Wenn einer wie ich an der Grenze zu den Tiefebbefrostgebieten gefunden wird und einen nützlichen Eindruck macht, stellen sie ihm einen Freiwillgen zur Seite, der beim Übergang hilft. Daß mein Freiwilliger ein unzugänglicher, aber sehr interessanter ranghoher Offizier war, war angeblich Zufall. Übrigens erschöpft sich mit dieser Maßnahme die Fürsorglichkeit des Imperiums. Wer einen Freiwilligen erwischt, der nichts taugt, hat Pech. Ich hatte Glück. Der General hat mich untergebracht, bis ich die Wohnung im Backsteinviertel bekam, und auch sonst war er unersetzlich. Meine Sympathie für ihn wurde noch befeuert von meinem Eindruck, daß er mindestens ebenso interessiert an mir und meiner Vergangenheit in den Tiefebbefrostgebieten war wie ich an ihm und meiner neuen Umgebung. Erklärtermaßen spannend fand er, wie ich es geschafft hatte, wegzukommen — mir wurde auch klar warum, als ich erfuhr, wie wenige von uns es hier gab. Ich musste dem General die Geschichte im Detail erzählen, in mehreren langen Sitzungen in seiner Stadtwohnung, bei der ich noch immer nicht herausbekommen habe, ob ich sie typisch für einen Offizier finden soll oder nicht: Voller Bücher; und nicht nur Clausewitz und Sun Zu, sondern auch eine Menge französischer Romanliteratur. An den Wänden (und davor angelehnt) allerdings Schlachtengemälde, unheimliche Wirrware aus Piken, Zacken, Schwertern und Männern, unordentlich geknüpfte Geflechte Sterbender und Stechender mit schmerz- und blutrauschverzerrten Gesichtern und auf den Hügeln verlassene oder umkämpfte Artillerie; ein Feldherr mit zwei Läufern und einer Fahne über dem Durcheinander, in dem seine Männer sterben und sein Schicksal geboren wird. Auch einige besonders verstörende Ölgemälde moderner Waffen und Schlachten gibt es, das kannte ich nicht, und anders als die alten Bilder kann man sie nicht mit einem verklärenden Blick lesen: Es ist vollkommen unmöglich, dem Bild einer mobilen AAA-Einheit den bloß romantischen Schrecken des historischen Arsenals abzugewinnen — übrigens vielleicht nur für mich, dem General konnte ich den Unterschied nie erklären. Die besonders seltsamen Bilder zeigen riesige stählerne Schiffe, die aber offenbar gesegelt werden, ganze Flotten. (Leider zivil, sagt mein Mentor.) Zwischen Bildern und Büchern schaut ein kleiner offener Kamin heraus, auf dessen übervollem Sims der General alles abstellt, was er einmal angefasst hat und wieder loswerden muß: Einen schwarzen Springer, Füllfederhalter, Papier, Bücher, Teetassen, Kerzen, die er vom Tisch räumt, um Platz für das Schachbrett zu machen, bevor er sich auf die Suche nach dem Springer macht, kleine indische Götterfiguren, eine Glühbirne. Vermutlich räumt er den Sims ab und zu auf, oder es hat sich ein Fließgleichgewicht eingestellt. Vor dem Kamin ducken sich drei Sessel, die blasiert aussähen, hätten sie nicht ihre besten Tage längst hinter sich. Das alles erwähne ich nur, um den Ort anzudeuten, von dem aus ich heute meine Geschichte wiedererzähle.

Protokoll | link | 12. June 2006