Keine Boheme also, denn dazu gehört mehr als Wohnung und Bücher eines Malers. Wer die meisten Abende vor dem Fernseher verbringt oder mit Arbeit, sollte böhmisches Leben besser vergessen. Meine Wochenenden begannen mit gehetzten Einkäufen im Supermarkt und endeten in langen Mißgeburten von Sonntagen. Immerhin schafften sie es manchmal, in den einförmigen Strom meiner angenehmen und sicheren Tage einen Abend zu schieben, der tatsächlich für pätere Erinnerung taugte. Meist sah ich nur Etienne, der nach Studium und früher Promotion bei einem besonders obskuren Startup angeheuert hatte, das es, seltsamerweise und auf Sparflamme, offenbar immer noch gab. Nie habe ich herausgefunden, was die eigentlich machten, und ich hatte den Verdacht, daß Etienne es ebenfalls nicht wusste und die Leute, bei denen er arbeitete, im Grunde auch nicht. Aber sie behielten ihn, vermutlich aus optischen Gründen. Wenn man ihn nicht genauer kannte, schien seine wesentliche Qualifikation das Tragen rotgetönter Sonnenbrillen zu sein. Er schaffte es immer noch, nach Reichtum, High-Tech und Nerderie auszusehen. Ein Grund mehr, ihn zu mögen. Genau wie ich hatte er die echte Informatiker-Sozialisation verpasst. Wir waren immer die beiden gewesen, die Douglas Adams und dem Herrn der Ringe nur ein notdürftig interessiertes Lächeln abgewinnen konnten. Was nicht heißt, daß wir nicht beide, wenn auch auf subtilere Art, hoffnungslose Nerds gewesen wären. Etienne war, allem voran, rettungslos ans Kino verloren, ein Fanatiker der übelsten Sorte. Die meisten Freitagabende verbrachten wir in verlotterten alten Kinos mit klapprigem Sound, die er in einer übrigens nicht prätentiös gemeinten Vorliebe für altmodisches Deutsch hartnäckig “Lichtspielhäuser” nannte. Ich war dankbar für die Abwechslung, obwohl er mich nie wirklich für Filme interessieren konnte, in denen deprimierte finnische Arbeiter in deprimierenden Fischfabriken Fische schrubben.

Protokoll | link | 1. July 2006