Das Beil machte Toon-Bewegungen, hackte sich durch die Küche und wütete wild im Geranienbeet. Ich jagte mit einer biegsamen Fliegenklatsche hinterher. In der Ecke zwischen Gasherd und Mülleimer stellte ich das rebellische Hackebeil, nervös und metallen klapperte es gegen den Herd, hackte eine Scharte in den fleckigen Gips und schien sich gerade ergeben zu wollen, als ihm bewusst wurde, daß es ein Beil war und ich bloß ein Typ in einem dreckigen Pullover, bewaffnet mit einer schadhaften Fliegenklatsche. Einige Zeit schauten wir uns in die Augen, das Beil und ich, dann fing ich an, mich zu fragen, mit welchen Augen mir das Beil eigentlich in die Augen seh. Als ich genügend darüber nachgedacht hatte, gab es ein glucksendes Geräusch, ich machte erschrockene Saugbewegungen und wischte benommen meine Hand am Pullover ab. Meine Güte, wie unangenehm. Gut, dass mich hier keiner sah. Glitt vom Sofa, kam auf die Füße und ging erst einmal nachschauen, ob ich vielleicht doch ein Geranienbeet in der Küche hatte. Ich hatte keins. Das Beil war auch wieder, wo es hingehörte, nämlich auf Augenhöhe: Ein mit Kohle an die lange Seite des Zimmers gezeichneter Umriss, einziger Schmuck der ziemlich dreckigen, braunen, tapetenlosen Wand. Einer meiner Vorgänger hatte da seine Wut verewigt, oder was immer man verewigen will, wenn man eine Kohle-Wandzeichnung von einem Beil anfertigt. Vielleicht war er auch nur betrunken gewesen und hatte mit einem Stück Kohle ein Beil an die Wand gemalt. Jedenfalls hatte ich ein Gefühl im Mund wie von einem Kilo gekauter Watte. In der Küche spülte ich durch, aber viel besser wurde es nicht. In der Küche war es finster; die Glühbirne brauchte ich im Flur, weil da der Spiegel hing.

Protokoll | link | 22. June 2006