Abends zog ich einen Stuhl ans Fenster, klappte die doppelten Flügel auf und atmete den Geruch von feuchtem Zement, Benzin und Müll ein. Ab und zu rauschte es ein wenig in unserem Innenhofbäumlein, das oben einige Meter über das Dach ragte. Wenn ich mich zurücklehnte, konnte ich ein Stück Himmel sehen, der sogar jetzt, kurz vor Mitternacht, nicht mehr als zwei oder drei Sterne hergab. Ein vager Kamin schlief dort oben, mit der zufriedenen Einsamkeit eines verstaubten Campanile. Das Licht aus der Küche reichte zum Lesen, es fühlte sich intellektuell an. Mit einem zerfledderten und farbverklebten Reclam-Derrida im Hinterhof. Sommernacht. Fühlte sich gut an. Vor lauter Gutfühlen vergaß ich das Lesen während drei kompletter Seiten postmoderner Theorie (bewegte aber pflichtbeflissen die Augen), rief mich zur Ordnung und las das ganze Kapitel mit ähnlichem Erfolg von vorn. Der Derrida war auch ein Erbe vom Vormieter. Ich hatte seine ganze Maler-Bibliothek übernommen, einen verstaubten und verdreckten Haufen Bücher auf einem Brett unter dem Fenster. Derrida, Lyotard, Adorno. Keine Kataloge, keine Drucke. Manchmal frage ich mich, ob ich die Wohnung damals nicht hauptsächlich wegen des Beils und der Bücher gemietet habe. Der Makler machte die Tür auf und ich sah das Beil und die Bücher und die Farbspritzer — die ganze Wohnung schien eine Boheme-Haut zum Überziehen zu sein. Wer so eine Wohnung hat, müsste doch ein Leben führen wie die Leute in den Liedern der Dandy Warhols, schien mir. Falls die Dandy Warhols das darstellten, was heute Boheme war. Vielleicht fiel ich bloß auf ihre Albumtitel herein.
Der knollige Makler war in einem steinalten Polo gekommen, der viel zu klein für ihn war, trug ein knallblaues C&A-Jacket und zu gebräunte Kopfhaut unter dünnen Haaren. Die Anzeige für die Wohnung: “Coolen Altbau! Ofenhzg, Toil. a.d.E., Renov.bed. ab Feb. 100 Eur. prov.frei”. Tatsächlich lag die Toilette einen Treppenabsatz tiefer, außerhalb der Wohnung. Das war ich nicht eben gewohnt, aber schon nach zwei Wochen machte es mir nichts mehr aus. Das größte Problem mit dem Treppenhausklo war, daß man seinen Gästen immer einen Schaltplan aufmalen musste, wenn sie austreten wollten. Sonst kriegten sie das Licht nicht an. Man mußte dafür drei Schalter in der richtigen Reihenfolge umlegen, von denen einer das Licht im Treppenhaus ausschaltete. Es gab Gäste, die hartnäckig behaupteten, wenn man die Schaltung nicht sorgfältig vornähme, ginge nicht nur das Licht nicht an, sondern auch die Spülung funktioniere nicht. Vermutlich war’s ein Scherz, aber ich habe es nie ausprobiert. Wer will schon riskieren, ohne Spülung auf einem dunklen Etagenklo zu enden. Das war es nicht wert. Da ich ohnehin nicht oft Gäste hatte, war das mit dem Schaltplan-Klo nicht schlimm.

Protokoll | link | 26. June 2006