Es passierte dann etwas, was nur im Imperfekt passiert: Ich traf die Frau wieder auf der Geburtstagsfeier von Laszlo, dem Kleinverleger mit den grauen Schals. Wenig später also, mein Selbsthaß war noch frisch und kräftig, stand sie in einer trüb beleuchteten Küche einfach neben mir am Tischchen mit den unvermeidlichen Salaten. Ohne daß ich auch nur eine Chance gehabt hätte, mich schnell noch zu fürchten, geriet wir beide in eine verwickelte und in engagierten Politphrasen geführte Diskussion über den Küchendisputklassiker schlechthin, den in Plastikschüsseln herumschmierenden Nudelsalat. Wir steigerten die Zahl der Brechungen etwa genauso schnell wie die der grinsenden Zuhörer und die vernichtende Heftigkeit der Argumente, bis sie lachend ausstieg, rundheraus fragte, wer ich eigentlich sei, sich kerzengerade und sachte knirschend um die eigene Achse drehte, mit drei spitzen Finger über meinem rechten Schulterblatt knisterte, mich in einen Sessel schob und sich in einen zweiten schräg gegenüber warf. Meine zwei Tage alte Niederlage, bisher ein Krampf in der Herzgegend, erschrak, ließ los, plumpste in die Magengrube, taute und öffnete sich zu einer explosiven Blüte. Ich weiß nicht mehr, was ich an diesem Abend redete, es ist mir ein Rätsel, wie ich überhaupt mehr als stottern konnte. Pappbecher mit klebrigem Wein stürzend gab ich wohl, vielmehr eine gute Figur. Daß ich’s seltsamerweise wusste, schadete heute nicht. Wir verbrachten gute Zeit, in der ich lernte: Sie lachte dreistufig, erst hinter schmal vorgehaltener Hand, dann legte sie sie, flach, schmal, auf den Bauch, flach, schmal, schließlich blitzte es in den Augen und sie legte kurz den Kopf zurück: lauthals. Sie saß nie in der Mitte des Sessels, sondern immer ganz links und lehnte nach rechts oder anders herum, immer mit geradem Rücken und wenigstens einer ruhigen Hand auf der Lehne. Ich vermute doch, daß ihr nicht entging, wie ich mich bemühen musste, sie nicht fassungslos anzustarren, denn wenn ich in Gefahr geriet, in Trance zu verfallen, schürzte sie die Lippen leicht asymmetrisch zu einem amüsierten Lächeln und legte wieder vor mit einer weiteren unhaltbaren Behauptung, so daß ich mich ins Reden flüchten konnte. Großer Abend. Dabei entspannt, ich schaffte es sogar, nicht allzu angestrengt hinter ihr her zu sein. Wie alle machte ich die Runde, stand über eine Stunde ohne sie in der Küche und redete mit einem Literaturwissenschaftler und einer hübschen Galeristin in lilanen Wildledersneakers Unsinn über O’Brien und die Frage, welche Fahrräder die besseren Liebhaber seien. Als Susann dann, sehr viel später, aufbrach und, schon mit Schal und festgeschnürtem Mantel, ins verkrümelte Wohnzimmer winkte, packte ich zwei beeindruckte Sessellehnen an, stemmte mich hoch und traf sie im Flur, von wo sie eben in die Küche winkte. Ich frag Laszlo nach deiner Mailadresse, okay?, sagte ich. (Laszlo ein gemeinsamer Bekannter, ist denn sowas möglich?) Sie nickte Klar. Das freute sie, das freute mich — aber sie kürzte die Sache nicht ab und gab mir gleich eine Nummer, sondern winkte noch einmal in die Küche, wartete auf die Zofen, die ihre Röcke aufhoben, gab ein kleines Zeichen mit kreisendem Zeigefinger und schritt hinaus. Als ich nach Hause kam, machte Liegestützen bis ich Sterne vor den Augen hatte und auf die Dielen plockte, rollte auf den Rücken, starrte zur Decke und teilte der zur Unkenntlichkeit übermalten Rosette mit, was hiervon zu halten war: Oh, wow, sagte ich zu dem schäbigen Ding.

Protokoll | link | 16. August 2006