Ich wäre versucht gewesen, die Sache als besonders kuriose paranoide Erfindung abzutun, hätte es nicht auf einer ziemlich unzugänglichen und von Google nicht geindexten Seite eine Beschreibung eines Vril-Aggregats gegeben, das äußerlich bedenklich an die Kugel in meiner Küche erinnerte. Laszlo hatte in kürzester Zeit eine der Hauptquellen für den Mythos um die Vril-Gesellschaft aufgetrieben: Einen Artikel von einem gewissen Willy Ley in dem rundherum bemerkenswerten amerikanischen Magazin “Astounding Science Fiction”. Darin hatte Ley 1947 die Existenz einer Vril-Gesellschaft in den dreissiger Jahren behauptet – und sich über die Gesellschaft und ihr pseudowissenschaftliches Treiben lustig gemacht. Ley war Deutscher, von Beruf Raketenwissenschaftler und Autor und 1935 aus Berlin in die Staaten emigriert. Nach dem Krieg arbeitete er mit von Braun im Amerikanischen Raketenprogramm; der Mann hatte seine Sinne beisammen.

Astounding Science Fiction erwies sich als eine heiße Sache: Im Vorgängermagazin, Astounding Stories, hatte H.P. Lovecraft veröffentlicht. In Astounding Science Fiction dann nicht nur Leute wie Ley, sondern auch: Asimov, Heinlein und Philipp K. Dick – jeder, der heute Rang und Namen hat, schien dort angefangen zu haben. Insbesondere aber Hubbard. Offenbar hatte das Magazin eine ausreichend begeisterungsfähige Leserschaft: Die baute sich nicht nur aus Hubbards Texten Scientology, sondern auch aus Leys Hinweisen und einigen gängigen urban myths eine eigenständige Nazi-Verschwörungsmythologie.
Mit Hilfe von Internet und der Staatsbibliothek zu Berlin hatten wir nach weiteren zwei Tagen herausgefunden, daß es nie eine Vril-Gesellschaft gegeben hat. Diejenigen, die behaupten, Hitler sei Mitglied gewesen, verwechseln sie vermutlich sträflich mit der Thule-Gesellschaft oder reden einfach nur daher. Aber: Es gab eine Gesellschaft, die 1930 in Berlin eine Broschüre namens “Vril” publiziert hat, und eine zweite namens “Weltdynamismus”. Die “Reichsarbeitsgemeinschaft Das kommende Deutschland”. Laszlo und ich lasen die beiden dünnen Bändchen im Lesesaal der Staatsbibliothek. Erstaunlich war, wie harmlos die Texte waren: Das kommende Deutschland war stark national, aber explizit pazifistisch und ohne rassistische Vorbehalte, auch Einstein wurde erwähnt ohne die (wie ich später erfahren sollte) unter nationalsozialistisch empfindenden Halbgebildeten üblichen “Judenphysik”-Ausfälle.

Protokoll | link | 23. September 2006