Nach einem ungewöhnlich ärgerlichen Lars-von-Trier-Film beschlossen Etienne und ich noch einen Whisky im Reingold. Die Frau saß in einem der tiefen, dunkelroten Sessel im hinteren Teil, die Beine übergeschlagen und mit einer schwarzer Stiefelspitze aufregend wippend. Sie trug, ich senkte die Stimme, der General beugte sich vor: Eine grüne Hose mit schottischem Karo, die perfekt saß und mit sanftem Schwung über den Fesseln den Blick auf das Wesentliche lenkte: Auf die hypnotische Stiefelspitze und ihren Gegenpol, einen schmalen, nicht zu hohen Absatz.
Sie nahm einen Schluck aus einem zart auffunkelnden Glas, als wir den Raum betraten; über den Rand hinweg blickte sie mir gelassen ins Auge mit dem Blick der Schönen oder der gleichgültigen Phase der Trunkenheit. Ich wußte wohl, daß ich an diesem Abend doch ordentlich aussah und mir auch bislang noch keine Patzer geleistet hatte, keine unsicheren Blicke, kein Griff an Hemd oder in die Haare oder in den Nacken, letzteres machte ich fast immer in solchen Situationen, diesmal nicht. Obwohl ich verschont blieb, war meine Sicherheit dahin unter ihrem ersten Blick, der übrigens natürlich kaum mehr war als das kurze Blinken, mit dem Neuankömmlinge nun mal geprüft werden. Sie war nicht alleine, stellte ich fest, sie war in Begleitung eines gut angezogenen Paares: Junge Frau mit dunklem Hemd und breiter grauer Hose mit Bügelfalte, junger Mann an ihrer Hand in weissem Hemd und einer Krawatte, die sich nicht für ihre Anständigkeit schämte. Ein Jackett hing über der Lehne des Sessels, ziemlich sicher Teil eines Anzugs, aber das Licht ließ solche Schlüsse auf Entfernung eigentlich nicht zu. Viel näher kam ich nicht. Ich bemerkte noch Susanns Hemd (sehr blaß rosa) und einen Pullover aus feiner weicher Wolle, dann schaffte ich mich seitwärts in einen Sessel, eindeutig ungeschickter, als es nötig gewesen wäre. Etienne redete über die gequälten Frauen bei Lars von Trier, ich musste nur gelegentlich nicken. Immerhin saß ich so, daß ich immer wieder einen Blick riskieren konnte, denn ich musste mehr über ihr Gesicht herausfinden. Und mich darauf vorbereiten, daß es mir völlig unmöglich sein würde, die Frau anzusprechen oder sonst etwas zu unternehmen. Und daß ich deswegen einen sehr frustrierten Abend verbringen würde. Es ging schon los. Ich wusste doch, wie sowas ausging, es endete immer damit, daß ich eine Woche lang glücklichmachende Musik hören musste, um die Schmach meiner Feigheit wieder vergessen zu machen.
Die Bar war sonst weitgehend leer, zwei junge Medientypen am Nebentisch unterhielten sich, wenn ich mich nicht irre, über die Unmöglichkeit, in Berlin anständig zu leben, der eine glaubte’s nicht, der war Münchner. Ich suchte Susanns Blick. Da sprach sie grade mit dem vergebenen Burschen an ihrem Tisch, sagte was und lehnte sich mit feinem Lächeln zurück, während er zu Erklärungen anhob, zumindest gestikulierte er erklärend und präzis, elegant, ab und zu die Zigarette abschnippend. Susann saß derweil da, hörte zu und schaute ihn konzentriert an, mit einer kleinen Falte von Aufmerksamkeit zwischen den Augen, Arme auf den Lehnen, vorn die Hände lässig über die Kanten drapiert, und wippte mit der Fußspitze. Sie überraschte mich, wie Mädchen mich jedesmal überraschen können mit einer ganz eigenen und neuen Sorte Großartigkeit, einem nie gesehenen prächtigen Wesen zwischen Zerbrechlichkeit und Macht. Fasziniert schaute ich ihr beim Zuhören zu. (Daß Etienne redete und für uns bestellte, nahm ich wahr.) Auf der Straße und in schwarzer Kleidung hätte ich sie für eine Musikerin gehalten: Klare Züge, schmale Augen, genaues Kinn, beim Lächeln sah man nur einen Spalt Zähne zwischen ihren Lippen, nicht gerade zu dünn, aber so unbetont wie beweglich und weich. Sie war nicht älter als ich, fünfundzwanzig vieleicht. Dunkelblondes Haar, nichts spektakuläres, zusammengefasst zu einem kurzen kräftigen und waagrechten Pferdeschwanz. Also? Sie war nicht mein Typ. Sie war das Schönste, was mir seit langem begegnet war. Um Klassen zu großartig für mich. Ich war mir sicher, daß sie das wüsste, hätte sie mich wahrgenommen. Ein Gutteil ihrer Ausstrahlung beruhte, machte ich mir klar, auf der ruhigen Gewissheit ihrer Großartigkeit. Ich schaute hin. Sie erwischte mich nicht. Zweimal blickte sie her, beide male war ich schnell genug, und als ich selbst hinschaute, war sie schon wieder gelassen und konzentriert im Gespräch.

Protokoll | link | 17. July 2006