Drei selbstauferlegte Schweigetage später verschickte ich die erste Mail; wir trafen uns im Foyer der Volksbühne. Ursprünglich wollten wir ein Mathaler-Stück sehen, das ich schon kannte, aber wir gestanden uns noch im Foyer schulterzuckend ein, daß wir lieber weitergeredet hätten als zwischen den Kastenbrillen stillzusitzen, und so gaben wir den Plan zugunsten einer etwas ziellosen Suche nach der idealen Bar auf. Die ermutigendste Entdeckung des Abends war sicher, daß wir kaum aufhören konnten zu reden, und wenn, war’s in Ordnung, eine halbe Minute nachdenklich in den Kakao zu schauen. Mit einigem Erstaunen stellte ich fest, daß ich eine Frau vor mir hatte, die viel Zeit damit zubrachte, in einem BMW-Cabrio durch Europa zu fahren und Freunde zu besuchen, ohne dabei blöd zu sein und den belanglosen unschuldigen Unsinn zu reden, den reiche Jurastudentinnen normalerweise von sich geben. Etwas todesmutig deutete ich meine Vorurteile an, aber sie hatte nicht mehr als ein kehliges Lachen für die Tusschen, stimmte mir zu und sagte etwas, das mit jungem Geld zu tun hatte. Weitere Themen des Abends: Ein gutmenschiger, aber ungeheuer liebenswerter französischer Dokumentarfilm, den wir beide auf arte gesehen hatten, Laszlos Verlag und was er mit Tentakeln zu tun hatte, Monkey Island, die Scheußlichkeit von Flip-Flops (eine wichtige Übereinstimmung, notiere ich), ihre Eltern, meine Eltern, Salem, Kracht, gotische (ich) versus romanische (sie) Kirchen, nordisch klotzige Wehrkirchen (ich) gegen mediterrane Basiliken (sie), Rom, Florenz, eine alte, traurige Liebesgeschichte, die in Florenz passiert war (mir), eine alte, auch traurige Liebesgeschichte, die sich in Lindau abgespielt hatte (ihr). Max Frisch und das lachsfarbene Stoffbündel, Max Frisch überhaupt (mein Thema, langer, begeisterter Vortrag). Kafka. Daß Goethe zwar zu Tode verehrt wurde, aber eigentlich doch ein Heilsbringer war. Daß die Deutschen vom Löffel Goethe am Tag leider doch nicht gesund werden. Dann ein harter Themen- und Lokalwechsel. Ihre Gleichgültigkeit gegenüber Dingen und Menschen, die ich abgrundtief hasste. Musik. Meine völlige Inkompetenz, ihr nachlässig betriebenes Klavierspiel, für das sie ihren Eltern trotzdem dankbar war. (Überraschung, dachte ich.) Gemeinsame Vorlieben im U-Sektor: Moloko. Sogar Sigur Rós. Eine Frau, die anständige Musik hörte, eine Frau, der ich gerne zuhörte. Selten. Mit Nick Cave allerdings konnte sie nichts anfangen, bei Björk waren wur uns wieder einig: Toll, eigentlich, aber wie seltsam war das neue Zeug bloß? Obwohl ich schon wusste, daß sie eine klassische Ausbildung gehabt hatte, überraschte mich die sachkundige Leichtigkeit, mit der sie Musik zerlegte und mir erklärte, wovon ich nichts verstand. Ich gewöhnte mich langsam an den Gedanken, daß sie nicht nur gut aussah, sondern ziemlich brilliant war. Nach ein paar Gläsern Wein sagte ich ihr, daß ich mich daran gewöhnte. Es blieb das einzige offene Kompliment des Abends, sie nahm’s geschmeichelt hin. Zum Abschied, um halb drei, gab sie mir eine Porzellanhand und lächelte (sie lächelte), als sie in den Nachtbus stieg. Ich ging zu Fuß, nahm den Umweg durch den stockfinsteren Mauerpark, setzte mich auf eine Schaukel und schaukelte, daß es knirschte im Gebälk und wackelte. Das wär ja was, sagte ich mir. Das wär ja was. Das klappt doch nie, das kann nicht klappen. Typen wie du haben kein solches Glück. Eine wilde dunkle Bö vertrieb mich schließlich von der Schaukel, und flatternden Hemdes floh ich nach Hause.

Protokoll | link | 8. September 2006