Mein Zustand hing damals wesentlich von der Uhrzeit ab. Morgens war ich nur sanft vernarrt in Susann und die Welt und alles, im Lauf des Tages wurde es schlimmer. Gelegentliche Träume, in denen sie vorkam, meist allerdings nur als vage Figur, versuchte ich stundenlang durch Stillliegen und Dösen festzuhalten, spätestens im Badewasser lösten sie sich dann auf in ein wohliges Da-war-doch-was und eine wolkige Überzeugung, daß die Welt eigentlich in Ordnung sei. Den Vormittag konnte ich im Allgemeinen trotzdem fast verbringen wie eh, arbeitend oder lesend also, aber mit dem Mittagshunger des Bohemien zusammen nahm das Gefühl zu, etwas unternehmen und ihr nähertreten zu müssen. Jedesmal wieder erlag ich der irrigen Annahme, nur etwas essen zu müssen, um mich wieder normal zu fühlen und das quälende Drängen im Magen los zu werden, jedes mal wieder stellte ich fest, daß Herr von Westphalen wohl recht hatte: Wer wirklich Sehnsucht hat, verzehrt sich selbst. Kaum hatte ich also meinen Teller weggestellt, bemächtigte sich meiner wieder ein Sehnen, gegen das wahrhaftig kein Mittel mehr half: Essen nicht und auch kein Sport, weder gefangenes Panthern, noch das sinnlose Berühren von Büchern, abschnittsweises Lesen, ab und zu ein Faustschlag ins Gesicht eines Kissens, nichts. Ich lauerte am Notebook, und obwohl ich wußte, daß sich eine Mail durch ein Pling-Geräusch verraten hätte, konnte ich mich nicht zwingen, die Überwachung der Maschine auch nur für eine Weile zu unterlassen. Dabei war Susann damals noch nicht viel mehr als ein aufgeregtes Interesse. Eigentlich eine Hoffnung. Ich empfand keine Eifersucht bei dem Gedanken, daß sie gerade Dinge täte, von denen ich nichts wußte, ich malte mir keine gemeinsame Zukunft aus, nichts dergleichen. Nur ihren Namen flüsterte ich manchmal probeweise, und, mich ertappend, fügte ich lauter hinzu: Da hast du ja was angerichtet. Denn dies immerhin stand fest: Mir war etwas zugestoßen, jetzt musste ich etwas richtig oder falsch machen, ich konnte mich nicht drücken, ich konnte mich nicht herausreden, es würde in den nächsten Wochen interessant werden, oder nicht, aber in keinem Fall würde ich mir hinterher denken können: Na war doch von Anfang an klar. Fiebrig umschlich ich das Telefon und versuchte herauszufinden, was das richtige sei: Anzurufen oder nicht, was würde sie mögen, echte scheue Zurückhaltung oder falsches Draufgängertum, und falls sie die Zurückhaltung vorzöge, wie um alles in der Welt sollte sie davon erfahren?
Eingesperrt kreiste ich und fasste Bücher an, machte die Küche sauber, um dem Nachmittag einen Sinn zu geben und wälzte das Telefonproblem. Ein Gedanke rief mich dabei zur Disziplin: “Wenn es ebensoviele Argumente für das Telefonat wie dagegen gibt: Würfle!” — und ich wußte, daß ich nicht würfeln durfte. Denn ich würde das Ergebnis nicht mögen, egal wie es ausfiele, und hätte mein Problem verdoppelt: Zur Sachfrage käme der Kampf mit mir selbst, denn der Schiedsspruch eines Würfels muß binden, andernfalls der Würfler ja den letzten Rest der Illusion verliert, Herr im eigenen Hirn zu sein.
Nachts, ohne angerufen zu haben und so spät, daß keine Gefahr bestand, es noch tun zu müssen, erlaubte ich mir das Eingeständnis meines Zustands und entwarf mit zitternden Händen Skizzen von Gesprächen, die wir führen könnten; ich spielte blindes Konversationsschach. Zwei oder drei mal machte ich wirklich beinah Sachen, die Mut erfordert hätten, aber Telefonhörer sind seltsame Dinger, wenn man sie sich erst genau anschaut.

Protokoll | link | 12. September 2006