Als Susann und das Paar das Reingold dann verließen, erschrak ich fast, weil sie so groß zu sein schien. Nur schien, wenn man die zwei Stufen und die Perspektive aus dem Sessel abzog, war sie nicht größer als ich selbst, aber ihre Silhouette schwang sich auf so angemessen indirekten Wegen und großer Bestimmtheit um die Horizontale, daß sie auch ohne Perspektive groß wirkte. Es handelte sich unverkennbar um eine Frau, kein Mädchen. Ich atmete aus und hielt die Luft an, als sie vorbeiging. Feig war ich schon gewesen und hatte gewartet bis jetzt, nun wäre es noch einmal darauf angekommen. Ich rührte mich nicht. Ob sie sich umdrehen würde an der Tür, vielleicht? Sie drehte sich nicht um, selbstverständlich; und freilich bedeutete das nichts, besonders keine Ablehnung, sie hatte mich nicht anders bemerkt denn als einen von denen, die in Bars nun einmal in Sesseln sitzen. Selbst meine Furcht davor, als einsamer Möchtegernwolf erkannt zu werden, war fehl am Platz. Zum einen machen sich andere ohnehin immer weniger Gedanken über einen selbst, als man denkt (dafür aber bösartigere), zum anderen passten Etienne und ich hierher, und ich hatte also gar keinen Grund, mich verkleidet und gefährdet oder irgendwie auffällig zu fühlen. Etienne bemerkte irgendwann, daß ich zu dänischem Kino ebensowenig zu sagen hatte wie zu schwedischem. Ich schaffte es, den Rest des Abends mit trocken-galgenhumorigen Gesprächsbatzen zu bestreiten, thematisch kreisend um die Schwerpunkte “Ach Frauen”, “Oh Mann” und “Ach Scheiße”. Etienne kannte mich gut genug, um zu wissen, was hier gerade los gewesen war.

Protokoll | link | 16. August 2006