Die Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße, zu der es mich damals schlaflos zog bei jedem Wetter, ist ein bemerkenswerter Ort. Nicht nur, daß die Bestände beeindruckend sind, das Gebäude selbst scheint nicht von dieser Welt und nur im Innenraum real, ein Bau von Hans Scharoun — der ja, was für mich freilich erst heute relevant und interessant ist, Mitglied von Bruno Tauts Gläserner Kette war.
In den Lesesälen sitzen hunderte von Menschen über Büchern, und über den Büchern und Köpfen tritt das Tageslich durch kugelförmige Öffnungen in viel freien Sakralraum. In der großen Halle wird geblättert, geraschelt, ab und zu geflüstert. Kein Mobiltelefon klingelt, niemand erzählt Mist, jemand raunt, ein Deckel klappt. Es liegt nicht nur an den weichen Teppichböden, daß die komplexe Geräuschkulisse in diesem Haus als heilige Stille wahrgenommen wird unter Schwingen des Verlangens. Ein Ort von Kraft und Konzentration, seiner Nachbarschaft würdig: Die Philharmonie ist gegenüber, und schräg gegenüber die Neue Nationalgalerie. Drei Tempel des Geistes, raunende Gebete der Moderne.
Ich sprach diesen Gedanken aus, als ich mit Laszlo die Potsdamer Straße entlang ging und der Wind schon unter dunklen Wolken an unseren Haaren riß. Hinter uns lagen die alten Tempel und die Eindrücke unserer Recherche, vor uns die jungen Glasfassaden der Sonybauten und die hellen Terracotten des Daimler-Areals. Laszlo zeigte auf die schroffe Sony-Wand und fragte (prophetisch): – Aus Glas, ja, aber warum eigentlich? Eine Raumkunst, Traumkunst ist’s keine. Die Utopianer sind schlaff geworden.

Material für die nächste Schicht. (Die neuen Tempel haben schon Risse.)

Beim Abstieg zur S-Bahn kündigte sich das Unwetter schon an, und als der Zug den Erdboden des Friedhofs der St.-Hedwig-Gemeinde kurz vor dem S-Bahnhof Humboldthain wieder verließ, fuhr ihm ein wuchtiger Windstoß in die Flanke. Ich erreichte meinen drückenden Hinterhof gerade bevor der erste Donner rollte. Eine wilde Bö schlug die Scheiben aus dem Badezimmerfenster meiner Nachbarn; es knallte und schickte Scherbenschauer in den Hof. Ich stand reglos und sah den Regen gegen die Schornsteine kippen, bevor er über die Ränder der Dachrinnen quoll und in unregelmäßigen Kaskaden vor den Fenstern tanzte. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist eine ähnliche Situation auf dem Land, anrollender Donner und Flucht, der Geruch von schnell verdunstendem erstem Regen auf heißem Asphalt, der Geruch von frisch aus der Schale gegessenen Erbsen und kochendem Johannisbeergelee. Über den Hügeln zerwütetes Grau und Birken schütteln sich ängstlich in meine Richtung. Dann Blitze Knacken und Prasseln, das nicht zur Welt passen will: Kleine Hagelkörner schicken erst Nadelspitzen, dann größere, Schläge und Lärm. Binnen kurzem war das Geräusch betäubend und den Innenhof bedeckte spritzendes Eis. Mein Fenster knallte wütend, wenn ein besonders großes Stück einschlug, erschrocken sprang ich zurück. Eine Pause, ein neuer Ansatz; dann aber rissen die Wolken auf und die Sommersonne holte sich das Eis zurück. Innerhalb zwanzig Minuten war der Spuk vorüber; der Innenhof dampfte, als beherberge er nicht den Müll von 30 Mietparteien, sondern eine geschäftig brodelnde Wäscherei, wie man sie im Imperium häufig findet.

Protokoll | link | 24. September 2006