alte IKEA-Möbel, die er dann auch noch abholen muß, bei ebay. Immerhin wurde ich das Sofa los, ein alter Sack holte es ab mit einem Fiat-Transporter, der nach altem Fiat roch. Der alte Sack war sehr daran interessiert zu erfahren, warum ich all meine Möbel bei ebay verkaufen wollte. Ich erfand eine nicht sehr kohärente Geschichte von einem Auslandsaufenthalt und einer Freundin, die mir fürchterlich geriet. Der alte Sack redete zu viel und hakte bei ein paar Ungereimtheiten nach. Ich antwortete genervt, daß ich einfach meine Möbel hasste und alles Recht dazu hätte. Der alte Sack war beunruhigt; wir waren uns wechselseitig nicht sehr angenehm. Als er verschwunden war mit seinem Fiat, war außer dem Sofa noch alles da. Das Problem blieb schwierig. Wie kriegte man eine komplette IKEA-Wohnungseinrichtung aus der Wohnung? Ich machte einen Versuch, den Stuhl zu einem nahen Container am Strassenrand zu schleppen. Ein türkischer Typ mit Latzhose erwischte mich dabei, und weil ich mir wirklich nicht vorstellen konnte, vor einem Typen mit Latzhose wegen illegaler Entsorgung von IKEA-Möbeln wegzulaufen, mit oder ohne Stuhl, blieb ich stehen und ließ mir erklären, daß er für diesen Container bezahle, daß ich das also besser nicht probieren und mich, schleunigst, verpissen solle.

Protokoll | link | 31. May 2006