Ich war entmutigt und nahm den Stuhl wieder mit. Natürlich hätte ich einfach einen Entrümpler anrufen können. Aber ich hatte inzwischen keine Lust mehr, irgend jemandem zu erklären, warum ich alle meine Möbel wegwerfen wollte. Ich wollte auch niemanden mehr anrufen und ihn über meinen wahren Geschmack bei Schränken aufklären. Ich wollte überhaupt keine Fragen beantworten zu diesem Thema. Niemandes. Insbesondere wollte ich nicht zugeben müssen, daß ich neurotisch genug war, einen profunden Haß auf meine Wohnungseinrichtung zu entwickeln und dann beim Loswerden derselben an lächerlichen inneren Zwängen und ein paar Pannen zu scheitern. Nach drei Wochen spitzte sich die Lage zu. Nicht nur, daß ich meine Möbel hasste, sie führten mir auch jeden Tag meine Unfähigkeit vor Augen. Ein radikaler Schritt war nötig, so viel stand fest. Ich dachte ein wenig darüber nach, den Gashahn aufzudrehen und die Wohnung in die Luft zu sprengen, in der Hoffnung, dabei schizophren, cool und sexuell attraktiv wie Tyler Durdon zu werden, gab den Plan aber in Ermangelung eines Gashahns auf. Nachdem ich lange genug in farbenfrohen Detonationsphantasien geschwelgt hatte. Die harmlosere Variante des selben Planes lautete: Entweder die Möbel kleinhacken und die Einzelteile in der Badewanne in Säure auflösen, oder einfach gleich umziehen und die Möbel lassen, wo sie waren. Das schien mir zwar sehr irrational, versprach aber gründlich und trickreich alle Probleme zu umgehen. Was tut man schliesslich nicht alles, um den Seelenfrieden wiederzubekommen, ohne das Selbstbild zu gefährden. Die Möbelsituation war verfahren, und aus ihr sprossen die weiteren Entwicklungen wie Kresse aus der Watte am Fenster.

Protokoll | link | 5. June 2006