Ich kippte Soße über die Nudeln, trottete ins Zimmer und stellte sie auf dem fleckigen Dielenboden ab. Beim Essen im Schneidersitz dachte ich ergebnislos über Geranien und Geraniengeruch nach. Einen kleinen Klumpen Nudeln ließ ich übrig und trug ihn zurück in die Küche, und nur einen Moment zögerte ich, dann entschied ich mich gegen das Abwaschen und ließ das ganze Ensemble dem Schimmel. Denn noch hatte ich drei saubere Gabeln, spürte aber für einen Moment die Tendenz zum Abwasch. “Dieser Mann hatte ganz offensichtlich weder sich selbst noch sein Leben im Griff” war das Urteil der Pro-7-Dokumentation im Vorabendprogramm, mit Grabesstimme. Die Küche des zerfallenen Toten, die dabei im Bild gewesen war, erinnerte in Ausstattung und Zustand stark an meine. Ich entschied mich trotzdem gegen das Saubermachen und einfach dafür, bis zum nächsten Abwasch nicht zu sterben, nicht acht Wochen in den Teppichboden zu rotten wie der Mann in der Pseudodokumentation. Verdammte Pro-7-Scheißer. Mich kriegten sie nicht. Ich wusch schon aus Trotz und Verachtung für die Vorabendprogrammwixer nicht ab. Statt dessen drehte ich das Licht im Zimmer an, setzte mich auf das zerschlissene Ledersofa mit den Farbspritzern und starrte die Wand an. Den Lichtschalter mochte ich besonders. Er war schwarz, abgegriffen und man musste daran drehen, um das Licht einzuschalten. Über dem Drehschalter stand in weißem Halbrund “LICHT”. Der schräghängende Blechlampenschirm an der viel zu hohen Decke warf einen dreistufig ovalen Schatten an die Wand, der einen wahnsinnig machen konnte: Auf eine verdrehte Art mussten diese Biegungen und Helligkeitsstufen mit der Lichtbrechung am runden Lampenschirmrand zu tun haben, aber ich durchschaute das nicht. Ich war sehr dankbar für den schäbigen Lampenschirm. Er hing schon dort, als ich einzog und ersparte mir den Gang zum Baumarkt oder zum Möbelhaus. Abgesehen davon, daß der Proll-Horror in Baumärkten und Möbelhäusern besonders aufdringlich war, gab es auch nur Mist zu kaufen. In Farben, die Verkäufer “poppig” nennen. Mein VEB-Lampenschirm war ein anderes Kaliber. Ich war dankbar. Als die Probleme der Lichtbrechung ihn nicht mehr fesselten, schweifte mein Geist und gab mir wieder einmal auf, den Dielenboden zu schleifen. Die Farbspritzer dort gehörten nicht zu mir, sondern zu meinem Vorgänger, dem Künstler. Obwohl es dazu viel zu dunkel gewesen sein musste, hatte er hier gemalt. Ein armes Schwein vielleicht, mein Vorgänger. Romantisch. Wenigstens hatte er zu tun gehabt, immerhin war er Maler. Maler zu sein schien mir so unzeitgemäß wie ein Bergmann zu sein oder Partisan. Ein Beruf aus einer alten, mythischen Zeit, vor den Karriere-Tips im Uni-Spiegel und all den anderen Chancen unserer Tage.

Protokoll | link | 20. June 2006