Wir hatten also eine ungefähre Idee, womit wir es zu tun hatten: Mit einem biodynamischen Aggregat zur Urbarmachung einer unerschöpflichen Energieform, die 1930 von einer obskuren Reichsarbeitsgemeinschaft angeblich entdeckt und als zukünftige Energiequelle des Reiches propagiert wurde und die seither keine Rolle mehr spielte, wenn man von dem bizarren Eigenleben absah, das das Gedankengut von der diodynamischen Energie seither führte: Über mehrere Traditionspfade Teil sowohl des revanchistischen Naziokkultismus als auch diverser zeitgenössischer energie-esoterischer Theoriegebäude. Laszlo und ich lasen noch weitere zwei Tage. Wir erfuhren, was aus dem Biodynamismus geworden war: So ziemlich jede okkulte Theorie, die in unseren Tagen neue Energieformen behauptet, von tellurischer Strahlung über Tachyonen bis hin zu Wilhelm Reichs Orgon, alle identifizierten sie ihre Version der geheimnisvollen Energie mehr oder weniger explizit mit dem Vril aus der anonymen Broschüre der Reichsarbeitsgemeinschaft — die allerdings nicht ohne Kontext war. Es gab schon in den zwanziger und frühen dreissiger Jahren auch außerhalb der Reichsarbeitsgemeinschaft einen regen Publikationsbetrieb zur sogenannten Raumkraftlehre. Dünne Heftchen, herausgegeben von wissenschaftlichen Laien im Forschungsfieber, gebaut aus Schulphysik und wilden Methoden. Sie alle, die historischen Laienforscher und heutigen Esoteriker, eint, daß sie nicht wissen, wie Wissenschaft funktioniert. Sie betrachteten sie als eigentlich politisches Phänomen, als ein Herrschaftssystem bezahlter Torhüter und dogmatischer Lehrmeinungen. Die Laien dagegen forschten sich frei in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts. Das waren Leute, die aus Neugier angefangen hatten, im Schuppen mit Elektrizität zu experimentieren oder mit Wasser in Schüsseln, und alle machten sie den Denkstil ihrer jeweiligen Berufsausbildung zur Wissenschaft: Es gab Artillerieoffiziere a. D., die mit dem Grafen Zeppelin bekannt waren und deswegen nach einem “allgemeinen Naturgesetz zur Beherrschung der Lüfte” forschten und mit Haubitzen Versuche zur Schallgeschwindigkeit durchführten. (Ergebnis: Der Schall ist gar nicht immer gleich schnell. Ergo: Licht auch nicht.) Sie stürzten bestehende Gesetze, schlossen “geisteswissenschaftlich” in Analogien und schienen überhaupt eine gärende, begeisterte und gut vernetzte Subkultur zu sein, die sich vor allem am Begriff der Energie berauschte. Es war toll.

Ihre Konzepte wandten sich gegen das, was sie “krassen Materialismus” nannten, und mit religiösem Ernst, unter dem Banner der Wahrheit, stellten sie ihre Konzepte dagegen: “Nicht deshalb werden sie den Sieg davontragen, weil sie von allen Irrtümern frei sind, sondern weil sie dem Geist unserer Zeit entsprechen” — den Geist selbst wollten sie in die Naturwissenschaft zurückholen, der Geistnatur alles Seienden entsprechend. Die Intelligenteren hatten erkennbar Kant und die Idealisten gelesen und eigene Schlüsse gezogen.

Viele von ihnen glaubten an die Möglichket einer neuen Lehre der Raumkraft. So die Leute vom “kommenden Deutschland”, ein gewisser populärwissenschaftlich einflußreicher Elektroingenieur namens Johannes Zacharias, weiters ein Herr Max Valier, der später als einer der Erfinder der Rakete berühmt wurde und schon in den dreissiger Jahren mit Professor Oberth zusammen eine erste Mission in den Weltenraum starten wollte. (Der General horchte auf.)

Die Raumkraftlehren führen alle Kräfte auf Strahlungsbetrieb zurück; sie betrachten die Erde als einen apfelförmigen (und magnetisch apfelförmig strahlenden) lebendigen Motor im Weltraum, aufgespannt zwischen einem mütterlich-negativen Aufbaupol, der Weltkraftkathode am Fruchtboden des Apfels, und einem väterlich-positiven Anschlußpol, der Weltkraftanode, an der Narbe des Apfels. Das Leben, möglich nicht als zufällige Konstellation von Materie, sondern als strahlendes Grundprinzip alles Seienden, strebt aufbauend von einem Pol zum anderen, und die technische Nutzung der lebendigen und schöpferischen Raumkraft — und ihre Umwandlung in Elektrizität — bedarf nur einiger einfacher Apparaturen. Diese verbrennen und zerstören nichts wie die alte Explosiv-Mechanotechnik, sondern als Dynamotechnik zieht die neue Technuk ihre Kraft direkt aus dem lebendig-sprudelnden Quell selbst, dem krafterfüllten Raum. Theosophie, indische Weisheit, biblische Überlieferung (Apfel der Erkenntnis), die mysteriöse Physik der Zeit (Energie ist in Materie wandelbar nach einer einfachen Formel), schließlich die gesamte hermetische Tradition gipfeln in dieser Entdeckung: Der Raumkraft. Und zusammenbrachen Jahrhunderte alte Wissensvorurteile, und der Flammenphönix des Geistes entstieg triumphierend dem verglimmenden Aschenbrand des Scheiterhaufens dogmatischer Schulweisheit, Zitat Ende. Die Artillerieleutnants und Elektroingenieure deckten ein Weltgeheimnis auf im Zeichen des Apfels, in dem alle Wahrheit in Form, Bipolarität und Geschichte schon enthahlten ist. Ihr Slogan war: Durch Tatstrahlung – frei! Und sie nannten sich: Die uranischen Strahlungsmenschen. In Schöneberg, in der Pallasstrasse 7I, hatten sie eine “Volkshochschule für Dynamotechnik” eingerichtet, wo sich die künftige Elite Deutschlands in der Handhabung der neuen Energieform ausbilden lassen konnte.

Protokoll | link | 25. September 2006