Im Halbdunkel der vollgestopften Räume des Tentakel-Verlags nippte ich vom billigen Orangensaft, spielte mit der Fußspitze an einem antiquierten, dunkelgrünen Locher und las vor (ich entfaltete meine Abschrift):

Um der Indifferentialzone eines bipolaren Kraftfeldes beizukommen, müßte es uns gelingen, diese Kraftindifferenz aufzuspalten, d.h. zu differenzieren. Dann hätten wir in jedem stofflichen Bezug, soweit er uns magnetisch vor Augen steht, vier Pole, wobei die beiden peripherischen Aussenpole sich zu indifferenten Polen umbilden könnten, während die in der Mittelzone differenzierten Indifferenzpole kraftaktiv würden. Um ein Wortspiel zu gebrauchen: Das ganze Bestreben geht eigentlich darauf hinaus, Krafindifferenz zur Indifferenz Kraft zu gestalten.

Durch die Lösung des Problems der Differenzierung einer magnetischen Indifferenz wird uns ein Vordringen zur bereits erwähnten Gravitationskonstanten ermöglicht. Die Dynamotechnik ist jene Wege gegangen, die notwendig waren, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Sie löst die Frage dadurch, daß sie einem aus zwei Halbkugeln bestehenden hohlen Kugelmagneten (sphärischen Magneten) einen Stabmagneten zupolt, der sich im Kugelhohlraum befindet und den Kugel-Nord-Südpol zu magnetischem Aggregat verbindet. Wird aus diesen eingebauten Stabmagneten die indifferente Mittelzone herausgeschnitten, dann haben wir das Problem der “Differenzierung der Indifferenz” im magnetischen Kugel-Stabaggregat tatsächlich bewältigt.

Wir erhalten an der Peripherie der sphärischen Magneten zwei indifferente Pole (Nord-Süd-Pol) und im Innern des Aggregats — zwei differenzierte Indifferenzpole am Stabmagneten. Die peripheren Kugelpole sprechen dann genau wie unsere magnetischen Erdpole nur auf bereits polarisiertes (differenziertes) Eisen, wie es uns z.B. in der Kompaßnadel vor Augen steht, an, während die zentralen “differenzierten Indifferenzpole” auch jedes gewöhnliche Eisen (indifferentes Eisen) anziehen! Wird dieser sphärische Magnet nun noch als Vakuum eingerichtet (luftleer gemacht), so schaffen wir heridurch die Möglichkeit, ektropistische Energie aus der aufgeschlagenen Indifferenzzone zur technischen Verwertung an Hand zu bekommen. Wird unsere Kugel mit einem elektrischen Potential (akkumulierte Elektrizität) geladen, und der Akkumulator in seinem Stromkreis geerdet, wobei die Stromkreisschaltung erst durch Schluß der in den beiden hohlen Stabmagneten eingebauten, “chemischen Füllmasse” – des vitalelektrischen Schließungsleiter (Kohärer, Fritter) zustande kommt, so bedarf es hierzu lediglich nur einer spezifischen magnetischen Sendung (Anregungsimpuls) durch die “Urmaschine”, um aus dem Erdkraftfeld die abgenommene Energie ständig selbsttätig ergänzen zu können”.

Ich gönnte dem General eine Pause an dieser Stelle, er holte sich nun ebenfalls Orangensaft, schenkte ein und hörte weiter mit amüsierter Miene zu. – Also? fragte er.

Also wussten wir, womit wir es in meiner Küche zu tun hatten: Einem Biodynamo, basierend auf dem uralten Prinzip des kalten Feuers, um 1920 neu formuliert von begeisterten Laienwissenschaftlern, 1930 neu formuliert und mit Bauanleitungen herausgegeben von der Reichsarbeitsgemeinschaft, 1947 spöttelnd von einem deutschen Raketenwissenschaftler in einem amerikanischen Science-Fiction-Magazin erwähnt und seither als geheimnisvolle und mythenumwobene Maschine einem esoterischen Untergrund wohlbekannt.

Unmittelbar einleuchtend, warum der alte Wernitz die Apparatur so dringend haben wollte: Er wollten in den Besitz der universalen Macht der Vril-ya im Roman von Bulwer-Lytton gelangen.

– Erklären Sie mir das, wir kennen den hier nicht, sagte der General. Ich erklärte ihm, daß der Roman, mit dem Titel, nun, eben: “Vril”, auch im Imperium verfügbar sein müsste, Edward Bulwer-Lytton war ein Zeitgenosse Lovecrafts. Nur kennt ihn kaum jemand, und zwar auch in den Tiefebbefrostgebieten nicht, weil seine phantastischen Romane von einer kaum zu überbietenden Langweiligkeit sind. So auch “Vril”, ein Reisebericht aus dem Inneren der Erde, wo die Vrilya wohnen, “the coming race”, ein Geschlecht von Wesen, die das Vril beherrschen. Der Roman behandelt vor allem die Frage, wie eine Gesellschaft beschaffen sein müsste, in der jedem Mitglied jederzeit ungeheure Zerstörungsmacht zur Verfügung stünde. Unglücklicherweise wäre in so einer Gesellschaft, so lange sie eben bestünde, leider zu wenig los, um Stoff für einen spannenden Roman abzuwerfen. Die Reichsarbeitsgemeinschaft hat aus dem Buch deswegen auch eigentlich nur den Namen der universalen Kraft übernommen: Vril.

Protokoll | link | 26. September 2006